„Wir sollten die Chancen sehen!“

Thomas Straubhaar ist davon überzeugt, dass Amerika vor ökonomisch guten Zeiten steht | Foto: Tim Wendrich für HANSEstyle

Prof. Dr. Thomas Straubhaar, unüberhörbar gebürtiger Schweizer, gehört zu Europas renommierten Ökonomen. Im Gespräch mit HANSEstyle spricht er über Auswirkungen der Wahl Donald Trumps – auf die USA und auf Hamburg. Außerdem erläutert der Volkswirtschaftler die Wohnsituation in der Hansestadt. Thomas Straubhaar, bis 2014 Präsident des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, lebt seit Anfang der 90er-Jahre im Norden und lehrt an der Universität Hamburg. Schon seinen Studierenden schärft er den Blick für das, was sein wird – nicht für das, was man sich wünscht.

HANSEstyle: Sie haben in den USA gelebt und geforscht, kennen das Land sehr gut. Wie sieht Amerikas ökonomische Zukunft nach der Wahl von Donald Trump aus?
Straubhaar: Zu meiner Zeit in Berkeley bewarb sich Ronald Reagan um die US-Präsidentschaft. Er war das Feindbild der Linksliberalen und wurde als dumm und ungeeignet dargestellt. Als er die Wahl gewann, wurde gewarnt. Da ist eine Parallele zu heute. Doch Ronald Reagan war letztlich – auch in der wirtschaftlichen Performance – einer der mit Abstand erfolgreichsten amerikanischen Präsidenten. Ich glaube, dass es mit der Präsidentschaft von Donald Trump ähnlich verlaufen kann.

Welche wesentlichen wirtschaftspolitischen Maßnahmen erwarten Sie?
In den USA wird sich in den nächsten Jahren ökonomisch eine Menge entwickeln – und zwar aus zwei Gründen, die Trump mit ziemlicher Sicherheit umsetzen wird: Er sagt, dass er an sozialen Brennpunkten ansetzen wolle, insbesondere in Straßen, Brücken, Tunnel, Flughäfen, Schulen und Krankenhäuser investieren will, um dafür zu sorgen, dass die amerikanische Infrastruktur die beste wird. Er wird dafür nicht Milliarden – sondern wie ich vermute – ein, zwei Billionen Dollar in die Hand nehmen. Wenn wir jedoch von Billionen Dollar sprechen, wäre das für Amerika ein Konjunkturprogramm, das es in sich hat – das konjunkturell neue Beschäftigung bringen wird. Trump hat die historische Chance, die verrottete, veraltete amerikanische Infrastruktur wirklich zu modernisieren – und mit Modernisierung meine ich einen Quantensprung in der Technologie: Vielleicht wird er nicht die klassischen Straßen bauen, sondern sich der neusten Technologie bedienen, um den Verkehr mit selbstfahrenden Fahrzeugen zu ermöglichen – gesteuert durch künstliche Intelligenz. Es könnte das erste modulare Verkehrs- und Kommunikationssystem der Welt werden. Das Zweite, was er tun wird: Steuern senken. Steuersenkungen lassen den Unternehmen mehr Geld für Investitionen. Auch das wird sich wie ein Konjunkturprogramm auswirken.

Wie wird er das finanzieren?
Normalerweise würde man davon ausgehen, dass die Staatsschulden nach oben getrieben werden. Doch jetzt kommt mein Hammer-Punkt: Ich behaupte, Trump wird diese Maßnahme weitestgehend nicht staatlich finanzieren, sondern eine Art „New Deal“ mit der Wall Street machen und einen privaten Infrastrukturfonds auflegen, in den dann auch deutsche Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Investmenthäuser investieren würden. Bei einer Bonität von 100 Prozent wäre die Anlage risikolos, und diese über 30 Jahre laufenden Infrastrukturfonds garantierten eine Rendite von zwei bis drei Prozent. Das ist mehr, als es derzeit bei den Alternativen gibt. Meine Prognose also lautet: Amerika steht vor ökonomisch guten Zeiten.

Thomas Straubhaar lehrt an der Universität Hamburg mit Schwerpunkt internationale Wirtschaftsbeziehungen | Foto: Tim Wendrich für HANSEstyle

Welche Auswirkungen auf Hamburg sehen Sie dabei?
Grundsätzlich ist ein starkes Amerika gut für Deutschland. Zum derzeitigen Gerede von einem Handelskrieg: Möglicherweise wird die deutsche Automobilindustrie etwas betroffen sein, doch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die deutschen Investitionsgüter, Ingenieurskunst und deutsches Know-how, wie zum Beispiel das Wissen um Flughäfen-, Straßen- und Brückenbau. Da sind die Deutschen weltweit die Besten. Und Donald Trump wird sich nicht mit dem Zweitbesten zufrieden geben. Für Hamburg argumentiere ich ähnlich. Die Stadt hat gute Beziehungen zu Amerika und einen guten Mix. Wir haben keine Automobilindustrie wie Niedersachsen, Bayern oder Baden-Württemberg. Dafür mehr Logistik, Finanzierung und Flugzeugbau. Wir arbeiten in Segmenten, die für Amerika auch in Zukunft wichtig bleiben. Nach der Wahl von Donald Trump sollten wir nicht nur auf die Risiken blicken. Wir sollten die Chancen sehen! Ich sage nicht, dass ich ihn gewählt hätte. Doch als Ökonom geht es mir nicht um das, was mir gefällt, vielmehr darum, wie die Welt sein wird. Darauf muss ich auch meine Studierenden und Kunden vorbereiten: Es geht nicht um das, was wir uns wünschen, sondern um das, was mit großer Wahrscheinlichkeit sein wird.

Man liest, Donald Trumps Wahlerfolg sei auch Ausdruck zunehmender sozialer Ungleichheit in den USA und dass viele Menschen, die sich durch die Globalisierung abgehängt fühlen, ihn wählten. Zunehmende soziale Ungleichheit – wie ordnen Sie als Wissenschaftler diese Begriffe bezogen auf Hamburg ein?
Ich teile die Einschätzung, dass der Wahlerfolg Trumps viel mit – zumindest gefühlter – Ungleichheit zu tun hat, mit einem Gefühl von Verloren- und Alleinsein. In den USA sieht man vielerorts verrottete Infrastruktur, zum Beispiel all die Schlaglöcher oder hängenden Stromleitungen, die beim geringsten Wintereinbruch umzufallen drohen. Man sieht dort Menschen, bei denen auf den ersten Blick klar ist, dass sie ein schwieriges Leben führen. Diese Ungleichheit, davon losgelöst, ob sie gefühlt oder objektiv ist, ist in Amerika beeindruckend und sie ist größer geworden. In Hamburg haben wir eine völlig andere Kultur, weshalb wir Derartiges nicht annähernd kennen und deshalb nicht einmal im Ansatz vergleichen können.

Ist auch in Hamburg die Schere zwischen Arm und Reich größer geworden?
Darüber kann man streiten. Ich bin unsicher, welchen Daten ich glauben soll. Aber ganz sicher ist, dass es auch ärmeren Haushalten heute deutlich besser geht als vor zehn Jahren. Falls die Schere weiter auseinander gegangen ist, so ist sie zumindest für beide Seiten nach oben gegangen. Das hat etwas mit der allgemein angestiegenen Beschäftigung zu tun. Wir haben in Deutschland annähernd Vollbeschäftigung. Heute können fast alle Haushalte von einem Einkommen durch eigene Arbeit leben. Das sehe ich speziell für Hamburg. Wenn wir schon über soziale Ungleichheit sprechen, dann müssten wir eher nach Ostdeutschland blicken und dort das flache Land, zum Beispiel das agrarisch geprägte Mecklenburg-Vorpommern, im Vergleich zu Hamburg betrachten. Da würde man Unterschiede erkennen.

Der demografische Wandel stellt Mecklenburg-Vorpommern vor große Herausforderungen: Die Bevölkerungszahl sinkt, die Bevölkerung altert. Besonders hoch sind die Wanderungsverluste in norddeutsche Bundesländer, besonders auch nach Hamburg. Hat das für die Hansestadt Auswirkungen – am Beispiel der Wohnsituation?
Hamburg ist eine hochattraktive Stadt und dadurch von der weltweit erkennbaren Tendenz – das flache Land zu verlassen und in Städte zu ziehen – überproportional betroffen. Jüngere Menschen wollen in den Großraum Hamburg kommen. Dadurch steigt die Nachfrage nach Wohnraum schneller als das Angebot. Das wirkt sich auf die Immobilienpreise aus. Deshalb finde ich einige Ideen schon gut, zum Beispiel zu sagen ‚es muss verdichteter gebaut werden’. Wir müssen dafür sorgen, dass Wohnraum schneller entsteht. Dafür braucht es neue Flächen. Doch es gibt noch weitere Faktoren für steigende Immobilienpreise – und damit auch für ansteigende Wohnungsmieten: Ein Grund ist die Tiefzinsphase, die zu einem enormen Sicherheitsbedürfnis geführt hat. Immobilien in einer Metropole wie Hamburg sind eine vergleichsweise gut gesicherte Investition gegen schwerwiegende monetäre Verwerfungen – zum Beispiel einer denkbaren Inflation. Ein weiterer Faktor ist – das merken auf Wohnungssuche Studierende im ersten Semester: Alles, was im weitesten Sinne mit Mietpreisregulierungen zu tun hat, wirkt sich in aller Regel auch auf Altmieten preistreibend aus. So wirkt gut gemeinter Schutz dann kontraproduktiv.

In Hamburg wird neuer Wohnraum dringend benötigt. Dabei ist eine der Kernforderungen die „bezahlbare“ Wohnung. Wie definiert der Wissenschaftler „bezahlbar“?
Der Staat kann keine Preise festlegen und vorschreiben, was gerecht oder bezahlbar ist. Das geht nicht. Denn was der eine schön findet und sich leisten kann, ist für einen anderen hässlich und übersteigt seine finanziellen Möglichkeiten. Das ist subjektiv und individuell, so dass es ein Fehler wäre, Derartiges vorzuschreiben. Die Stadt Hamburg müsste alles unternehmen, damit das Angebot schneller wächst als die Nachfrage. Sie sollte Baurecht und Bebauungspläne entsprechend vereinbaren und Bewirtschaftungspläne schneller dem Bedarf anpassen, so dass auch zusätzlich bebaut werden kann.

Gefordert wird mehr sozial geförderter Wohnraum. Gehen Sie auch hierbei davon aus, dass der Markt die Nachfrage regelt? Was wäre, wenn nicht?
Da bin ich nicht ideologisch. Es spricht nichts dagegen, dass der Staat sozialen Wohnungsbau betreibt, falls private Investoren das nicht schnell genug schaffen. Wichtig ist einfach, dass das Angebot wächst. Dieser Ansatz ist zwar nicht marktkonform, er wäre aber eine pragmatische und wirksame Vorgehensweise.

Gemeinsam im separaten Gastraum vom Basil & Mars am Alsterufer: Prof. Dr. Thomas Straubhaar mit Polit-Kolumnist Klaus May (r.) und Verleger Christian Bauer | Foto: Tim Wendrich für HANSEstyle

Hamburger Immobilien stehen bei Investoren aus aller Welt hoch im Kurs. Für Top-Lagen an Alster oder Elbe werden zum Teil Spitzenpreise gezahlt. Manche Immobilien werden auch in anderen Märkten, wie China und Russland, angeboten. Sehen Sie dabei Gefahren für Hamburg?
Absolut. Doch dies betrifft nicht nur Käufer aus dem Ausland. Die Gefahr besteht, wenn Käufer an der Alster ein Haus kaufen, nur um Geld zu „parken“. Nach meiner Überzeugung hat eine Stadt das Recht zu bestimmen, dass in Wohnzonen auch gewohnt und gelebt wird, dass Häuser und Wohnungen auch als solche genutzt werden. Ich würde scharf trennen zwischen Eigentum und Nutzung. Denn wichtig ist die Frage, ob Häuser in Wohngebieten überwiegend ungenutzt leer stehen dürfen. Damit entgingen dem Staat nach dem Einwohnerschlüssel sogar Steuereinnahmen. Ich würde eine Regulierung sogar hart durchziehen, damit Leerstand auf lange Sicht wirksam verhindert wird.

Würden Sie heute in Hamburg ein Miet-Zinshaus kaufen? Und: Wie würden Sie das unter derzeitigen Bedingungen finanzieren?
Ich bin ein ganz konservativer Anleger, der sich scheut, zu spät auf einen bereits fahrenden Zug aufzuspringen oder zum Beispiel eine Immobilie zu kaufen, deren Preis wegen der genannten Faktoren bereits relativ hoch ist. Doch wie immer im Immobiliengeschäft: Wenn man günstige Objekte in guter Lage findet, bleiben Investitionen in Immobilien attraktiv. Finanzieren würde ich das durch eine zurzeit unglaublich billige Finanzierung – mit einem Zinssatz in realen Größen von derzeit praktisch null Prozent.


Über Prof. Dr. Thomas Straubhaar:

Seit Anfang der 90er-Jahre lebt der 1957 im Kanton Bern geborene Wirtschaftswissenschaftler in und um Hamburg. Seit 1999 ist er Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen der Universität Hamburg. Die Meinung des Schweizers ist häufig gefragt, das war sie auch schon vor seiner Zeit als Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (bis 2005) und als Direktor und Sprecher der Geschäftsführung des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (bis 2014). Thomas Straubhaar ist Mitgründer vom Club of Hamburg, der sich als Sprachrohr der vielen anständigen Unternehmerinnen und Unternehmer versteht. Der Club setzt sich für zeitgemäße ethische wie moralische Grundsätze und Verhaltensnormen im Geschäftsverkehr ein.