Wo wollen wir hin?

HANSEstyle zu Besuch bei Ole von Beust – in seinem Büro in der Hamburger Innenstadt

Er regierte neun Jahre lang die Freie und Hansestadt Hamburg – bis 2010. In seiner letzten Legislaturperiode trat Ole von Beust (62) zurück und zog sich danach aus der Politik und dem öffentlichen Leben so gut wie zurück. Viele Hamburger aber interessiert: Wie lebt „Ole“ heute? Wie bewertet er jüngste Entwicklungen? Wie erlebt er „seine“ Elbphilharmonie? In HANSEstyle spricht er Klartext.

HANSEstyle: Wird man Sie in Zukunft wieder häufiger in der öffentlichen Diskussion erleben?
Ole von Beust: Wenn es sich inhaltlich ergibt und ich wirklich Lust dazu habe. Bei Hamburg-Themen halte ich mich zurück. Gerne gebe ich intern Ratschläge, aber nicht öffentlich. Wenn man solange in der Verantwortung war, sollte man danach nicht wertend eingreifen.

Politisch waren Sie zum ersten Mal als 17-jähriger Gymnasiast aktiv. Später regierten Sie den Stadtstaat Hamburg neun Jahre lang als Präses des Senats. Kann man danach innerlich aus der Politik aussteigen?
Meine damalige Rücktritts-Entscheidung war eine freiwillige. Das ist wichtig in einem politischen Spitzenamt. Ich bin nicht abgewählt, geschweige zum Aufhören gedrängt worden. Nach der Wahl 2008 wusste ich, dass ich nicht erneut antreten werde. Der Zeitpunkt des Rücktritts, nach der Hälfte der Legislaturperiode, erschien mir damals richtig. Ein Nachfolger sollte die Chance haben, sich einzuarbeiten. Das war der Plan – deshalb fühlte ich mich gut. Ich hatte 17 Jahre lang beruflich Politik gemacht, das ist eine lange Zeit. Ich fühlte mich ausgebrannt, spürte, dass meine Kampfkraft nachließ. Erster Bürgermeister ist ein großartiges Amt mit enormer Verantwortung. Mir hat es viel Freude gemacht. Aber ich hielt es, mit Mitte 50, für vernünftiger, aufzuhören. Im politischen Berlin gab es keine Perspektive für mich, so dass ich mich beruflich für neue Tätigkeiten entschied. Damals gab es viele Menschen, die enttäuscht waren, einige fühlten sich von mir im Stich gelassen. Doch bei aller Verantwortung: Es ist das eigene Leben, um das es geht. Und wir leben alle nur einmal.

Wie muss man sich heute Ihren Alltag vorstellen?
Räumlich lebe ich zu je fünfzig Prozent in Hamburg und Berlin. In Hamburg gründete ich zunächst eine Beratungs-Gesellschaft. Mittlerweile sind wir dort 12 Personen und haben hochinteressante Mandate aus unterschiedlichen Branchen, zum Beispiel Banken, eine Krankenversicherung und die Smartparking-Plattform zur Förderung digitaler Parkraumbewirtschaftung. Das ist sehr abwechslungsreich. Wie die meisten Menschen im Beruf stehe ich relativ früh auf und bin gegen halb acht am Arbeitsplatz – morgens arbeite ich am konzentriertesten. Am späten Nachmittag verlasse ich das Büro, arbeite abends aber zu Hause weiter.

Wie gefällt Ihnen der ständige Wechsel zwischen Berlin und Hamburg?
Das ist hoch attraktiv und macht richtig Freude. Beide sind ganz verschiedene Städte. Auch wenn ich zwar eher häuslich und weniger der große Theater-, Konzert- oder Ausstellungsbesucher bin, ist Berlin trotzdem unglaublich inspirierend – allerdings auch anstrengend. Nach einer oder zwei Wochen freue ich mich wieder auf das friedlichere Hamburg. Hier kommt man sich vor wie in einem Kurort. Auch Hamburg ist eine große Stadt, aber Berlin ist lauter, internationaler und inspirierender. Es passiert dort mehr – alleine schon durch die vielen baulichen Veränderungen.

Ole v. Beust – heute erfolgreicher Unternehmer

Fühlen Sie sich in Berlin befreiter, weil es sich dort auch anonymer leben lässt?
In Hamburg kennen mich viele, die mich auch ansprechen und nach meinem Befinden fragen. Ich empfinde das als freundlich, finde es aber auch schön, mich bewegen zu können, ohne angesprochen zu werden. Das kann ich in Berlin. Dort gibt es so viele Prominente der A-Klasse, dass sich das Interesse an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister in Grenzen hält.

Sie haben nach der Grundsteinlegung der Elbphilharmonie schwierige Situationen erlebt. Wie sehen Sie heute den fast unglaublichen Erfolg dieser Musikhalle?
Ich bin heilfroh und freue mich einfach darüber! In einem kürzlich geführten Gespräch erzählte mir ein Insider, dass mittlerweile selbst internationale Hotelketten, die früher Hamburg gar nicht auf dem Schirm hatten, plötzlich hierher wollen.

„Ich bin heilfroh und freue
mich einfach darüber!“
Ole v. Beust

Die Elbphilharmonie hat eine phänomenale Signal- und Symbolkraft für Hamburg. Ohne überheblich sein zu wollen: Genau das war zu Beginn der Plan. Ein solches Gebäude im Zusammenspiel mit seinem Inhalt lässt heute Hamburg auf der internationalen Landkarte erscheinen. Das wird sich unter dem Strich auch wirtschaftlich lohnen. Jedes Hotelzimmer schafft Arbeit. Jeder Tourist, der nach Hamburg kommt, gibt täglich Geld aus. Selbst für internationale Investoren wird Hamburg interessanter. Alle Hamburger – von Billstedt bis Blankenese –  sind stolz auf die Elbphilharmonie. Es ist anrührend, was ich heute teilweise an Zuspruch erlebe, auch von Menschen, die früher skeptisch waren. Es ist toll, dass der Plan aufging und dass der Ärger um die Elbphilharmonie vorbei ist – der auch mich persönlich traf.

Den Deutschen geht es gut. Hamburg wächst. Dennoch nimmt der Extremismus, der Hass, die Wut in der Gesellschaft zu. Nehmen Sie das auch so wahr?
Ganz massiv sogar, wobei das kein deutsches Phänomen ist. Ich bekomme Mails und spreche mit Menschen, denen es eigentlich gut geht, die nie etwas ausstehen mussten und im Leben viel Glück hatten. Trotzdem sind sie wütend und unzufrieden. Das hat verschiedene Ursachen. Viele Menschen haben Angst vor der Globalisierung. Der CDU-Politiker Jans Spahn erwähnte Berliner Lokale, in denen es kaum noch möglich sei, auf Deutsch eine Bestellung zu machen. Dafür wurde er belächelt. Doch ich finde das nicht zum Lachen. Es gibt genügend Menschen, die kein Englisch können und sich plötzlich im eigenen Land nicht mehr zu Hause fühlen. Diese Sorgen muss man ernst nehmen.  Zudem ist Politik in Deutschland unglaublich vernünftig – doch manchmal ist das nur pseudo-vernünftig, und das gilt für Angela Merkel und die SPD gleichermaßen. Wo sind die Politiker, die auch mal Emotionen zeigen und Schwächen zulassen, die mal schäumen, vielleicht sogar weinen? Die fehlen doch. Wo sind die Politiker, die die Herzen erreichen? Wie einst Herbert Wehner, Willy Brandt oder mitunter sogar Helmut Kohl? Die fehlenden Emotionen entfremden die Menschen von der Politik.

Ihr Senat arbeitete mit dem Wunschbild der „wachsenden Stadt“. Das Wachstum hat nun sehr starke Ausmaße angenommen. Wie erleben Sie das?
Generell gibt es Zuzug in allen Me-tropolen. Nicht nur in Hamburg. Berlin wächst jährlich um 40.000 Einwohner. Das ist gigantisch und bringt neue Herausforderungen für Wohnungen, Schulen, Kitas und den Verkehr. Für eine wachsende Stadt ist aber auch ein Leitbild wichtig. Wo wollen wir hin, wie soll die Stadt sich entwickeln, wofür soll sie stehen? Es wurde auf die Olympischen Spiele gesetzt in der Hoffnung, dadurch manches andere mitnehmen zu können. Doch seit die Bevölkerung sich gegen die Olympischen Spiele entschied, fehlt es an Diskussionen und Debatten durch die politische Führung. Wo soll das Gemeinwesen in fünfzehn oder zwanzig Jahren sein? Soll Hamburg wieder eine Industriemetropole oder ein Bildungs-Zentrum oder die Metropole des Nordens werden? Soll die Kooperation mit skandinavischen Städten enger werden? Oder sollen Berlin und Hamburg enger zusammenarbeiten und vielleicht sogar zum Großraum Hamburg/Berlin zusammenwachsen, um zum Beispiel international attraktiv für die besten Arbeitskräfte zu sein, die wir benötigen? All das könnten Leitbilder, könnten Ziele sein.

In Ihrer Verantwortung begann auch die zunehmende Entwicklung großer Wochenend-Aktivitäten in der Stadt. Die gibt es jetzt fast wöchentlich, vom Ironman über den Triathlon hin zu Alstervergnügen und Schlagermove. Nicht wenigen Hamburgern scheint das maßlos übertrieben. Wie erleben Sie diese Entwicklung – als Bewohner der Innenstadt? Auch im Interesse des gebeutelten Einzelhandels.
Es ist ein riesiges Problem. Die Stadt wird an vielen Frühlings- und Sommerwochenenden lahmgelegt. Auch in Berlin ist sehr viel los – doch Berlin hat den Vorteil, dass fast alle Großveranstaltungen auf der Straße des 17. Juni stattfinden. Sie ist dann zwar abgesperrt, doch sie liegt mitten im Tiergarten, so dass die City sowohl im Westen als auch im Osten einigermaßen in Frieden gelassen wird. Hamburg ist von der Stadtstruktur so, dass sofort die ganze Stadt lahmgelegt wird. Es gibt Untersuchungen darüber, welche Veranstaltungen welche wirtschaftliche Kraft haben und welche Strahlkraft von ihnen ausgeht.

„ … sag niemals nie!“
Ole v. Beust

Vielleicht sollte man sich vornehmen, von den derzeitigen Veranstaltungen ein Drittel zu streichen. Doch egal, welche Sie streichen, Sie würden es falsch machen, denn jeder Anlass hat seine Fans – ob Harley Days, Schlagermove oder Triathlon. Meines Erachtens könnte eine Volksbefragung hilfreich sein: Die Veranstaltungen, die die meisten Stimmen erhalten, dürfen bleiben. Das Drittel mit der geringsten Zustimmung wird gestrichen. Es muss etwas passieren, denn wie es jetzt ist, ist es unerträglich.

Wie wahrscheinlich ist es, dass man Sie wieder in einem politischen Amt sehen wird?
Das ist unwahrscheinlich. Ich bin seit sieben Jahren nicht mehr dabei. Damals habe ich bewusst aufgehört, um etwas anderes zu machen. Und darin fühle ich mich heute wirklich wohl und frei. Darüber hinaus sind wir mit dem Unternehmen auch wirtschaftlich erfolgreich – und das ist schließlich auch ein Maßstab. Ich sehe derzeit kein Indiz für ein neues politisches Amt; aber sag niemals nie!

Das Gespräch führten: Klaus May und
Christian Bauer | Fotos: Marius Engels

 

Über Ole von Beust
1955 in Hamburg geboren, Abitur 1973 am Walddörfer-Gymnasium. Schon während seiner Schulzeit beginnt Ole v. Beust, dessen voller Name Carl-Friedrich Arp Ole Freiherr von Beust lautet, mit seinem politischen Engagement. Zwischen Oktober 2001 und August 2010 war er Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg – bis er nach der Hälfte der dritten Legislaturperiode sein Amt aufgab. Im Anschluss zog er sich aus der Politik und
weitestgehend auch aus der Öffentlichkeit zurück. Vor einigen Jahren hat der Jurist eine erfolgreiche Beratungsgesellschaft gegründet. Seine Zeit verbringt Ole von Beust zur Hälfte in Hamburg und zur Hälfte in Berlin.

 

Backstage: der ehemalige Hamburger Regierungschef, Ole von Beust, mit Polit-Kolumnist Klaus May und Verleger Christian Bauer