Kai Wiesinger

Schon seit vielen Jahren gehört er fest in die erste Reihe von Deutschlands Schauspiel-Riege: Kai Wiesinger. Nicht immer fällt der gebürtige Hannoveraner durch die Hauptrolle, aber immer durch ein besonders sensibles Spiel auf. Ob als Pianist Erwin in „Comedian Harmonists“ oder als Christian Wulff in „Der Rücktritt“ – Kai Wiesinger überzeugt. Zum Schauspielunterricht ermuntert wird er bereits in der Kindheit – von seinen Eltern. Sie sind es auch, die dem damals fotobegeisterten Zehnjährigen eine Dunkelkammer – eingerichtet in der Gästetoilette – zu Weihnachten schenken. Kai Wiesinger liebt es, seine Zeit dort zu verbringen und sieht sich in der Zukunft bereits als berühmter Tierfotograf à la Heinz Sielmann. Heute haben es seine Werke in zahlreiche Galerien und Ausstellungen geschafft und werden von den Kritikern hoch gelobt. Doch zeigen sie keine Tiere in der Serengeti oder am Südpol, vielmehr befasst sich Kai Wiesinger auf eine zum Teil blutrünstige Art und Weise mit dem Menschen und ihren Gefühlen und der Morbidität. Im Privatleben greift er – wie vermutlich die meisten von uns – bestenfalls zum Handy, wenn er seine Familie ablichten möchte. Neben seinen beiden Töchtern – aus der Ehe mit der verstorbenen Schauspielerin Chantal de Freitas – gehören jetzt Lebensgefährtin und Schauspiel-Kollegin Bettina Zimmermann und deren Sohn ebenfalls mit aufs Bild.

Fotos: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

Wenn ich meine Bilder ausstelle, dann ist das meine alleinige Arbeit und hat ausschließlich mit mir zu tun.

Die Fotos, die ich mache, sind sehr nah an mir dran.

In einem Film stellt man sich in den Dienst der Figur – hinter ihr kann man sich sehr gut verstecken.

Doch die Darstellung einer Figur kann sehr intim sein. Nicht nur in den Nacktszenen. Auch in Wintermänteln.

Ich fürchte mich nicht vor Kritik. Selbst bei einem Verriss handelt es sich nur um eine persönliche Meinung, die ich akzeptieren kann.

Wenn ich weg bin und an Hamburg denke, dann sehe ich weiße Gebäude, blauen Himmel und das Wasser.

Früher bin ich jeden Tag um die Alster gejoggt – natürlich auch mit dem Kinderwagen.

Am Hafen erreicht einen das Fernweh. Wenn ich an der Brüstung stehe denke ich oft: Wo würde ich hinfahren wollen, wenn ich auf einem dieser dicken Pötte säße.

In meinen Bildern geht es um die Morbidität unserer Welt.

Ich glaube der Mensch ist viel archaischer und primitiver als er denkt. Er nimmt sich als etwas Besonderes wahr – dabei ist er das vermutlich gar nicht.

Man geht raus und benimmt sich in seinen Klamotten so, wie es die Gesellschaft verlangt. Denn nur so kann die Gesellschaft auch funktionieren. Dabei ist der Mensch in seinen Grundbedürfnissen eigentlich rau und primitiv.

Ob als Schauspieler oder Fotograf – ich bin immer ein Künstler, der Fragen stellt.

Ich bin Schauspieler geworden, weil ich etwas verändern und Einfluss nehmen wollte.

Um beim Film das machen zu können, was ich in der Fotografie mache, müsste ich den Film selber produzieren und selber verleihen, ohne dabei auf jemanden Rücksicht nehmen zu müssen.

Je älter ich werde, desto mehr komme ich dazu, Dinge für mich zu machen: Arbeit, die ich liebe, an der ich Spaß habe und die mich glücklich macht.

Zur Fotografie bin ich durch meinen Vater gekommen. Er war noch ein Reporter der alten Schule.

Text: Für HANSEstyle traf Nicola Millies Schauspieler Kai Wiesinger.