HANSEstyle Serie – Hamburger Ikonen: im Gespräch mit Dr. Michael Otto

Dr. Michael Otto
Voller Visionen und Tatendrang: Dr. Michael Otto im "Hamburger Ikonen"-Gespräch mit Jenny Falckenberg und Christian Bauer

Hinfallen. Aufstehen. Weitermachen!

Er ist Unternehmer, Mäzen und Visionär. Und der erste Gesprächspartner
für die neue HANSEstyle-Serie „Hamburger Ikonen“: Dr. Michael Otto. 

Der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Otto Group gilt als einer der erfolgreichsten und einflussreichsten Unternehmer des Landes. Unter anderem baute Dr. Michael Otto das Hamburger Unternehmen mit einem Onlineumsatz von rund 7,7 Milliarden Euro zu einem der weltweit größten Onlinehändler und zum zweitgrößten E-Commerce-Player Deutschlands aus. Wer mit diesem deutschen Unternehmer zum Beispiel über die Digitalisierung spricht, wird sofort von seinen Visionen und seinem andauernden Tatendrang mitgerissen. Neben seinen beruflichen Erfolgen zeichnet den Hamburger Ehrenbürger ein tiefgreifendes soziales Engagement aus: Er gehört nicht nur zu den wichtigsten Mäzenen der Stadt, sondern er arbeitet auch an den Lösungen für die drängenden Fragen unserer Zeit mit – wie Klimaschutz und Migrationsbewegungen. Dr. Michael Otto feiert in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag. 

HANSEstyle: Empfinden Sie es als Verpflichtung, dass sich wohlhabende Menschen für sozial Schwächere einsetzen?

Dr. Michael Otto: Wenn jemand finanziell besser gestellt ist, erwarte ich, dass er auch Verantwortung gegenüber der Gesellschaft wahrnimmt. Doch es spielt keine Rolle, wie vermögend jemand ist. Zum Beispiel kann man sich im Eltern- oder Kirchenkreis engagieren. Alle Bürger sollten sich einbringen. Wer die Möglichkeit hat, die Gesellschaft zu verbessern, hat auch die Verpflichtung, es zu tun. 

Sie engagieren sich intensiv für Nachhaltigkeit. Welche Ziele verfolgen Sie mit der Stiftung „2 Grad – Deutsche Unternehmer für Klimaschutz“?

Das Ziel der Stiftung ist, den CO2-Ausstoß zu verringern und schrittweise auf Null zu senken. Doch dafür müssen wir als Gesellschaft sehr viel mehr tun, als wir derzeit unternehmen. Der Kohleausstieg zum Beispiel: Es ist irrwitzig, dass heute noch Dörfer umgesiedelt werden, um Braunkohle abzubauen, obwohl wir wissen, dass Kohle keine Zukunft hat. Wir benötigen dringend die konsequente Energiewende, doch leider gibt es keine klaren Etappen-Ziele für die nächsten 30 Jahre. Es reicht nicht zu sagen, dass der CO2-Ausstoß im Jahr 2050 um 90 Prozent im Vergleich zu 1990 reduziert sein soll. Uns fehlen eindeutige Zwischenziele, die verfolgt werden. Außerdem haben wir noch immer Gesetze und Verordnungen, die innovative Ansätze verhindern. Es hapert am Mut, neue Wege zu gehen. Ängstlichkeit und Bürokratie verhindern Veränderung. Das ärgert mich.

Sie selbst gehen mit der Otto Group konsequent neue Wege – auch im Hinblick auf die Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt. Worin sehen Sie für Ihr Unternehmen derzeit das größte Potenzial?  

Wir sind ein absolut digitales Unter-nehmen. 90 Prozent unseres Umsatzes im Einzelhandel generieren wir online. Das größte Potenzial sehe ich derzeit beim vernetzten Heim. Kunden steuern über ein Gerät, zum Beispiel das Smartphone, ihr ganzes Zuhause: Licht an, Musik ein oder die Rollläden runter. Dieser Ansatz des „Smart Homes“ wird  weiter zunehmen – bis hin zu der Idee, dass die Kaffeemaschine automatisch Kaffeekapseln nachbestellt, wenn sie leer sind. Besonderes Potenzial sehe ich für uns im Moment bei der Individualisierung der Artikelangebote. Wir haben auf unserer Online-Seite rund zwei Millionen Produkte, bald werden es drei bis fünf Millionen sein. Bei dieser Größenordnung müssen wir einem Kunden, der nicht gezielt nach einem Produkt sucht, sondern der einfach etwas bummeln möchte, Artikel anzeigen, die ihn auch wirklich interessieren.

Im Hinblick auf die Zukunft investiert die Otto Group unter anderem in junge Unternehmen. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Start-ups aus, an denen Sie sich beteiligen?

Sie sollten technologieaffin und digital aufgestellt sein. Dabei unterstützen wir sie nicht nur finanziell, sondern auch im Marketing oder der IT. Derzeit haben wir mehr als 250 Beteiligungen. Doch nicht nur sie durch uns, auch wir profitieren stark von den Start-ups. Durch sie sind wir immer nah dran an den Entwicklungen in der Welt und das durch sie gewonnene Know-how treibt zugleich die Digitalisierung unseres ganzen Unternehmens voran.

Welchen Rat haben Sie für junge Unternehmerinnen und Unternehmer?  

Sie müssen von ihrer Sache überzeugt und mit ganzem Herzen dabei sein. Dafür müssen sie einen hohen persönlichen Einsatz in Kauf nehmen. Dazu gehört natürlich auch, viel Zeit in die eigene Firma zu investieren. Sie dürfen sich nicht vom Scheitern abhalten lassen. Ich sage: hinfallen, aufstehen, weitermachen! Und sich niemals entmutigen lassen.

Bei Ihrer Stiftung „Aid by Trade Foundation“ verfolgen Sie den nachhaltigen Ansatz „Hilfe zur Selbsthilfe“. Wie sieht das konkret aus?

Die Stiftung „Aid by Trade Foundation“ habe ich mit dem Ziel gegründet, afrikanischen Baumwollkleinbauern bessere Anbautechniken mit Nachhaltigkeits- und Sozialstandards beizubringen. Zu unseren Nachhaltigkeitsstandards gehört zum Beispiel, dass der Boden dauerhaft fruchtbar bleiben soll und zu den Sozialstandards das Verbot von Kinderarbeit. Wir schulen die Baumwollbauern, so dass sie dauerhaft nachhaltig anbauen und mit ihrer Familie von der eigenen Arbeit leben können. 

Während der Flüchtlingskrise haben Sie sich sofort für die zugereisten Menschen in Hamburg eingesetzt. Wie kann sich zum Beispiel Ihre Stiftung „Aid by Trade Foundation“ auf die Migrationsbewegungen in Afrika und die Flüchtlingssituation in Europa auswirken?

Menschen verlassen ihre Heimat ja nur, wenn sie dort nicht überleben können. Wenn sie zu Hause ihre Familien ernähren und ihren Kindern Bildung garantieren können, werden sie ihr Land nicht verlassen. Die Menschen in Afrika hängen doch genauso an ihrer Heimat wie wir. Unser Ansatz funktioniert: Ich bin jedes Jahr in ein bis zwei afrikanischen Ländern. Zu Beginn dieses Jahres war ich in Tansania. Dort habe ich mir zum Beispiel die Schulungen der Baumwollbauern angeschaut. Ich bin erfreut, wie es vorangeht – sie haben ihre Ernteerträge verdoppeln und teilweise verdreifachen können. Heute nehmen rund 780.000 Baumwollbauern in zehn afrikanischen Ländern an unserem Programm teil. Mit ihren Familien sind es mittlerweile rund 6,5 Millionen Menschen, die von unserem Engagement profitieren. 

Nachhaltigkeit ist auch für Hamburg ein wichtiges Thema, zum Beispiel in der Diskussion um den Verkehr in Großstädten. Welchen Ansatz sehen Sie für die Hansestadt?

Generell muss es im Stadtverkehr eine Entwicklung hin zu Elektrofahrzeugen geben. Wir als Unternehmen müssen in Hamburg – und überall sonst – bei der Paketzustellung deutlich umweltfreundlicher werden. Unser Ziel ist, dass wir Pakete in den Großstädten nur noch mit Elektrofahrzeugen zustellen. Kürzlich haben wir die ersten 1.500 Elektrosprinter bestellt. Ein anderer, zusätzlicher Weg kann sein, die Pakete aus Depots mit Elektrofahrrädern zuzustellen.

Also ist die Vision der Paketauslieferung mit Drohnen vom Tisch?

Die Vorstellung von Drohnen in der Stadt wäre dann doch zu futuristisch. Ich möchte auch nicht in einer Stadt leben, in der hunderttausend Drohnen umherschwirren. Drohnen haben eine Chance, wenn es um den eiligen Versand von medizinischen Produkten in entlegene Gegenden geht oder darum, ein Paket an einen Hallig-Bewohner oder Bergbauern zuzustellen. Wir testen derzeit Roboterfahrzeuge, die von den Paketshops zu den Kunden fahren. Der Kunde erhält eine Benachrichtigung, sobald der Roboter vor der Tür steht. Anhand eines Codes kann der Kunde sein Paket auslösen. Der Roboter wird derzeit permanent von einem Mitarbeiter begleitet. Wie sich dieses Projekt weiterentwickelt, ist heute allerdings noch nicht abzusehen. 

Sie sind einer der wichtigsten Stifter und Mäzene der Stadt. Unter anderem unterstützen Sie das Jugendmusikprojekt „The Young ClassX“, mit dem Sie Kinder im Bereich der klassischen Musik fördern. Aus welchem Grund haben Sie sich für diese Unterstützung entschieden?

Wir möchten junge Menschen an klassische Musik heranführen. Begonnen haben wir an Brennpunktschulen, weil die Schülerinnen und Schüler dort zum Teil überhaupt keinen Musikunterricht erhalten. Dabei haben wir festgestellt, dass dort eine unwahrscheinliche Begeisterung für Musik herrscht. Wir haben Schülerinnen und Schüler entdeckt, die zuvor selbst nicht wussten, was für eine tolle Stimme oder was für ein Talent sie für ein Musikinstrument haben. Musik ist eines dieser Dinge, die Menschen unabhängig von Alter, ethnischer Herkunft, sozialer Schicht oder Sprache verbindet. Und da wir die Elbphilharmonie in Hamburg haben, ist es doch auch toll, dass wir ein dazu passendes, musikinteressiertes Publikum aufbauen. 

Sie haben festgelegt, dass der Konzernsitz der Otto Group langfristig in Hamburg bleiben wird. Was bedeutet Ihnen die Stadt? 

Hamburg ist eine internationale, tolerante und weltoffene Stadt. Unser Unternehmen wurde hier gegründet, ich selbst bin in Hamburg aufgewachsen. Ich habe also eine ganz persönliche Beziehung zur Stadt. Unser Unternehmen profitiert von der Infrastruktur, von der Ausbildung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort und natürlich auch von unseren Kundinnen und Kunden hier. Ich bin der Meinung, dass man dann auch seine Steuern hier zahlen sollte. Ich möchte sicherstellen, dass die Arbeitsplätze in Hamburg erhalten bleiben. Mit der Entscheidung, dass der Konzernsitz dauerhaft in der Stadt bleibt, ist unsere Zukunft in Hamburg gesichert.

Das Gespräch führten: Jenny Falckenberg
und Christian Bauer

Fotos: Ulrich Lindenthal-Lazhar