„Das ist meine Handschrift!“

Kathrin Musswessels trägt ihre eigene Kollektion: T-Shirt Gennet, Hose Fisch und Jacke Vintage | Foto: Simone Rudloff für HANSEstyle

Die Designerin Kathrin Musswessels und ihre klaren, androgynen Schnitte mit femininen und raffinierten Details

Kathrin Musswessels ist fest in Hamburg verwurzelt. Ihr Credo lautet: Weniger ist mehr. In Designfragen schlägt sie gern leise Töne an. Wir trafen die 37-jährige Modeschöpferin in ihrem Geschäft und Studio auf St. Pauli und sprachen über ihren Werdegang und ihre Inspiration.

Das Musswessels-Geschäft und Studio in der Clemens-Schultz-Straße vereint Neues und Altes
Das Musswessels-Geschäft und Studio in der Clemens-Schultz-Straße vereint Neues und Altes | Foto: Simone Rudloff für HANSEstyle

„1979 wurde ich in Stade geboren. Meine Großmutter war Schneiderin und hatte starken Einfluss auf mich. Die Ruhe und Ausgeglichenheit, mit der sie mit ihren Händen und aus eigener Vorstellungskraft heraus etwas entwickelte, das es zuvor noch nicht gab, faszinierte mich zutiefst. Bereits als Fünfjährige habe ich für meine Familie eine fast hundertteilige Sonnenbrillenkollektion aus Pappe und farbigen Folien entworfen. Zu diesem Zeitpunkt war mir innerlich bereits bewusst, dass ich in Zukunft etwas mit meinen Händen machen möchte.

Als ich mich nach dem Abitur an einer Mode-Universität bewerben wollte, waren meine Eltern – beide Akademiker – sehr skeptisch. Doch meine Schwester gab mir Mut und so habe ich zuerst an der Modeschule JAK und dann an der HAW Hamburg studiert, dort erschien mir das Studium freier und weniger verschult zu sein. 2005, direkt nach dem Studium, durfte ich der Designerin Zille Homma Hamid bei ihrer Kollektion in Berlin assistieren. Im Anschluss habe ich zwei Jahre lang bei dem Modekonzern Marc Aurel, am Standort Gütersloh, als Designerin gearbeitet. Diese Zeit hat mir gezeigt, was ich eigentlich will: Anstatt in einem großen Unternehmen technische Zeichnungen für Stücke anzufertigen, die dann tausendfach produziert werden, wollte ich vielmehr mit Liebe individuelle Kleidungsstücke entwickeln, die ich mir im Stillen ausgedacht habe. Mir wurde klar, dass ich meine eigene Handschrift entwickeln und ein eigenes Label gründen muss – in Hamburg. Ich bin ein eher ruhiger und nach innen gekehrter Typ und fühle mich in unserer Hansestadt fest verwurzelt.

Overall Baal
Overall Baal

Mein erstes eigenes Atelier befand sich in dem Concept Store Anberg in Eppendorf, in der Isestraße, später dann in der Künstlerateliergemeinschaft 2025. Parallel leitete ich das Hamburger Outlet von Herr von Eden, das war eine intensive Zeit. Vor sechs Jahren eröffnete ich dann mein heutiges Geschäft auf St. Pauli und begann mit Vintage-Kleidung, die ich gekauft und umgenäht habe. Das war schon immer eine Leidenschaft von mir. Nach und nach etablierte ich meine eigenen Damen-Kollektionen. Außerdem liebe ich alte und schöne Dinge wie Kunstgegenstände oder Accessoires. Diese vereine ich mit meinen Kollektionen in meinem Geschäft. Ich versuche mit jeder Kollektion eine neue Geschichte zu erzählen. Klare, androgyne Schnitte mit femininen und raffinierten Details – das ist meine Handschrift, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichten zieht. Wenn ich mittlerweile täglich meine Kleidungsstücke auf der Straße wiedererkenne, bin ich immer noch sehr euphorisch. Ich habe nun ein Jahr „Modedesign & Konzept“ an der HAW Hamburg unterrichtet, das bereitet mir viel Freude.

Mich inspiriert vieles, ich bin eine Art Schwamm. Besonders frei fühle ich mich mit meinen Gedanken auf dem Land. Im Grünen entwickelt sich eine ganz eigene Ästhetik. Meine Stimmung ist ausschlaggebend für eine Kollektion, ich erzeuge eine Linie im Kopf und wähle Farben aus. Diese versuche ich im Zeitgeist zu verankern. So verkörpert meine aktuelle Frühjahrs- und Sommerkollektion das Gefühl, frei zu sein, keinen Zwängen zu unterliegen. ‘Tage am Strand. Alles ist luftig und leicht’ – das habe ich versucht mit Farben, Stoffen und Schnitten auszudrücken. Von der Entwicklung bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Kollektion in meinem Laden hängt, braucht es etwa drei Monate. Die Schnittmuster könnte ich beispielsweise auch mit dem Computer erstellen, doch die Linien, die ich per Hand zeichne, entsprechen eher meinen Vorstellungen als umgekehrt. So kommen die Muster von mir und gehen mit den von mir ausgesuchten Stoffen in Produktion. Meine Kollektion ist auch online erhältlich.

Die Modeschöpferin lässt sich bei ihrer Arbeit gern über die Schulter gucken | Foto: Simone Rudloff für HANSEstyle
Die Modeschöpferin lässt sich bei ihrer Arbeit gern über die Schulter gucken | Foto: Simone Rudloff für HANSEstyle

Da ich in meinem Geschäft und Atelier hauptsächlich im Stehen arbeite, suche ich den Ausgleich in meiner Freizeit. Am liebsten powere ich mich beim Laufen oder im Fitnessstudio richtig aus. Bei meinen Ausflügen fotografiere ich leidenschaftlich gern und lasse mich so für neue Farbkombinationen inspirieren. Außerdem besuche ich häufig Konzerte – die Hamburger Musikszene überrascht mich immer wieder.“

Im Gespräch mit: Sarah Bischoff