Der Spiegel der Seele – Im Gespräch mit Dr. Michael Kämper

Dr. Michael Kämper

Er gibt uns Halt und ist unsere größte Stütze – unser Rücken. Doch ein Großteil der Bevölkerung hat mit ihm zu kämpfen. Schmerzen und Bewegungseinschränkungen sind zwei der häufigsten Gründe, warum Patienten zu Dr. Michael Kämper, Leitender Arzt der Neurochirurgie am Berufsgenossenschaftlichen (BG) Klinikum Hamburg, kommen. Der Mediziner erklärt, wie es zu den belastenden Beschwerden kommt, wie Sie vorbeugen können und bei welchen Symptomen Sie einen Arzt aufsuchen sollten. 

Warum haben Sie sich für das Fachgebiet der Neurochirurgie entschieden?
Das Gebiet der Neurochirurgie ist sehr feingliedrig und teilweise noch recht unerforscht. Genau das gefällt mir und macht es so spannend. Besonders interessant dabei ist die Mikroneurochirurgie – feine Operationen unter anderem am Gehirn, dem zentralen Nervensystem und dem Rückenmark.

Rückenschmerzen und muskuläre Verspannungen gelten als Volkskrankheiten. Wie ist Ihre Erfahrung in den täglichen Sprechstunden?
Das stimmt. Der Großteil unserer Patienten kommt wegen Rückenleiden zu uns. Neben denen, die uns wegen allgemeiner Rückenschmerzen aufsuchen, behandeln wir meist eher die chroni-fizierten Fälle und schwereren Erkrank-ungen. Diese Patienten waren bereits in Vorbehandlung beim Hausarzt oder in orthopädischen Zentren. Erst wenn die Beschwerden therapieresistent sind, Schmerzen nicht gelindert werden können oder mit neurologischen Ausfällen einhergehen, kommen die Patienten in die Neurochirurgie. Um ein paar Zahlen zu nennen: In Deutschland leidet über ein Viertel der Frauen an Rückenschmerzen, die im Schnitt über einen Monat pro Jahr behandelt werden müssen. Bei den Männern sind es 20 Prozent. Rückenschmerzen sind eine Zivilisationskrankheit.

Welche Auslöser für Rückenschmerzen gibt es?
Oft entstehen Rückenschmerzen durch eine Zwangshaltung, zum Beispiel beim Arbeiten am Computer oder durch körperlich stark belastende Tätigkeiten. Abgesehen davon sind oftmals Personen, die wenig Sport treiben, betroffen. Eine Risikogruppe stellen ebenfalls Patienten mit psychosozialen Problemen dar.

Wie kann man Rückenschmerzen vorbeugen und was empfehlen Sie Betroffenen? 

Wichtig ist die Schaffung einer guten körperlichen Voraussetzung. Ziel ist es, die Wirbelsäule zu entlasten, indem man die Rücken- und Rumpfmuskulatur aufbaut, das körpereigene Muskelkorsett der Wirbelsäule stärkt, das Gewicht normalisiert und Risikofaktoren wie zum Beispiel Zucker minimiert. Sind die Probleme des Patienten auf die Situation am Arbeitsplatz zurückzuführen, raten wir dazu, öfter mal die Position zu wechseln und nicht in einer Zwangshaltung zu verharren. Grundsätzlich sollte man seinen Alltag rückengerecht optimieren, verschiedene Rückenübungen in die Alltagsroutine einfließen lassen und lernen, automatisch richtig zu sitzen und zu heben. Bei Beschwerden verschreibt der Hausarzt in der Regel sechs Sitzungen beim Rückenspezialisten, bei denen die Patienten wichtige Rückenübungen erlernen.

Bei welchem Beschwerdebild sollte man einen Arzt aufsuchen?
Ist man körperlich aktiv, normalgewichtig und hat alle Hausmittel ausgereizt, sollte man bei nicht kontrollierbaren Schmerzen den Arzt aufsuchen. Nicht kontrollierbar bedeutet, dass die Schmerzen so stark oder sogar chronisch sind, dass sie die Lebensqualität beeinflussen. Ein Beispiel sind Schmerzen im Gesäß oder in den Beinen, die die Gehstrecke einschränken. Hierbei handelt es sich um spezifische Rückenleiden, die unbedingt abgeklärt werden sollten. Spätestens wenn sich Ausfallerscheinungen wie ein Kribbeln oder Schwächen in den unteren oder oberen Ex-tremitäten einstellen, sollte Hilfe beim Arzt gesucht werden.

Welche Folgeerkrankungen können aus Rückenschmerzen oder Verspannungen entstehen?
Ein nicht behandelter Rückenschmerz kann sich chronifizieren und zu weiteren Problemen führen. Kann der Patient aufgrund seiner Rückenschmerzen nicht arbeiten oder familiären Verpflichtungen nachkommen, wird daraus schnell und nicht selten ein Teufelskreis, der sich auf die Psyche auswirken kann. Daher wird der Rücken auch Spiegel der Seele genannt. Weitere Folgen können ein schneller voranschreitender Verschleiß der Wirbelsäule oder Bandscheibenvorfälle sein.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Es gibt viele Möglichkeiten, um dem Patienten zu helfen – von der semi-invasiven Injektionstherapie bis hin zu mikrochirurgischen Operationen. Doch egal, welche  Behandlung wir durchführen, der Patient trägt die Verantwortung dafür, dass der positive Effekt nach der Therapie erhalten bleibt. Es gilt: Ein rückengerechtes Leben ist unumgänglich.

Was zeichnet das BG Klinikum Hamburg aus?
Im BG Klinikum Hamburg können wir, dank der Berufsgenossenschaften als Krankenhausträger, nach dem Leitspruch „Heilen und Helfen mit allen geeigneten Mitteln“ arbeiten. Wir konzentrieren uns voll und ganz auf die Bedürfnisse der Patienten und wir haben sehr hohe Standards. Dabei achten wir stets darauf, dass wir den Patienten nur die Therapie empfehlen, die wirklich Sinn macht und von der sie am Ende profitieren, so dass wir unserem Slogan „Spitzenmedizin menschlich“ auch gerecht werden.
Das Behandlungsspektrum des BG Klinikum Hamburg wurde seit seiner Gründung 1959 weiterentwickelt und ausgebaut. Im Neurotraumatologischen Zentrum, zu dem die Neurochirurgie gehört, können inzwischen eine Vielzahl neurochirurgischer Krankheitsbilder versorgt werden. Da es im Hamburger Osten außer unserer keine weitere Neurochirurgie gibt, versorgen wir hier auch von Hirntumoren und Blutungen betroffene Patienten aus der Umgebung.

Was tun Sie persönlich um sich gesund und Ihren Rücken fit zu halten?
Ich treibe Sport – Fußball, Joggen und Radfahren – und achte auf mein Gewicht. Ich versuche immer in Bewegung zu bleiben – im wahrsten Sinne des Wortes. Das ist nicht nur gut für den Rücken sondern auch für das Leben.

Im Gespräch mit: Florian Schmidt
Aufmacherfoto: Tim Wendrich

 

Dr. Michael Kämper
Dr. Michael Kämper wurde 1964 in Göttingen geboren, wuchs im niedersächsischen Oldenburg auf und kam 1988 für das Medizinstudium nach Hamburg. 1994 begann er seine Facharztweiterbildung in der Neurochirurgie in der Asklepios Klinik Altona. Im Anschluss wurde er dort als Oberarzt mit dem Schwerpunkt auf Operationen von Hirntumoren und Aneurysmen tätig. Unter anderem war Dr. Kämper dort maßgeblich an der Entwicklung der Neuroonkologie beteiligt. Nach einer weiteren Station als Kinderneurochirurg in Würzburg wechselte er vor etwa drei Jahren an das BG Klinikum Hamburg (damals noch Unfallkrankenhaus Boberg) und ist dort seitdem Leitender Arzt der

. Dr. Kämper lebt mit seiner Frau in Hamburg. Vor allem die Nähe zum Meer und das kulturelle Angebot der Hansestadt begeistern ihn.