Wer soll es schaffen, wenn nicht Hamburg?

Zweite Bürgermeisterin und Senatorin Katharina Fegebank im Innenhof des Hamburger Rathauses | Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

Sie ist jung, sympathisch, dynamisch – und die ranghöchste Politikerin in der Hansestadt:

Katharina Fegebank, 38, Zweite Bürgermeisterin
sowie Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung

Im Gespräch mit HANSEstyle berichtet die Politikerin von den drei Hs, die die Zukunft Hamburgs bestimmen werden. Sie spricht über die großen Herausforderungen in der Hochschulpolitik und erläutert die Chance, die sie in Hamburgs Olympiabewerbung sieht. Darüber hinaus benennt Senatorin Fegebank Lösungsansätze zur besseren Integration der hier Schutz suchenden Flüchtlinge.

HANSEstyle: Sie waren jahrelang Vorsitzende des Grünen Landesverbandes, sind also politisch erfahren. Dennoch sind Sie eine junge Frau und nun nach Bürgermeister Olaf Scholz die höchste Repräsentantin des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg. Wie fühlt sich das an?
Senatorin Katharina Fegebank: Gut! Es sind inzwischen einige Monate vergangen, seit die neue Hamburger Koalition regiert. In den ersten ein, zwei Wochen war es eine Umstellung – die neue Anrede als Zweite Bürgermeisterin und Senatorin war etwas gewöhnungsbedürftig. Selbst die Abläufe im Rathaus waren neu für mich; doch wir hatten einen guten Start und es macht mir viel Freude. Erkannt habe ich auch, dass ich nicht mehr nur für 12,3 Prozent der Hamburgerinnen und Hamburger arbeite, die ihr Kreuz bei mir oder bei unserer Partei gemacht haben. Ich bin jetzt die Zweite Bürgermeisterin aller Hamburgerinnen und Hamburger.

Gehen Sie heute anders auf politische Widersacher zu?
Es war schon immer mein Anspruch, nicht nur mit offenem Ohr und Auge durch die Stadt zu gehen, sondern auch den politischen Gegner oder den politischen Mitbewerber in das Denken und die eigenen Vorstellungen mit einzubeziehen. Ich habe schon immer lieber Brücken gebaut und versucht, über das Gespräch Kompromisse zu finden, um einen Konsens zu erzielen.
Wie reagieren Familie und Freunde auf Ihre politische Karriere – und wie ist es, wenn Sie zum Beispiel unterwegs sind?
Nach der Wahl bin ich von meinem gesamten persönlichen Umfeld beglückwünscht worden, doch meine Familie und meine Freunde haben manchmal etwas Sorge, wie sich der politische Alltag auf mich auswirken könnte. Ich habe mir fest vorgenommen, an meinem ohnehin knappen Freizeitbudget und -verhalten nichts zu ändern. Das ist mir bisher gelungen. Wenn es mein Zeitfenster erlaubt, die Schönheit der Stadt zu erkunden, in Restaurants zu gehen, Fahrradtouren zu machen, spazieren zu gehen oder Freunde zu treffen, dann mache ich das.

In der Schanze bin ich immer noch Katharina oder Frau Fegebank. Manche sprechen einen auch einfach an. Das finde ich übrigens sehr schön, denn so war schon immer mein Politikverständnis: Ich mache Politik für die Menschen und hoffentlich mit den Menschen in dieser Stadt. Bürgernah zu sein heißt für mich vor allem ansprechbar zu bleiben. Berührungsängste habe ich keine, doch die Menschen halten sich in der Regel zurück. Das Hanseatische drückt sich auch im Umgang aus.

Mit Gestik und Verve: Senatorin Katharina Fegebank | Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

Die Hamburger Hochschullandschaft ist Ihr Kernthema. Zwischen 2007 und 2013 waren Sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Präsidium der Leuphana Universität Lüneburg. Sie verfügen daher über umfangreiche berufliche Erfahrung im Hochschulsektor. Wo sehen Sie da den dringendsten Handlungsbedarf?
Künftig sollten drei Hs – Hafen, Handel und Hochschulen – das Bild der Stadt prägen. Die Entwicklung Hamburgs geht deutlich in Richtung Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, für die unsere sehr bunte und heterogene Hochschullandschaft das Know-how bereitstellt. Die Stadt braucht alle Talente, alle guten Köpfe. Das schaffen wir nur durch Investitionen in Bildung, Bildung, Bildung! Nur so machen wir Hamburg zukunftssicher.

Eine große Aufgabe wird auch sein, dass sich die Hochschulen weiter öffnen, so dass der Dialog zwischen Hochschulen, Politik und Gesellschaft fruchtbar nach vorn gerichtet geführt wird. Wir haben beispielsweise den Runden Tisch Olympia mit den Hochschulen ins Leben gerufen. Dort beschäftigen wir uns unter anderem mit der Fragestellung, wie die Hochschulen ihren Beitrag leisten können für eine Bewerbung, die deutlich macht, dass wir nachhaltige, ökologische und demokratische Spiele in Hamburg wollen. Und sollte die Bewerbung erfolgreich sein – wie können sich die Hochschulen beteiligen, um die Spiele zu etwas Einmaligem zu machen? Auch wenn es um Innovation und Nachhaltigkeit geht, sehe ich die Hochschulen hierbei in einer wichtigen Rolle. Mein Anspruch wäre, dass sich die Hochschulen durch ein solches Engagement als wichtiger Pfeiler der Stadtgesellschaft darstellen – und so auch wahrgenommen werden.

Was verstehen Sie konkret darunter, dass sich die Hochschulen gesellschaftlich öffnen müssen?
Hochschulen dienen zum einen der Ausbildung der Studierenden. Zum anderen betreiben sie im originären Sinn der Hochschule Grundlagen- und weitergehende und spezialisierte Forschung. So werden aus den Ideen der Akademiker ganz praktische Projekte. Viele Menschen wissen gar nicht, was an Forschungsprojekten und Lehrinitiativen von den Hochschulen in die Stadt hineingetragen wird. Diese Leistung müssen wir besser transportieren. Ziel muss es sein, dass die Hamburgerinnen und Hamburger sagen: `Wir haben den Handel, wir haben den Hafen, der einen Großteil des Wohlstandes begründet, doch wir haben genauso unsere Hochschulen. Die Studienbedingungen sind gut, hier wird exzellent geforscht und es findet hier gute Lehre statt. Der Praxisbezug stimmt und die Hochschulen sind international ausgerichtet.´

Die Anzahl der Abiturienten in Hamburg nimmt stetig zu. Allein in den letzten drei Jahren um etwa 20 Prozent. Ist es notwendig, dass die Anzahl immer weiter steigt? Sollten immer mehr Menschen den Hochschulzugang und -abschluss anstreben?
Wir möchten möglichst viele junge Menschen zu einem guten Schulabschluss führen, so dass sie zwischen einem Studium – ob an Universität oder Fachhochschule – und der Ausbildung wählen können. Meine Idealvorstellung ist, dass wir die jungen Menschen auf ihrem Weg begleiten und sie fit machen: Sie sollen die Freiheit haben, wählen zu können, welcher Weg für sie der richtige ist.

An einzelnen Hochschulen, zum Beispiel in technischen Studiengängen, gibt es hohe Abbrecherquoten. Wir dürfen aber auch die Studienabbrecher nicht durch die Maschen fallen lassen! Deshalb benötigen wir eine viel stärkere Verzahnung zwischen den Hochschulen und Ausbildungsbetrieben, zwischen Hochschulen und Handwerk. Wir brauchen zum Beispiel Quereinsteigerprogramme. Dafür werden wir in den nächsten Jahren behördenübergreifend sowohl mit der Schulbehörde als auch mit der Wirtschaftsbehörde sehr eng zusammenarbeiten.

In Ingenieursstudiengängen und genauso im Handwerk sind Frauen unterrepräsentiert. Werden Sie als Senatorin für Gleichstellung hier tätig werden?
Mit Sicherheit! In den letzten Jahren gab es in der Gleichstellung Fortschritte, doch es gibt noch viel Luft nach oben. Es finden an einzelnen Hochschulen bereits Initiativen statt, die wir unterstützen und künftig noch sichtbarer machen wollen. Zum Beispiel müssen Netzwerke, die Frauen darin bestärken ihren akademischen Weg bis zur Dissertation weiterzugehen, unterstützt werden. In Hamburg sind Professorinnen an Hochschulen immer noch deutlich unterrepräsentiert. Frauen sollten stärker zur Karriere ermutigt werden! Die Gesellschaft ist in unserer Stadt ist modern – sie sollte konsequent auf Vereinbarkeitsmodelle, auf Unterstützung und Förderung setzen. Die Beobachtung, dass Frauen mit guten Studienabschlüssen häufig hinten anstehen ist eine, die wir nicht nur in der Wissenschaft machen, sondern auch in wirtschaftlichen Zusammenhängen, in Kulturbetrieben und vielerorts auch in der Politik. Auf der anderen Seite, das erlebe ich in Hamburg anders als anderswo, gibt es hier ein ausgeprägtes Old-Boys Network; verschiedene Zirkel, in denen Männer eher Männer fördern als Frauen, was natürlich über Jahrzehnte gewachsen ist. Vermutlich sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen noch nicht so, dass Männer und Frauen gleichermaßen frei für sich entscheiden, welchen beruflichen Weg sie gehen wollen. Die Besetzung von Aufsichtsräten, die wir seit einigen Monaten haben, hilft bei der Sensibilisierung. Frauen, die jetzt in Führungsetagen, in Vorständen, in Management und Aufsichtsräten sitzen, fungieren als Vorbilder für andere Frauen.

Zur Olympiabewerbung – Sie sind Fürsprecherin, während sich die Grüne Jugend gegen die Spiele ausspricht. Aus welchem Grund braucht Hamburg die Olympischen Spiele? Wie werden Sie die Grüne Jugend davon überzeugen, beim Referendum am 29. November das Kreuz pro Olympia zu setzen?

Katharina Fegebank mit Polit-Kolumnist Klaus May (r.) und Verleger Christian Bauer | Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle
Katharina Fegebank mit Polit-Kolumnist Klaus May (r.) und Verleger Christian Bauer | Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

Aus meiner Sympathie für die Idee der Hamburger Bewerbung habe ich nie ein Geheimnis gemacht. In der Diskussion habe ich mich für die Olympischen Spiele eingesetzt. Das war eine heiße Debatte mit knapper Entscheidung, die dazu geführt hat, dass wir als Partei mit einer `Ja, aber´-Position in die Wahlauseinandersetzung gegangen sind. Wir unterstützen die Olympiabewerbung und sehen eine große Chance für Hamburg, sich erstmalig für die Spiele zu bewerben, die nachhaltiger, demokratischer, ökologischer, sozialer und mit einem höheren Anteil an Bürgerbeteiligung stattfinden sollen. Entscheidend ist, dass wir dafür sorgen, dass die Hamburgerinnen und Hamburger Klarheit haben, welche Kosten auf sie und die Stadt zukommen.

Wie macht man Olympia zu einem stadtpolitischen Thema, wie spricht man diejenigen an, die vielleicht noch gar kein Interesse an dem Großereignis haben? Oder diejenigen, die sagen: ‚Bleibt mir bloß mit dem IOC (Internationales Olympisches Komitee) weg!‘ Sollte das Referendum Ende November erfolgreich verlaufen, müssen wir uns alle gemeinsam Gedanken machen, wie wir auf internationalem Parkett überzeugen können. Die aktuellste Herausforderung, vor der meine Politikergeneration steht, ist der Umgang mit den hier Schutzsuchenden, mit den Flüchtlingen, und ihre Versorgung und Integration. Meines Erachtens liegt sehr nahe, dass sich Hamburg auch im Hinblick auf die Olympiabewerbung mit diesen Herausforderungen auseinandersetzen muss.

Was sind die Pläne der Stadt für die in Hamburg Schutz suchenden Flüchtlinge?
Aus der großen Herausforderung werden wir eine Chance machen. Wer soll es schaffen, wenn nicht Hamburg? Unsere Stadt hat ein außerordentliches bürgerschaftliches Engagement und zeigt großen Einsatz beim Ineinandergreifen aller gesellschaftlichen Kräfte. Viele der Menschen, die hierherkommen, haben eine abgeschlossene Berufsausbildung, haben ein Studium begonnen und sind dann vor Krieg und Hunger geflüchtet. Hamburg ist das erste Bundesland, das ein Screening ansetzen wird, bei dem schon in der Unterbringung geprüft wird, welche Talente und Qualifikationen Flüchtlinge mitbringen und wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Den Menschen, die zu uns kommen, hier arbeiten und sich eine Existenz aufbauen wollen, muss schnell geholfen werden. Doch es vergehen Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat – bis sie eine Arbeitserlaubnis erhalten. Die Verfahren müssen beschleunigt werden, denn es gibt in Hamburg eine Vielzahl an Unternehmen, die diese Arbeitskräfte dringend brauchen. Nur wenn sie dürfen, können sich die Flüchtlinge in die Gesellschaft einbringen. Der Vorwurf, dass sie sich nicht integrieren wollen, ist absurd. Im Gegenteil: Sie machen Hamburg reicher!

Ich möchte keinen unmittelbaren Zusammenhang herstellen, aber auch hier könnte man Hamburg international mit Vorbildcharakter darstellen. Wir sind eine internationale Stadt und jedes zweite Kind unter neun Jahren hat einen Migrationshintergrund. Wir werden weiter wachsen und gleichzeitig vielfältiger und heterogener sein. Das wäre ein gutes Aushängeschild für eine Handels- und Hafenmetropole. Hier wird Tradition und Moderne zusammengeführt – das ist doch großartig!

Das Gespräch führten: Klaus May und Christian Bauer


3 persönliche Fragen an die Senatorin

Früher Handball und Schwimmen. Heute?
Immer noch Schwimmen, sowohl im Meer als auch im Freibad. Und vor drei Jahren habe ich meinen ersten Triathlon gemacht, den Jedermann.

Wann kam die Erkenntnis, dass Sie Berufspolitikerin werden?
Die Erkenntnis kam spätestens mit der Regierungsbildung im April. Mir war jedoch immer wichtig, neben der Parteipolitik ein festes Standbein zu haben, ökonomisch unabhängig von der Politik zu agieren. Erst als ich Spitzenkandidatin wurde, habe ich beschlossen, meinen Beruf an der Leuphana Universität ruhen zu lassen.

HSV oder St. Pauli?
Ich habe schon sehr lang eine Dauerkarte beim SV Werder Bremen; aber ans Millerntor zum FC St. Pauli gehe ich regelmäßig.


Über die zweite Bürgermeisterin:

Katharina Fegebank wird am 27. Februar 1977 in Bad Oldesloe geboren. Sie wächst in Bargteheide auf und macht dort 1996 ihr Abitur. Nach einem Auslandsjahr in London beginnt sie 1997 ihr Studium der Politikwissenschaften, Anglistik und Öffentlichen Rechts an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau, das sie 2002 mit dem Master of Arts abschließt. Im Anschluss folgt der Master European Studies am Zentrum für Staatswissenschaften und Staatspraxis in Berlin. 2004 wird Fegebank Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen und ist drei Jahre lang wissenschaftliche Referentin für Migrations- und Integrationspolitik der GAL-Bürgerschaftsfraktion in Hamburg. Von 2007 bis 2013 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Präsidium der Leuphana Universität Lüneburg und ist dort u. a. für strategische Hochschulentwicklung zuständig. Seit 2008 ist Fegebank Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen in Hamburg. Im Zeitraum von 2011 bis 2015 ist sie Abgeordnete und Sprecherin für Soziales, Internationales und Europa der Grünen Bürgerschaftsfraktion und Vorsitzende des Ausschusses für Soziales, Inte-gration und Arbeit der Hamburgischen Bürgerschaft. Seit dem 15. April 2015 ist Katharina Fegebank Zweite Bürgermeisterin der Freien und Hansestadt Hamburg und Senatorin in der Behörde für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung.