„Wir können alle noch viel mehr!“

HANSEstyle trifft Bettina Tietjen in den NDR-Studios
Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

Seit über zwanzig Jahren ist die gebürtige Rheinländerin als Gastgeberin auf dem „Roten Sofa“ nicht mehr aus dem deutschen Vorabendprogramm wegzudenken. Neben ihren Tätigkeiten als Reporterin und Moderatorin in Rundfunk und Fernsehen ist Tietjen nun auch Autorin. Die sozial engagierte NDR-Moderatorin lebt mit ihrer Familie in Hamburg-Harburg.
Bettina Tietjen erzählt von ihren Anfängen in Hamburg, spricht über prägende berufliche Begegnungen und darüber, wie die Demenzerkrankung ihres Vaters ihre eigene Sicht auf das Leben beeinflusst hat.

Sie moderieren seit 15 Jahren ein Talkshowformat im NDR. Angefangen als „Herman und Tietjen“, heute „Bettina und Bommes“. Welcher Gast ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Ich habe ein Prinzip: Sobald mir jemand gegenüber sitzt, ob das nun in der Talkshow ist oder im Radio, ist das für mich der wichtigste Mensch auf der Welt. In dem Moment lasse ich mich hundertprozentig auf ihn ein und versuche an ihm etwas Liebenswertes und Interessantes zu entdecken. Im Gedächtnis bleiben herausragende Menschen wie Peter Ustinov. Das war eine ganz tolle Begegnung, er war offen und freundlich. Gorbatschow und Roger Moore hatte ich bei mir ebenfalls auf dem Roten Sofa. Roger Moore: Super Typ! Er war charmant und witzig. Was aber genauso beeindruckend ist sind Menschen mit einem schweren persönlichen Schicksal. Beispielsweise eine junge Frau, die brutal niedergestochen wurde, sodass sie seitdem querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt. Trotz allem strahlt sie eine enorme Kraft aus und hat ihr Leben nach diesem Vorfall komplett umgekrempelt. Das hat mich sehr beeindruckt.

Sie haben die Sendung vorher mit Eva Herman, Yared Dibaba und Eckart von Hirschhausen moderiert. Welche Zusammenarbeit hat Sie am stärksten beeinflusst?
Von jedem meiner Moderations-Partner ist etwas geblieben. Die zehn Jahre mit Eva waren natürlich prägend. Wir waren die ersten Frauen, die überhaupt zusammen eine solche Talkshow gemacht haben. Mit einer Frau in einem Moderations-Duo ist es immer noch etwas anderes als mit einem männlichen Part. Wir haben uns angezickt, wir haben uns geliebt und gehasst und unheimlich viel Spaß zusammen gehabt, doch irgendwann haben wir uns auseinanderentwickelt. Aber es war eine gute Zeit, in der ich sehr viel gelernt habe. Dann kam eine lustige Zeit mit Yared, in der ich Plattdeutsch gelernt habe. Wir mögen uns sehr und verstehen uns bis heute bestens. Eckart hat mich beeinflusst und inspiriert,weil er ein so wissenschaftlich interessierter Mensch ist, der viele Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen der Forschung in die Sendung gebracht hat.

Seit 2015 moderieren Sie die Show mit Alexander Bommes. Was schätzen Sie an Ihrem neuen Kollegen?
Alex und ich ergänzen uns sehr gut. Wir haben den gleichen Humor. Ich finde es immer schön, wenn jemand vor der Kamera genauso ist wie hinter der Kamera. Dann hat man nicht das Gefühl, dass der andere eine Rolle spielt.

Sie kommen aus Wuppertal, haben in Münster und Paris Germanistik und Kunstgeschichte studiert. Was hat Sie nach Hamburg gebracht?
Mein Mann. Wir haben uns im Urlaub kennengelernt; ich lebte zu der Zeit noch in Berlin und arbeitete beim RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor). Durch meinen Mann bin ich ganz allmählich nach Hamburg gerutscht. Seit zwanzig Jahren wohnen wir in Harburg.

Was schätzt eine Rheinländerin am Norden?
Hamburg ist die schönste Stadt der Welt! Ich komme aus Wuppertal, das ist nicht wirklich vergleichbar– die Schwebebahn ist ganz nett und ein paar Fachwerkhäuser und Kopfsteinpflaster…; aber es ist sehr überschaubar. Kein Vergleich zu Hamburg. Ich liebe das Wasser, die wunderschönen Häuser, die Nähe zum Meer. Die Stadt ist weltoffen und die Leute haben Klasse und Stil.

Neben Familie und Karriere engagieren Sie sich auch sozial. Als Ihr Vater krank wurde und seine Demenz fortschritt, holten Sie ihn von Wuppertal nach Hamburg, wo er in Ihrer Nähe bis zu seinem Tod in einem Seniorenheim lebte. Über zweieinhalb Jahre haben Sie ihn mitbetreut. Wie haben Sie es geschafft, all diese Herausforderungen miteinander zu vereinbaren?
Als ich nach dem Tod meines Vaters wieder mehr Zeit hatte, habe ich mich das auch immer wieder gefragt. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie ging das. Ich war zwar angestrengt, aber nie zu gestresst. Man hat viel mehr Potential als man eigentlich denkt. Wir können alle noch viel mehr – man muss es nur ausprobieren, dann geht es.

Sie haben Ihren Vater bis zum Schluss eng begleitet. Aus welchem Grund haben Sie das Buch geschrieben?
Es gab mehrere Beweggründe. Nach dem Tod meines Vaters hatte ich wieder mehr freie Zeit. So hatte ich die Möglichkeit, über die letzten Jahre nachzudenken und all das, was passiert war, zu reflektieren. Ich habe mich mit Betroffenen unterhalten – dass die Menschen selbst betroffen waren stellte sich allerdings immer erst heraus, wenn ich anfing von meinem Vater zu erzählen. Durch diese Gespräche habe ich gemerkt, dass es eine große Hemmschwelle gibt, über das Thema Demenz zu sprechen. Das scheint noch ein Graubereich, ein Tabuthema zu sein. Da dachte ich mir, dass es wichtig ist, den Anstoß zu geben, offen über Demenz zu sprechen. Das letztendlich ausschlaggebende Motiv war, dass meine Erzählungen über das Seniorenheim immer für große Verwunderung gesorgt haben. Die Leute haben mich angesehen, als würde ich von einem anderen Stern sprechen. Alters- und Pflegeheime sind ein Bereich, mit dem sich die wenigsten auskennen. Man geht immer erst dann dort hin, wenn einem nichts anderes übrig bleibt. Da kamen viele Dinge zusammen von denen ich dachte, dass es Zeit ist, sie zu diskutieren und offen anzusprechen.

Bis zu dem Umzug Ihres Vaters übernahm hauptsächlich Ihre jüngere Schwester seine Pflege. In Hamburg übernahmen dann Sie einen Großteil der Betreuung. Inwiefern hat die Krankheit Ihre Beziehung zu Ihrem Vater verändert?
Die Beziehung ist viel enger geworden. Zwar hatten wir schon immer ein gutes Verhältnis, doch eine neue, tiefere Bindung entstand in der Zeit, die wir während seiner Krankheit miteinander verbrachten. Gerade auch dadurch, dass er immer pflegebedürftiger wurde. Durch die Demenz kam seine eigene Emotionalität zum Vorschein – das war für mich sehr schön mitzuerleben, denn die kannte ich bislang nicht. Vor der Erkrankung stand einer solchen Beziehung, glaube ich, sein Intellekt und seine anerzogene Selbstkontrolle im Weg.

Ihr erstes Buch erschien 2015 im Piper Verlag.
Ihr erstes Buch erschien 2015 im Piper Verlag.

Gab es eine Situation mit Ihrem Vater, in der Sie das erste Mal bemerkten, dass etwas nicht stimmt?
Da gab es einige Situationen! Mein Vater hat seine Brille im Tiefkühlfach und seine Socken im Brotschrank liegen lassen, oder er kaufte bei Vertretern an der Tür Dinge, die er überhaupt nicht brauchte. Er hat diese Situationen zu Anfang immer verdrängt. Irgendwann dann fing er an,  darüber zu reden, indem er Sätze sagte wie: „Ich glaube ich hab Identitätsprobleme“ und „Ich glaube ich verliere meine Koordinaten“. Die treffendste Aussage war allerdings: „Manchmal bin ich mir nicht mehr im Klaren darüber, um wen es sich bei mir eigentlich handelt.“ Das trifft die Situation auf den Punkt. Ein paar Jahre musste er mit dieser Situation umgehen, bis die Gnade der Demenz kam und er davon nichts mehr merkte. Dann wurde er wieder fröhlicher und konnte das Leben genießen – zum Teil sogar mehr als vor der Erkrankung.

Die Eigenschaften, die einen Menschen ausmachen, verblassen im Krankheitsverlauf einer Demenz immer mehr. Wie haben Sie das erlebt?
Mein Vater ist unheimlich direkt geworden. Da kam etwas aus ihm heraus, das er sein ganzes Leben unterdrückt hatte. Er hat geschimpft und hemmungslos – teilweise auch sehr peinliche – Sachen gesagt. Skurril war, als er einer Joggerin hinterherrief, sie habe einen dicken Hintern! Daran gewöhnt man sich. Ich glaube, dass sich mein Vater sein Leben lang zur Selbstkontrolle gezwungen hat – sei es durch seine Erziehung oder seine Erfahrungen im Krieg. Durch die Krankheit fing er an loszulassen: So oft wie mein Vater in seinen letzten Lebensjahren geflucht hat, habe ich ihn in der ganzen Zeit zuvor nicht fluchen hören. Durch den großen Bildungshorizont meines Vaters war bis zum Ende noch eine Menge Substanz vorhanden. Er hat gerne gesungen und Gedichte rezitiert, teilweise haben wir uns auf Englisch oder Französisch unterhalten. Wir haben zusammen Stadt Land Fluss gespielt und dabei klassische Musik gehört – die hat er geliebt. Es war teilweise erstaunlich, was dabei an Wissen zum Vorschein kam! In solchen Momenten ist es wichtig, auf die Menschen einzugehen und sie da abzuholen, wo sie sich mental gerade befinden.

In Ihrem Buch beschreiben Sie Ihren Vater als gläubigen Menschen, dessen Glaube noch bis ins späte Stadium der Demenz ein fester Bestandteil seines Lebens war. Hatte die Krankheit  Auswirkungen auf Ihren Glauben?
Ich war schon immer gläubig, auch wenn ich nicht regelmäßig in die Kirche gehe. Durch meine Erziehung ist der christliche Glaube bei mir relativ tief verankert. Wenn ich für meinen Vater die Matthäus-Passion aufgelegt habe oder ihm aus der Bibel vorlas, hat das sofort viel bei ihm ausgelöst. Man hat gemerkt, wie wichtig ihm der Glaube war. Sein Glaube saß tief, bis zum Schluss. Ich habe die alten Lieder aus seiner Gemeinde ausgegraben und mit ihm gesungen. Beim Singen habe ich gemerkt, dass auch mich diese Lieder berühren.

Inwiefern hat die Erkrankung Ihres Vaters Ihre Sicht auf das Älterwerden beeinflusst?
Ich habe gemerkt, dass man sich auf das eigene Älterwerden vorbereiten muss. Man muss sich mit dem Gedanken beschäftigen, wie und mit wem man im Alter leben möchte und sich rechtzeitig erkundigen, welche Möglichkeiten es gibt. Wichtig ist auch ein finanzielles Backup. Die Erfahrungen mit meinem Vater und den anderen demenzkranken Bewohnern im Seniorenheim haben mir die Angst vor der Krankheit und dem Älterwerden genommen.

Marike Götz und Bettina Tietjen auf dem Roten Sofa in den NDR-Studios | Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle
Marike Götz und Bettina Tietjen auf dem Roten Sofa in den NDR-Studios Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

Für die Angehörigen mag es ein schwieriger Prozess sein, die Veränderungen, die diese Krankheit mit sich bringt, zu akzeptieren. Aber wenn man als Patient in dem Zustand des Vergessens angekommen ist, ist es in den meisten Fällen eine Gnade, dass man selber nicht mehr merkt, was mit einem passiert. In diesem Zustand ist es durchaus möglich, ein schönes Leben und eine hohe Lebensqualität zu haben!

Das Gespräch führte: Marike Götz


Über Bettina Tietjen:

Neben der Magazinsendung „DAS!“ moderiert die sympathische Fünfundfünfzigjährige das Fernsehquiz „Wer hat’s gesehen?“, die NDR 2-Radioshow „Tietjen talkt“ und ist regelmäßig gemeinsam mit Alexander Bommes in der Talkshow „Bettina und Bommes“ zu sehen.
Anfang des Jahres veröffentlichte sie ihr erstes Buch. In „Unter Tränen gelacht“ schreibt Tietjen über die Demenzerkrankung ihres Vaters. Sehr persönlich beschreibt sie, wie sie ihren Vater während des Krankheitsverlaufs vom ersten „Tüdeln“ bis zum Ende begleitet hat.
Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen mit Demenz engagiert sich Bettina Tietjen als Schirmherrin des „DRK-Hospiz für Hamburgs Süden“. Parallel ist sie „Bootschafterin“ der „Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ und Unterstützerin des Ronald McDonald Kinderhauses in Kiel. Die Mutter zweier Kinder lebt mit ihrer Familie in Hamburg-Harburg. Fit hält sich die NDR-Moderatorin mit Yoga und Joggen – drei Mal in der Woche acht Kilometer.

Tietjens Gastro-Tipps:
In Harburg:
Momento di im Harburger Hafen, Veritaskai 3, 21079 Hamburg www.momentodi.com
Silo 16 Schellerdamm 16, 21079 Hamburg www.silo16.com
Al Limone Lämmertwiete 12, 21073 Hamburg www.allimone.de
In Hamburg:
Dionysos Eppendorfer Weg 67, 20259 Hamburg www.dionysos-hamburg.de
Restaurant Cox Lange Reihe 68, 20099 Hamburg www.restaurant-cox.de