Barmbek ist nicht Blankenese

Andenken in Barmbek: Mit dem riesigen Schneidrad TRUDE (Tief Runter Unter Die Elbe) wurde eine der Elbtunnelröhren gebohrt

Barmbek war immer eine eigene Welt, gestern wie heute. 1271 erstmals urkundlich erwähnt als Bernebeke, ein kleines Dorf am gleichnamigen Bach. Aus dem Gewässer wurde die Barnebeke und aus dem Dörflein Barnbek. Barn bedeutet so manches: in Österreich Futterkrippe, in England Scheune und hier in Norddeutschland eng oder schmal – und Beke steht für Bach. Die einstige Barnebeke heißt heute Osterbek. Das Dorf Barnbek wurde 1871 zur Hamburger Vorstadt Barmbek. Und ab 1894 eingemeindeter Stadtteil, der in kurzer Zeit aus dem Boden gestampft worden war, als neues Zuhause für Teile der rund 26.000 Hamburger, die beim Bau der Speicherstadt weg vom Kehrwieder und Wandrahm umgesiedelt werden mussten. Vor allem nach Barmbek, Hammerbrook oder Eimsbüttel. 

So wurde aus der einst dörflichen Idylle binnen weniger Jahrzehnte ein wichtiges Arbeiterwohnquartier. Zunächst als Vorstadt mit viel Handwerk und Industrie, schon bald darauf das Stadtgebiet mit der damals größten Einwohnerzahl. Bis zum Sommer 1943, als Barmbek während der Operation Gomorrha von alliierten Bombern in Schutt und Asche gelegt wurde. Mit dem Ziel, die Moral der dort wohnenden Arbeiterschaft zu brechen.

Die AlsterCity am Osterbekkanal

Barmbek erstreckt sich heute von der Steilshooper Allee im Norden bis hinunter zum Eilbekkanal im Süden; im Westen auf der Linie Rübenkamp/Winterhuder Weg und im Osten vom Elligersweg entlang dem Seebek-Flüsschen und weiter auf der Krausestraße. Die Grenze zwischen Barmbek-Nord und -Süd bildet der Osterbekkanal. Dieses ganze Gebiet zu erlaufen erfordert einige Kondition; besser man überbrückt größere Streckenabschnitte mit dem Fahrrad oder hat sein Auto dabei.

Die Hamburger Straße war einmal eine Straße der Warenhäuser

Starten wir in Barmbek-Süd. Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Hamburger Straße der zweitwichtigste Einkaufs-Boulevard der Hansestadt, nur übertroffen von der Mönckebergstraße. Dort wo heute das Shopping-Center Hamburger Meile und die drei Mundsburger Hochhaustürme stehen, befand sich damals Hamburgs größtes Kaufhaus, das burg-ähnliche Karstadt-Warenhaus. Und entlang der Hamburger Straße gab es weitere 290 Einzelhandelsgeschäfte und Gaststätten – bei Kriegsende alles nur noch Schuttberge. Doch die Barmbeker hatten ihren Humor nicht verloren; mein Großvater erzählte, als er ein oder zwei Jahre nach Kriegsende in Hamburg war und an der zerstörten Hamburger Straße stand, da hätte jemand gespöttelt: „Das nun war einmal eine Straße der Warenhäuser.“ Und dann mit großer Geste über die Trümmerberge rechts und links: „Hier waren Häuser, da waren Häuser und dort drüben waren auch welche!“ An das Elend dieser Kriegsjahre mit den vielen Toten erinnert ein Mahnmal am U-Bahn-Ausgang Mundsburg zwischen Hamburger Straße und Oberaltenallee.

Das Gebiet südlich der stadtauswärts führenden Oberaltenallee zwischen Finkenau, Richard- und Wagnerstraße war früher mit Einzelhäusern bebaut und wurde von den Normalbürgern neidvoll als das Barmbeker Blankenese bezeichnet. Wobei allerdings der größere Teil dieses Gebiets heute der Uhlenhorst zuzurechnen ist, genau wie die Mundsburg mit dem Ernst Deutsch Theater. 

Nach einem Bummel durch das 1970 eröffnete Einkaufszentrum – seit 2010 zur Hamburger Meile modernisiert mit gut 120 Läden und etwa 25 Cafés und Restaurants – hinein nach Barmbek-Süd. Zunächst in das sog. Komponistenviertel, das allerdings nur durch ein Missverständnis dazu geworden ist. Die Bachstraße wurde keineswegs nach Johann Sebastian oder Carl Philipp Emanuel benannt; sie führte entlang der Grenze zur Uhlenhorst und hin zu einer Brücke über den Bach, wie die inzwischen kanalisierte Osterbek damals noch genannt wurde. Und auch mit der Wagnerstraße sollte keinesfalls der große Richard geehrt werden, sondern der frühere Landeigner Franz Wagner. Dennoch benannte man weitere Straßen in diesem Viertel nach Musikern: Beethoven, Flotow, Gluck, Lortzing, Marschner, Mozart, Schubert, Schumann, Spohr oder Weber.

Wo sich Hamburgs Ganoven trafen

Von der Bachstraße gehe ich Richtung Bartholomäusstraße, wo an der Ecke Beim Alten Schützenhof wohl das älteste in Barmbek erhaltene Haus steht. Und das hat eine besondere Geschichte. Hier betrieb Julius Adolf Petersen, besser bekannt als Lord von Barmbek, seine Kellerkneipe. Dort traf sich Hamburgs Unterwelt, die Barmbeker Einbrechergesellschaft mit Ganoven wie Rabenmax oder Lockenfietsche, um hier zusammen mit Petersen ihre Brüche auszubaldowern. Allein der Lord wurde wegen mehr als 200 Delikten angeklagt und immer wieder eingebuchtet. 1933 nahm er sich im Untersuchungsgefängnis das Leben. Die Mär aber, Petersen sei für Hamburg so etwas gewesen wie ein Robin Hood, ist schlichter Mythos: Er hat zwar niemals Menschenleben gefährdet, aber auch niemals seine Beute mit den Armen geteilt.

Nur einen Katzensprung weiter steht Hamburgs schönstes Hallenbad, die Bartholomäus-Therme: zwei Schwimmhallen im Jugendstil, Wellness- und Saunalandschaft. Jetzt, wo die Tage wieder kürzer und kälter werden, kann man dort an Samstagsabenden ab 18.30 Uhr am Candlelight-Schwimmen im 32 Grad warmen Wasser teilnehmen, bei Kerzenlicht und klassischer Musik.

Die Bartholomäus-Therme: für Autor Heinz H. Behrens das schönste Hallenbad Hamburgs 
Ein Blick auf die Therme – wie es früher war

Nur einen Katzensprung weiter steht Hamburgs schönstes Hallenbad

Von hier aus nun ein etwas größerer Sprung entlang der Beethovenstraße bis hinauf zur Weidestraße. Links zwischen Weidestraße und dem Osterbekkanal befindet sich auf dem Gelände der früheren Gas-Anstalt die hypermoderne AlsterCity, mit vielen Unternehmenssitzen, Bildungseinrichtungen und dem Barmbeker Amtsgericht. Hier haben Firmen wie Fielmann oder die Iglo GmbH ihre Zentralen. Östlich davon, am Biedermannplatz, steht die monumentale, burgähnliche Bugenhagenkirche, ein Beispiel des Neuen Bauens in Hamburg. Die ev.-luth. Gemeinde gab diese Kirche bereits im Jahr 2004 auf. Im früheren Gemeindesaal bietet die KBB Kultur Bühne Bugenhagen jungen Schauspielern des Ensembles Proszenium Auftrittsmöglichkeiten. Und der Kirchensaal wird gelegentlich als Andachtsraum von der Bulgarisch-Orthodoxen Gemeinde genutzt.

Der Biedermannplatz vor dem Kirchenbau zwischen Weide- und Lohkoppelstraße hieß früher Schleidenplatz und war die erste Grünanlage, die in einem dicht bebauten Hamburger Arbeiterviertel angelegt wurde. Sie wirkt heute etwas verwildert.

Schräg gegenüber an der Ecke Weide- und Elsastraße steht die römisch-katholische Kirche St. Sophien, ein Backsteinbau mit einem mächtigen 32 Meter hohen Turm über dem Eingangsbereich. Darüber befand sich früher noch ein 21 Meter hoher Turmhelm, der im Krieg zerstört wurde. Die 1900 geweihte Kirche wurde von dem Reeder und Pionier der Tankschifffahrt, Wilhelm Anton Riedemann, gestiftet und nach dessen Ehefrau Sophie benannt. Eine dreischiffige Hallenkirche im neugotischen Stil, innen ein wuchtiger Hochaltar und an den Säulen im Mittelschiff lebensgroße Statuen der Katharina von Siena sowie der Ordensstifter Dominikus und Albertus Magnus.

Wie der Heilige Geist von Bernebeke zu den Oberalten kam

An dieser Stelle noch ein kurzer Rückblick in die Stadtgeschichte: 1355 hatte Graf Johann von Holstein das Dorf Bernebeke an das Hospital zum Heiligen Geist in Hamburg verkauft. Das Katholische Stift wurde nach der Reformation in eine weltliche Stiftung umgewandelt und den Kirchenältesten der vier protestantischen Kirchspiele, dem Kollegium der Oberalten, unterstellt. Die ließen in der Dorfmitte Barnbeks, ungefähr am heutigen Barmbeker Markt, ein Herrenhaus errichten. Das stand allein den Oberalten und ihren Familien offen, und später auch dem ‚Stadtadel’ Hamburgs. Dort konnten deren Angehörige die Sommerfrische genießen und auch tüchtig feiern. Im Volksmund wurde es daher als ‚Lusthaus’ verspottet. Ende des 19. Jahrhunderts musste dies Herrenhaus dem Bau der Heiligen-Geist-Kirche weichen. Sie wurde im Krieg ebenfalls schwer getroffen und musste 2008 wegen zu hoher Renovierungskosten bis auf einen Rest abgebrochen werden. Dieses kleine Überbleibsel vom früheren Ostflügel wurde dann in den Bau des Barmbeker Turmhauses integriert. An der Hufner- / Ecke Brucknerstraße. Soweit Barmbek-Süd.

Museum der Arbeit: draußen der Bagger, drinnen ein Kindergeburtstag

Über die Brücke Hufnerstraße erreiche ich nun jenseits des Osterbekkanals Barmbek-Nord und das Museum der Arbeit. Kleine Pause auf der Terrasse des Restaurants T.R.U.D.E. auf dem Museumshof. Dort kann ich per Zufall ein kleines Familienrätsel lösen. Der Schwager meiner Mutter, ein Zollbeamter in Hamburg – seine Familie wohnte bis zur Ausbombung in der Weidestraße – bezeichnete seine Frau stets als „min basch Deern“, für Nicht-Hamburger nicht so recht verständlich. Als wir das Restaurant verlassen, kommen uns zwei ältere Herren entgegen, aus Richtung des riesigen Schneidrads TRUDE (Tief Runter Unter Die Elbe), mit dem eine der Elbtunnelröhren gebohrt worden war. Mit Blick auf eine junge, fesche Bedienung auf der Terrasse schnalzt der eine mit der Zunge und murmelt hörbar: „Een basch Deern, nöch.“ Was mich neugierig machte, und so frage ich nach der Bedeutung. Geradezu mitleidig schaut er mich an und antwortet: „Na, is doch ne kesse Deern, ne flotte Motte.“

… dort wohnte jene selbsbewusste Spezies Buttjes …

Das Museum der Arbeit in den Fabrikgebäuden der ehemaligen New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie werden wir an einem anderen Tag besuchen. Und uns genügend Zeit nehmen, um mehr über die Industrialisierung der Stadt zu erfahren. Und über die Lebensgeschichten der hier arbeitenden Menschen.

Östlich der Fuhlsbüttler Straße stößt man auf Straßennamen wie Adler-, Drossel-, Geier-, Habicht-, Schwalben-, Star- oder Wachtelstraße, auf Dohlen-, Kranich-, oder Pfauenweg. Diese Namen wurden in Gedenken an den Naturkundler und Vogelliebhaber Gerhard Heinrich von Essen ausgewählt. Von Essen, der in Barmbek-Süd zwischen Hamburger Straße und Dehnhaide, dort wo sich heute die Vogelweide befindet, den Essenschen Park mit einem Gartenlokal betrieb. Der bewahrte während der Franzosenzeit Barmbek vor der Vernichtung, gegen Zahlung von 1.000 Silbertalern. Denn auch Barmbek sollte damals niedergerissen werden, um freies Schussfeld für die französische Artillerie zu bekommen.

Die Barmbeker Jungs von der T.R.U.D.E.: (v. l.) Holger Völsch, Michael Bertrang und Jens Guthnow

Barmbek Basch – die Helden von heute

Vor allem im nördlichen Barmbeker Kiez dieser Vogelstraßen wohnten die Barmbek Basch, jene selbstbewusste Spezies Buttjes – mit Mut, Tatendrang und mit manchmal vielleicht etwas zu großer Klappe – und ihre coolen Deerns mit kessem Auftreten. Die gibt es noch heute, sie prägen noch immer das positive Bild von Barmbek. Inzwischen viel Multikulti, doch nach wie vor tatkräftige Barmbek Basch. Wie jene Männer, die Ende Juli den islamistischen Amokläufer auf der Fuhlsbüttler Straße mutig verfolgten, ihn mit Stühlen von weiteren Attacken abhielten, ihn zu Boden rangen und der Polizei auslieferten. Die meisten von ihnen Männer mit Migrationshintergrund. Barmbek Basch von heute – die Helden von Barmbek.

Rechts ab von der Haupteinkaufsstraße in Barmbek-Nord, von der Fuhlsbüttler Straße, liebevoll als Fuhle bezeichnet, kommt man zum Habichtsplatz. Rundherum Wohnblöcke in der für Barmbek typischen roten Backsteinbauweise. Alle Häuser hier haben Innenhöfe und manche Gemeinschaftsgärten. Fritz Schumacher hatte diese mehrgeschossigen Wohnquartiere geplant und durchgesetzt. An seiner Seite der Hamburger Gartenbaudirektor Otto Linne, der damals für die Grünanlagen und Spielplätze verantwortlich zeichnete. Linne plante mit langen Baumreihen, geraden Wegen und quadratischen Rasenflächen. Und wo immer möglich mit zusammenhängenden Grünzügen dazwischen. „Großstädtische Wanderwege“, wie von Schumacher gewollt. Leider aber wurde der Habichtsplatz 1971 durch den Ring 2, den sog. Mittleren Ring durchschnitten und damit in seiner alten Form zerstört.

Barmbek – eine rot-grüne Wohnstadt

Wandert man den Schwalbenplatz hinab bis zum Heidhörn, so kann man dort die Laubenganghäuser mit ihren Grünanlagen dahinter bewundern, so vom Architekten Paul Frank 1931 entworfen und gebaut.

Die neu geschaffene Parkanlage rund um das ehemalige Wendebecken der damaligen Schiffsbauversuchsanstalt ist sicherlich ein Vorzeigeprojekt des Gartenbaus in Barmbek-Nord. Durch die früheren Kleingärten führen jetzt Parkwege mit Ruhebänken. Und von dieser Grünanlage gibt es einen direkten Verbindungsweg zum Spielplatz Langenfort Ecke Lorichsstraße, wo die Kinder sogar von Skulpturen in Form von Klinkerpferden begrüßt werden. Auf denen man munter herumtoben kann.

Noch weiter im Norden hat der Hartzlohplatz den Krieg relativ unverletzt überstanden. Rundherum um den Platz und entlang dem Elligersweg stehen noch viele der alten Mietshausblöcke aus rotem Backstein mit ihren ‚Klinker Strickereien’ als Verzierungen an den Fassaden. Zurück zur U-Bahnstation Habichtstraße. Aber bevor ich das größte aus rotem Backstein gemauerte Hamburger Wohnviertel jetzt wieder verlasse, noch ein paar Schritte zur Auferstehungskirche zwischen Tieloh und Hellbrookstraße. Fast 100 Jahre ist der Rundbau mit seiner markanten Kuppel alt. Über dem malerischen, dreitürigen Eingangsportal die Büsten von Martin Luther und Philipp Melanchthon. Innen ein lichter Kirchensaal mit Empore,
Altarraum und einer Kanzel mit dem Taufstein davor.

Aber schon am U-Bahnhof Barmbek steige ich wieder aus, gehe hinüber zur Osterbekstraße und flaniere hinein in den Sonnenuntergang, am Osterbekkanal entlang und vorbei am Johannes-Prassek-Park und dann über den Kanal hinweg bis zur Gertigstraße. Wo ich abgeholt werde.

Fasziniert von Hamburgs Stadtgeschichte: Autor Heinz H. Behrens

Fotos: Ulrike Pfeiffer (1), Museum der Arbeit (1), Trude (2), Ulrich Lindenthal-Lazhar (1), Bartholomäus Therme (2)

 

 

 

 

 


MITTEN IN BARMBEK – TIPPS

Geschichtswerkstatt Barmbek e.V.
Für alle, die Barmbek erkunden wollen mit jeder Menge Veröffentlichungen zur Geschichte Barmbeks; außerdem regelmäßige Ausstellungen und Rundgänge
http://www.museum-der-arbeit.de/de/home

T.R.U.D.E.
In unmittelbarer Nähe zum Museum der Arbeit gibt es Deluxe-Hamburger, Steaks, Soulfood oder Snacks wie Flammkuchen und an der Bar tolle Drinks und Cocktails
www.trude-hh.de

LüttLiv
Schank- und Speisewirtschaft in der Zinnschmelze mit Speisen aus saisonalen und regionalen Zutaten; gehört zum Museum der Arbeit
www.luettliv.de

Restaurant Morgenland
Wer’s orientalisch mag: Köstlichkeiten aus der türkischen, arabischen und persischen Küche, darunter Mezze-Variationen, Falafel oder Pide
http://morgenland-restaurant.de

Conditorei Café Ulrich Münch
Für Barmbeker Kuchenfreunde: wunderbare Kuchen, Torten und Kekse – von ausgezeichneten Konditoren handwerklich hergestellt; auf Bestellung auch Motivtorten für besondere Anlässe
http://www.conditorei-muench.de