„Welch wunderschönes Winterhude!“

Heinz H. Behrens flaniert in Winterhude

„Welch wunderschönes Winterhude!“ sollen Wanderer zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer wieder ausgerufen haben, wenn sie – von Alsterdorf kommend – Winterhude erreichten. Folgerichtig urteilte 1833 Der Holsteinische Tourist oder Wegweiser für Fußreisende in der Umgebung von Hamburg, eine Art Reisehandbuch für Wandersleute: „Das lachende Winterhude ist liebenswert.“
Damals war Winterhude ein Dörfchen vor den Toren Hamburgs, idyllisch an der Alster gelegen. Sieben Gehöfte, einige Katen und ein paar Landhäuser, knapp 250 Bewohner. Erstmals urkundlich erwähnt 1250: da gab es dort gerade mal vier Hofstellen freier Bauern an feuchten Alsterwiesen, aus denen in den folgenden Jahrhunderten langsam das kleine Bauerndorf erwuchs. Zum Alstersee hin mit tief liegenden Wiesen – Überschwemmungsgebiete, wo Alsterschiffer seit Generationen ihre Boote und Kähne zur Überwinterung an die seichten Ufer zogen. Ihr winterliches Hude, ihre Winterliegeplätze am Fluss.

Heute gehört Winterhude zum Bezirk Hamburg-Nord. Im Süden umgeben von Barmbek-Süd und Uhlenhorst. Im Westen grenzt es an Eppendorf, im Osten an Barmbek-Nord und im Norden an Alsterdorf.
Etwas anschaulicher: Im Süden bildet der Osterbekkanal die Grenze. Im Westen die Außenalster sowie das kurze Stück Alsterkanal bis zur Maria-Louisen-Straße. Von dort weiter entlang Leinpfadkanal und Bebelallee bis zum Lattenkamp. Im Osten grenzt Winterhude an den Barmbeker Stichkanal und führt dann an der Güterumgehungsbahn zwischen Saarlandstraße und Rübenkamp entlang. Im Norden verläuft die Stadtteilgrenze um die City Nord herum und weiter an der Bahnstrecke bis zum Mühlenteich, dem Winterquartier der Alsterschwäne.
Und mittendrin der Stadtpark, der Goldbekkanal, die Jarrestadt und Kampnagel, die Einkaufsmeilen zwischen Gertigstraße, Mühlenkamp und Goldbekplatz. Nicht zu vergessen die verkehrsreiche Sierichstraße und das Villenviertel an der Alster. Hart an der Grenze zu Eppendorf noch das Winterhuder Fährhaus mit der beliebten Komödie und dem engagierten Theater Kontraste.

Johanneum und Lichtwarkschule
Durch dieses Stadtviertel flaniere ich an einem schönen Herbsttag. Oben blauer Himmel, um mich herum buntes Laub und geschäftiges Leben. Start im „foinen Winterhude“, dem alsternahen Villenviertel: Bellevue, Fernsicht, Leinpfad, Agnes- und Blumenstraße. Auf der Maria-Louisen-Straße geht es dann Richtung Stadtpark, vorbei an der Gelehrtenschule des Johanneums.
Das Johanneum, 1529 von Johannes Bugenhagen als Lateinschule gegründet, zog 1914 vom Domplatz hierher nach Winterhude. Fritz Schumacher hat den Neubau an der Maria-Louisen-Straße entworfen und dabei auf den Grundriss des alten Schulhauses am Speersort zurückgegriffen: drei Gebäudeflügel und davor die imposanten Arkaden, alles aus rotem Backstein gemauert. Und vor der Fassade das von Engelbert Peiffer geschaffene Denkmal des Namensgebers, des Reformators und Lutherfreundes Johannes Bugenhagen. Die Gelehrtenschule des Johanneums ist die älteste und traditionsreichste Schule in Hamburg. Ein humanistisches Gymnasium, das allerdings erst seit 1977 auch Mädchen einschult. Seitdem gilt auch für sie das Zitat von Aristoteles, aus seiner  Metaphysik: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen“. So steht es in Altgriechisch an der Südfassade des neu erbauten Forums Johanneum.
Fritz Schumacher entwarf auch das Gebäude der 1907 als Lichtwarkschule gegründeten heutigen Heinrich-Hertz-Schule am Grasweg. Damals eine moderne Reformschule, heute Stadtteilschule mit Gymnasialzweig. In diesem Schulhaus machten einst Loki und Helmut Schmidt ihr Abitur. Und hier kann man noch eine Orgel hören, die der Schriftsteller und Orgelbauer Hanns Henny Jahnn gebaut hat.

Der Stadtpark
Von hier hinein in den 1914 eröffneten Stadtpark, mit Kurs Richtung Planetarium. Auf einem Waldweg, umstanden von wunderschön herbstlich gefärbten Bäumen. Das Planetarium, in den Jahren 1912 bis 1916 als Wasserturm errichtet, wurde in dieser Funktion nur knapp zehn Jahre genutz, weil der hier erzeugte Wasserdruck angesichts des steigenden Wasserverbrauchs und der immer höheren Häuser nicht mehr ausreichte. 1930 wurde der gut 60 Meter hohe Turm darum in ein Planetarium umgewandelt, in ein Sternentheater.
Heute ist das imposante Bauwerk ein Wahrzeichen für Winterhude – und Hamburg hat sich damit eine international anerkannte Begegnungsstätte für Wissenschaft und Kultur geschaffen. Mit modernster Technik bestückt – aktuell ein Sternenprojektor Zeiss Universarium IX, kombiniert mit modernsten Licht-, Laser- und  Surround-Systemen. Sie machen das facettenreiche Programmangebot möglich: Neben den traditionellen Darstellungen des nördlichen und südlichen Sternenhimmels zu verschiedenen Jahreszeiten gibt es wissenschaftliche Vorträge, Konzerte, Theaterabende, Lesungen und vieles mehr. Dankbar angenommen von jährlich mehr als 300.000 Besuchern. Derzeit ist das Planetarium allerdings geschlossen – bis gegen Ende 2016. Der Sockel des denkmalgeschützten Gebäudes wird ausgebaut. Dort entstehen neben einem geräumigeren Entree neue Ausstellungs- und Seminarräume sowie eine Cafeteria.
Auf der Allee vor dem Planetarium geht es weiter, über die Otto-Wels-Straße hinweg zur Festwiese im Stadtpark. Der durch den Stadtpark führende Teil der Hindenburgstraße wurde 2013 nach Otto Wels umbenannt. Während Hindenburg bekanntlich Hitlers Machtergreifung ermöglichte, war es der Sozialdemokrat Otto Wels, der 1933 im Reichstag gegen das Ermächtigungsgesetz stimmte. Seine berühmt gewordenen Worte: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht!“
An Sonn- und Feiertagen wird um die Festwiese herum gern gegrillt. Heute sehe ich nur einige Menschen, die fröhlich Fuß- oder Volleyball spielen. Ich bummle an der Nordseite entlang, mache einen kurzen Abstecher in die Rosengärten und umrunde dann den Stadtparksee. So lande ich schließlich im Café Sommerterrassen zwischen Südring und Goldbekkanal. Im Stadtpark gibt es mehrere gastronomische Pausenstopps, am bekanntesten ist das Landhaus Walter. Hier, direkt am Stadtparksee, befindet sich Schumachers Biergarten, wo besonders gern an lauen Sommerabenden gegrillt und gefeiert wird. Ruhiger geht es im Café Sommerterrassen zu oder ein paar Schritte weiter in der Cocktail-Bar Die Bucht.

Die Jarrestadt
Nach kurzer Verschnaufpause geht’s parallel zum Südring zurück bis zum Wiesenstieg, von dort über den Goldbekkanal ans Goldbekufer. Jetzt sind es nur noch wenige Schritte in den Kernbereich der sog. Jarrestadt, zwischen Semper-, Großheide- und Jarrestraße bis hinüber zum Glindweg. Die Jarrestadt: 1926 vom Architekten Karl Schneider geplant und unter Leitung des Oberbaudirektors Fritz Schumacher zwischen 1927 und 1930 erbaut. In vier- bis sechsstöckiger Blockbebauung. So entstanden zwischen den zehn Wohnblöcken begrünte Flächen und Innenhöfe. In der Mitte dieses Stadtquartiers das markante Wohnensemble von Karl Schneider rund um den Hölderlin-Park. Mit seinen turmähnlichen Eckhäusern am Zugang Hölderlinstraße und den weißen Balkons auf der Parkseite.
Die Jarrestadt gilt als frühes Beispiel des sozialen Wohnungsbaus. Bereits im ersten Abschnitt wurden 1.800 Wohnungen mit jeweils 50 bis 60 Quadratmetern Wohnfläche erbaut, alle mit Küche und Bad. Damals eine städtebauliche Revolution im Zeichen des Neuen Bauens. Eine wegweisende Reformarchitektur mit streng symmetrischer Blockbebauung und einheitlichen Backsteinfassaden sowie flachen Dächern. So entstand eine burgähnliche Wirkung, auch weil die Häuserzeilen an einigen Straßenseiten mehr Stockwerke aufweisen.
Die in der Großheidestraße 1963 erbaute Epiphanienkirche wurde noch vom Architekten Friedrich R. Ostermeyer geplant, der schon den Otto-Stolten-Hof in der Jarrestadt entworfen hatte. Eine moderne Kirche mit eckigem Turm und abgerundetem Kirchenschiff. Das Sichtmauerwerk natürlich aus Backstein.
Zwischen Jarrestraße und Osterbekkanal liegt Hamburgs berühmtes Kulturzen-trum Kampnagel. Einst die bekannte Maschinenbau-Fabrik von Nagel & Kaemp, wo man Reismühlen und Hafenkräne herstellte. Heute mit seinen vier bespielbaren ehemaligen Werkshallen ein gern besuchter Veranstaltungsort für Konzerte, Theatergastspiele, Tanztheater etc. Auch das Programmkino Alabama konnte auf diesem Gelände  überleben.

Das geschäftige Winterhude
Winterhude war ein wichtiger Industriestandort. 1920 wurde ein Drittel der Stadtteilfläche industriell oder von Handwerksbetrieben genutzt. Hier in der Jarrestraße gab es außer Nagel & Kaemp noch die Hammonia Stearin Fabrik. In der Flüggestraße fertigte die Firma Gustav Adolf Koch Aufzugsysteme. Weiter westlich produzierte Schülke & Mayr seit 1889 das Desinfektionsmittel Lysol – Endverbrauchern besser bekannt als Sagrotan. Stammhaus war das heutige Goldbekhaus. Lysol wurde 1892 erfolgreich zur Bekämpfung der Choleraepidemie eingesetzt und Jahre später gegen die mörderische Spanische Grippe. Auch das Goldbekhaus ist heute ein kleines Kulturzentrum, vor allem für Workshops, Lesungen, Kindertheater, Musik und Tanz. Hier, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Goldbekmarkt, finden im Hof auch Flohmärkte statt. An den Winterhuder Kanälen gab es mehrere Bootswerften. Und ansonsten Brauereien, eine Eisengießerei, ein Elektrizitätswerk sowie eine Fabrik zur Herstellung von Asbest und Gummiwaren.

Ich habe inzwischen die Gertigstraße und damit das Einfallstor zum Winterhuder Einkaufsviertel erreicht. Die Gertigstraße, eine Straße der kleinen Ladenbetreiber, von manchem selbstironisch als „Straße der Selbstverwirklichung“ bezeichnet. Dafür stehen Läden wie Aufsteiger (Luftballons), Buddy & Selly (Second-Hand-Designermode), Futterneid (Zoohandlung), Halleluja (Kinderladen), Herz & Krone (Damenmode, Streetwear), Laut+Los (alles für Kinderpartys), schön & ehrlich (Geschenke, Wohnaccessoires – handmade) oder Tragbar (Mode). Gut durchmischt von Traditionsunternehmen und Spezialgeschäften. Eine Straße zum Bummeln, Schauen und Stöbern.
Wer dabei hungrig oder durstig geworden ist: die deseo Tapas-Bar, die Quan Do vietnamesische Streetkitchen oder das Arcada mit portugiesisch-spanischen Spezialitäten und Snacks laden zur Einkehr.
Die Gertigstraße wurde nach dem Lotterieunternehmer Julius Gertig benannt, der hier am Mühlenkamp eine der alten Hofstellen mit Gastwirtschaft gekauft hatte. Und daraus ein beliebtes Ausflugslokal machte: Gertigs Etablissement. Ein tüchtiger und ideenreicher Geschäftsmann: Das Bier ließ er vor Ort in der Gertigstraße brauen; in den Großen Bleichen betrieb er eine Badeanstalt 1. Ranges und am Winterhuder Schinkelplatz eine Trabrennbahn. Ihm gehörte so ziemlich das gesamte Gelände um den Mühlenkamp, in den ich jetzt einbiege. Auch hier finden Sie vieles, was Ihr Herz begehrt. Eine typisch hamburgische Geschäftsstraße: Erwähnenswert Fisch-Böttcher, Butter-Lindner, die Kaffeerösterei Elbgold oder WeinLust. Italienische Feinkost bietet D’Agate und Entspannung das Nivea Spa.
Vom Mühlenkamp zurück Richtung Alster: durch den Poelchaukamp, benannt nach dem Hamburger Richter Hermann Poelchau. Er war Abgeordneter in der Bürgerschaft, Mitglied der Feuerkassendeputation und gehörte zum Armenkollegium der Hansestadt. In der nach ihm benannten Straße gibt es mehrere Modeboutiquen, kleine Cafés und Restaurants.
Ein anderer berühmter Bürger war Adolph Sierich, Goldschmied und Besitzer großer Ländereien hier in Winterhude. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts ließ er seine alsternahen Besitzungen trockenlegen. Und aufhöhen mit Erdreich, das er beim Ausbaggern des Goldbekkanals gewonnen hatte. So machte er den Kanal schiffbar und das Land am Alsterufer baureif. Um Ihnen die Größe seines einstigen Besitzes vor Augen zu führen: Die Dorotheenstraße benannte er nach seiner Mutter, die Maria-Louisen-Straße nach seiner ersten und die Klärchenstraße nach seiner zweiten Frau. Die Agnesstraße nach einer Schwägerin, die Willistraße nach einem Sohn. Und die Sierichstraße wurde dann nach ihm benannt.

Ob Stadtgeschichte oder Kulinarik: Autor Heinz H. Behrens weiß Spannendes zu berichten.

Zurück im Winterhuder Villenviertel zwischen Alsterufer und Maria-Louisen-Straße. Wo ich den Abend mit meiner Frau in unserem Lieblingsrestaurant verbringen werde – in der Louise, mitten in Adolph Sierichs einstigen Besitzungen. Hier aß auch Rudolf Augstein gern zu Mittag, trank sein Bier und lauschte einer Vorleserin, die dem zuletzt stark Sehbehinderten die neuesten Nachrichten und Geschichten aus seinem SPIEGEL vorlas. Ein hanseatisches Traditionslokal – früher auch als Schmidts bekannt. Noch immer mit der Gastro-Philosophie: mehr sein als scheinen.

Text: Heinz H. Behrens
Fotos: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle


Restauranttipps in Winterhude

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