Wilhelmsburg

Heinz H. Behrens erkundet Wilhelmsburg
–  Wo Hamburg im Aufbruch ist

Wilhelmsburg, das waren früher zahlreiche kleine Inseln im Strom, die über Jahrhunderte zur größten Elbinsel zusammengedeicht wurden. Heute ist Wilhelmsburg Hamburgs größter Stadtteil – eine Insel der Vielfalt, so seine Bewohner. Voller Menschen aus vielen Kulturen, die in unterschiedlichsten Wohnquartieren leben. Hier findet man noch bäuerliche Idylle neben modernen Industrieanlagen. Im Norden der Hafen, im Süden das Naturschutzgebiet Heuckenlock. Dazwischen ländliches oder urbanes Wohnen wie in Kirchdorf: schmucke Einzelhäuser in blühenden Gärten rund um die Kreuzkirche, aber auch riesige Wohnmaschinen in Kirchdorf-Süd.

Während der IBA (Internationale Bauausstellung) Hamburg entstand ein modernes Stadtzentrum in Wilhelmsburg Mitte. Klimafreundliche Wohn- und Verwaltungsgebäude, Schul- und Sportzentren, ein Ärztehaus und Senioren-Treffs. Fußläufig daneben der Wilhelmsburger Inselpark, wo 2013 die igs (Internationale Gartenschau) stattfand. So gelang der 2004 angekündigte „Sprung über die Elbe“ als strategischer Schritt zur Umsetzung des seit 2002 verfolgten Leitbilds  „Metropole Hamburg – Wachsende Stadt“. Wilhelmsburg hat seither wie kein anderer Stadtteil sein Gesicht verändert.

Wenn Sie unsere Elbinseln erkunden wollen – zum Stadtteil Wilhelmsburg gehören ja auch die Veddel, Steinwerder und der Kleine Grasbrook – dann empfiehlt sich eine Fahrradtour. Durch den Alten Elbtunnel zum Beispiel erreichen Sie auf nostalgische Weise das Wilhelmsburger Hafengebiet – vor Ihnen der Kuhwerder- und der Kaiser-Wilhelm-Hafen, dazwischen die Nehlstraße. Die Argentinien-Brücke bringt Sie über den Reiherstieg und weiter geht’s gen Osten auf dem Veddeler Damm bis zum Hansahafen und dahinter zur tschechischen Enklave am Saale- und Moldauhafen. Und vom Wilhelmsburger Platz vielleicht noch über den Müggenburger Zollhafen hinüber zur BallinStadt, zum gerade wiedereröffneten Auswanderermuseum.
Die BallinStadt erreichen Sie natürlich auch mit der S-Bahn S 3 oder S 31 bis zur Station Veddel. Nur denken Sie daran, die Insel misst rund sieben Kilometer von Nord nach Süd und etwa 13 Kilometer Luftlinie von der Bunthäuser Spitze im Südosten bis zum Köhlbrandhöft im Nordwesten – da müsste man schon sehr gut zu Fuß sein, um sich alle Sehenswürdigkeiten zu erlaufen. Aber man kann sich an den Fahrradsta-tionen ja Räder leihen.

Die wechselvolle Geschichte der Elbinseln
Es ist Sonntag, da hat das Museum Elbinsel Wilhelmsburg ab 14 Uhr geöffnet. Im denkmalgeschützten ehemaligen Hannoverschen Amtshaus, erbaut auf den Grundmauern des einstigen Stillhorner Schlosses, kann man eintauchen in die wechselvolle Geschichte der Inseln im Stromspaltungsgebiet der Elbe. Die Besiedlung der früheren Elbinseln dürfte hier im Osten begonnen haben, auf der gegen Sturm und Flut relativ geschützten Marschinsel Stillhorn. Hier siedelten sich erste Landwirte an, auf der Kirchdorfer Düne, dort wo man später auch die erste Inselkirche erbaute. Kirchdorf wurde in den folgenden Jahrhunderten zum historischen Zentrum von Wilhelmsburg.
1672 erwarb Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg – der letzte männliche Spross der Celler Welfenlinie – die Elbinseln Stillhorn, Georgswerder und Reiherstieg-Rotehaus, ließ sie zusammendeichen und machte sie zur Herrschaft Wilhelmsburg.
Kurzer historischer Einschub: seine Tochter, Sophie Dorothea, bekannt geworden als die „Mutter der Könige“ – ihr Sohn bestieg als Georg II. den Thron von England, ihre Tochter gleichen Namens wurde Gemahlin von Preußens Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. und Mutter von Friedrich dem Großen – diese Sophie Dorothea wurde auf Bitten ihres Vaters von Kaiser Leopold V. 1674 in den Rang einer Gräfin von Wilhelmsburg erhoben. Bekannt wurde die ältere Sophie Dorothea später als Prinzessin von Ahlden, weil sie nach einem höfischen Skandal im Schloss Ahlden in Verbannung leben musste. Während ihrer Zweckehe mit dem ungeliebten Vetter Georg Ludwig von Hannover hatte sie, nach der Geburt ihrer beiden Kinder, ein Liebesverhältnis mit Philipp Christoph Graf Königsmarck. Königsmarck wurde kurzerhand ermordet und sie lebenslang nach Ahlden verbannt.
Wilhelmsburg gehörte genau wie Harburg bis 1866 zum Königreich Hannover und fiel nach dem deutsch-deutschen Krieg an Preußen. Zwischen 1925 und 1927 besaß Wilhelmsburg Stadtrecht, wurde 1927 dann mit Harburg zum Stadtkreis Harburg-Wilhelmsburg vereinigt. So entstand mit 110.000 Einwohnern eine weitere Großstadt in der Provinz Hannover. Diese Zwillingsstadt kam 1937 durch das Groß-Hamburg-Gesetz zu Hamburg.

Vom Museum sind es nur wenige Schritte bis zur rot geklinkerten Kreuzkirche, die 1388 Otto von Grote V. aus dem Rittergeschlecht der Groten gegründet hatte. Irgendwann zwischen 1527 und 1529 nahmen die Stillhorner den lutherischen Glauben an. Nach 1614 musste die baufällig gewordene Kreuzkirche neu erbaut und gegen Ende des 19. Jahrhunderts wiederum um- und ausgebaut werden. Im Innenraum können Sie die malerischen Brüstungsbilder mit Aposteln und Propheten an der Empore bewundern sowie den Fürstenstuhl der Gräfin. Der Taufstein wurde schon 1655 von Thomas Grote gestiftet – die Furtwängler-Orgel mit ihren 999 Pfeifen gehört zu den wenigen erhalten gebliebenen romantischen Orgeln hier in Hamburg.
Eine weitere Kirchdorfer Sehenswürdigkeit ist die wunderbar erhaltene Windmühle Johanna in der Schönenfelder Straße. Die betriebsfähige sogenannte Galerie-Holländermühle, in der noch immer Back- oder Futterschrot gemahlen wird, steht auf einer Warft, einem aufgeschütteten Siedlungshügel in der früheren Gemarkung Schönen Felde. Leider ist die von einem Mühlenverein liebevoll betreute Mühle nur an wenigen Tagen zu besichtigen. Aber man kann Gruppenführungen telefonisch vereinbaren.

Naturschutzgebiete mit seltenen Pflanzen und Tierarten
Szenenwechsel: Wilhelmsburg hat zwei Naturschutzgebiete, das Heuckenlock und die Rhee. Das Heuckenlock, eine 120 Hektar große tidebeeinflusste Auenlandschaft an der Süderelbe, ein Auenwald voller Weiden und Hybridpappeln, mit einigen Ulmen und vielen Straucharten. 700 Pflanzenarten will man dort erfasst haben, darunter Seltenheiten wie die Wibels Schmiele oder der Schierlings-Wasserfenchel. Früher war es Weideland und Lieferant von Reet, heute ist es ein von Prielen durchzo-
genes artenreiches Biotop. Wer dort spazieren gehen will sollte vorher den Elbwasserstand erfragen, denn es handelt sich um ein Überschwemmungsgebiet. Genau wie gegenüber der Harburger Schweenssand, auch der eine gezeitenbeeinflusste Elbaue.
Auf dem Moorwerder Deich weiter Richtung Bunthäuser Spitze, dorthin wo sich die Elbe in Norder- und Süderelbe teilt. Vom hölzernen Leuchttürmchen kann man diese Teilung des Flusses nach Nord und Süd beobachten.
Das andere Naturschutzgebiet, die Rhee, liegt ein paar Kilometer weiter nördlich in Ober-Georgswerder. Auch dies war einmal eine für die Elbniederung typische Tideauenlandschaft; inzwischen wurde sie allerdings von den Schwankungen der Gezeiten durch Eindeichung abgeschnitten. Um einen Altarm der Dove Elbe, heute der Georgswerder Schleusengraben, entstanden mehrere Kleingewässer und Teiche, teilweise in früheren Bombentrichtern. Die Rhee ist ein beliebtes Refugium für viele Tierarten wie Löffelenten, Eisvögel, Libellen und Falter.

Aus Fehlern gelernt: Umweltschutz und Energiewende
Nicht allzu weit von der Rhee entfernt liegt die skandalumwitterte Georgswerder Deponie, jahrzehntelang Müllkippe für den Hamburger Trümmerschutt, für Hausmüll und Industrieabfälle. Auch Dioxinabfälle und das hochgiftige Pflanzenschutzmittel E 605 wurden dort abgeladen und kontaminierten demzufolge das Grundwasser. Dieser Sondermüll wurde später wohl zum Teil in der damals noch zur DDR gehörenden Deponie Schönberg in Mecklenburg-Vorpommern entsorgt. Das noch immer entstehende Sickerwasser wird heute durch eine Aufbereitungsanlage gereinigt und entgiftet. Während der IBA machte man aus der inzwischen versiegelten und danach begrünten Mülldeponie den Energieberg Georgswerder: Ein Windpark mit vier Windenergieanlagen und eine Solaranlage erzeugen Strom für rund 4.000 Haushalte. An der Nordseite des Energieberges, in der Fiskalischen Straße 2, befindet sich ein Informationszentrum mit einer Multimedia-Show über Entstehung und Sanierung dieser einstigen Deponie. Und von oben auf dem 40 Meter hohen Berg, vom Horizontweg aus, haben Sie einen herrlichen Rundblick auf das Hamburger Umland.
Bleiben wir noch einen Moment bei den Themen Energie und Ausblick. Weiter im Westen, in der Neuhöfer Straße 7 – zwischen Rotenhäuser Damm und Weimarer Straße – steht der sogenannte Energiebunker. Ein Betonkoloss, ein ehemaliger Flakbunker und Schutzraum für die Wilhelmsburger Bevölkerung, den man nach Kriegsende vergeblich zu sprengen versuchte. Auch dieser Bunker wurde im Rahmen der IBA saniert und als Mahnmal hergerichtet. Auf dem Dach und an die Südseite montierte man Solarhüllen. Zusammen mit der Abwärme aus einem benachbarten Industriebetrieb soll der Energiebunker nun einen Teil des umliegenden Reiherstiegviertels mit Elektrizität und Wärme versorgen. Und vom 8. Stock hat man auf der Terrasse rund um das Café vju einen fantastischen Ausblick auf die Hamburger Stadtsilhouette bis hinüber zum Hafen und in Richtung Harburg.

MultiKulti  im  Weltquartier
Im Westen am Fuße des Bunkers befindet sich zwischen Weimarer- und Veringstraße das benachbarte Weltquartier. Eine in Teilen modernisierte ehemalige Arbeitersiedlung mit heute knapp 800 Wohneinheiten und einem Gewerbehof. Dort lebten 1.700 Menschen aus 30 Herkunftsländern lange Zeit in sanierungsbedürftigen Wohnungen, die nun wieder hergerichtet oder neu erbaut wurden. Niemand wurde wegen dieser Umbauarbeiten vertrieben, alle konnten zurück in die ihnen vertraut gewordene Umgebung. Dort war, ist und bleibt ein für das Reiherstiegviertel ty-
pisches multi-kulturelles Leben und Treiben. Und im neuen Welt-Gewerbehof an der Rotenhäuser Straße  entstanden auf rund 6.000 Quadratmeter flexible Geschäftseinheiten für Klein- und Kleinstbetriebe, auch für migrantische Existenzgründer, unter ihnen Handwerker, Einzelhändler, Kreative und Dienstleister.
Machen wir jetzt einen großen Sprung ins neu entstandene Zentrum Wilhelmsburg Mitte. Über die Fußgängerbrücke vom Wilhelmsburger S-Bahnhof erreicht man nach gut 100 Metern dieses neue Stadtquartier. Der Neubau der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt fällt durch seinen turmartigen Mittelbau und die bunt-markanten Fassaden sofort ins Auge. Gegenüber, rund um den Eingang zum Wilhelmsburger Inselpark, zahlreiche architektonische Vorzeigeprojekte: Wohnhäuser und Veranstaltungsgebäude, ein Ärztehaus und ein Seniorenzentrum, ein Hotel sowie verschiedene Informations- und Sportstätten, darunter ein Hallenbad und die Basketball-Halle der Hamburg Towers. Das schon Ende der 70er Jahre großzügig gestaltete Berufsschulzentrum auf der anderen Straßenseite komplettiert den Ortskern. Ganz neu, jenseits der Bahnlinie an der Krieterstraße, entstand das Bildungszentrum Tor zur Welt – mit einer Grundschule, einem Gymnasium, Kita, Elternschule, Volkshochschule, einem Integrations- und Beratungszentrum sowie einem Theaterdomizil. Der nun markanter gewordene Ortskern wird ergänzt durch das alte, im Jahr 1903 erbaute, neogotische Rathaus an der Mengestraße und durch das Bürgerhaus schräg gegenüber.

Der Inselpark – ein Naherholungsgebiet ohnegleichen
Hinein in den großen Wilhelmsburger Inselpark, in das fantastische Naherholungs-gebiet mit seinen vielfältigen Freizeitangeboten. Der sogenannte Sansibar-Felsen wurde zu einer Art Wahrzeichen für den Park: ein massiver Felsbrocken, gekrönt von einer Schwarzkiefer, die in Form eines Bonsai gestutzt wurde. Überall Sportstätten – eine Schwimmhalle, die Kletterwand in der Nordwandhalle, ein Hochseil-Garten, die kurvenreiche Berg- und Talbahn für Skater und genügend Wasserflächen für Kanuten. Die Kleineren dürfen auf fünf Spielplätzen spielen und toben, darunter die Spielstätten Geheimnisvolle Insel und  Atlantis. Sie finden gastronomische Angebote, aber auch Grill- und Picknickplätze. Hier im Park feiert man mehrmals im Jahr die Wilhelmsburger Bürgerfeste. Der Inselpark ist an jedem Tag rund um die Uhr geöffnet und kostet keinen Eintritt.
Für die einheimischen Insulaner – viele von ihnen mit migrantischen Wurzeln – und für die vielen neu Zugewanderten ist das Wilhelmsburger Bürgerhaus ein Ort der Begegnung. Im besten Sinne Begegnungsstätte und zugleich Kulturforum, welches eine Teilhabe ermöglicht und die interkulturelle Weiterbildung fördert: Verständnis und Toleranz für die verschiedenen Lebensrealitäten auf der Insel. Von hier startete zudem so manche Bürgerinitiative.

Wilhelmsburgs Deiche sind heute so sicher wie nie zuvor
Zurück Richtung Hamburg, zum Nordufer der Insel. Und noch einmal ein kurzer Blick zurück in die Geschichte. In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 brachen zunächst die Deiche am Spreehafen und bald darauf weitere Deiche am Reiherstieg und am Friedhof Finkenriek. Vielerorts lebten damals noch Ausgebombte und Flüchtlinge in Behelfsheimen und in den Lauben von Schrebergartenkolonien. Die sehr alten und wenig gepflegten Deiche wurden schnell unter- oder überspült, das dahinter tief liegende Gartenland mit seinen Notbehausungen war, genau wie ganze Stadtteile, im Nu von meterhohen Wellen überflutet. Viele Bewohner wurden im Schlaf überrascht, einige versuchten sich auf den Dächern ihrer Häuser und Hütten in Sicherheit zu bringen, aber mehr als 200 Menschen mussten allein in Wilhelmsburg ihr Leben lassen.

Ob Stadtgeschichte oder Kulinarik: Autor Heinz H. Behrens weiß Spannendes zu berichten.

Hamburgs größte Katastrophe nach Ende des Zweiten Weltkriegs  – eine Naturkatastrophe, die nur durch das beherzte Zupacken des damaligen Innensenators Helmut Schmidt einigermaßen unter Kontrolle gebracht werden konnte.

Inzwischen sind die Deiche rundum Wilhelmsburg erhöht und befestigt; so können sie den ständig steigenden Wassermassen und Wasserständen trotzen. Man hat aus früheren Fehlern gelernt und schafft mittlerweile sogar wieder neue Überflutungsflächen für den begradigten und stark eingedeichten Flusslauf. Wilhelmsburg scheint heute sicher zu sein, so sicher wie nie zuvor.

Text: Heinz H. Behrens
Fotos: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle


Kultur- und Gastrotipps in Wilhelmsburg

Tipps und Empfehlungen wurden von Heinz H. Behrens entdeckt, probiert und für gut befunden.