Was die Welt zusammenhält

Zu Besuch in seinem Büro: Seit Frühjahr 2017 ist Dr. Carsten Brosda Kultursenator | Foto: Marius Engels für HANSEstyle

Hamburgs neuer Kultursenator, Dr. Carsten Brosda, 42, berichtet in HANSEstyle über den Start der Elbphilharmonie und die großen Herausforderungen in der Hamburger Kulturpolitik. Darüber hinaus beantwortet er die Frage, was Hamburg als Kulturstadt wirklich ausmacht.

HANSEstyle: Einerseits kündigen Sie eine Renaissance der Kulturpolitik an, andererseits möchten Sie die Politik Ihrer Vorgängerin, Barbara Kisseler, fortsetzen. Ein Widerspruch?
Senator Brosda: Nein! Einen Zustand, an dem man sagen kann, dass etwas vollbracht oder gänzlich erledigt ist, gibt es in der Kulturpolitik nicht. Nehmen wir die Elbphilharmonie: Sie ist eröffnet und die Baugeschichte ist weitgehend zu Ende geschrieben – jetzt geht es darum, dieses Haus mit Leben zu füllen, es auf Dauer zu vernetzen und in der Gesellschaft zu verankern. Insofern geht es immer weiter. Gegenwärtig kommen wir in eine Situation, in der manche Institutionen, die in unserer Gesellschaft Sinn und Orientierung vermitteln, zunehmend brüchig werden. Wenn man Nachrichten guckt, fragt man sich, was in unserer Welt eigentlich los ist, in welchen Zeiten wir leben und was die Welt überhaupt noch zusammenhält. Das sind Fragen, auf die auch in der Kunst nach Antworten gesucht wird. Das stellen wir in den Spielplänen der Theater fest, in den Programmen der Museen, in den Werken der bildenden Künstler oder in der Musik. Dort finden wir Auseinandersetzungen mit dem, was in unserer Gesellschaft passiert. In solchen Prozessen und Diskursen muss die Kulturpolitik Partner sein. Nicht, indem wir etwas erwarten, sondern, indem wir für die Rahmenbedingungen sorgen, in denen solch drängende Fragen gestellt und beantwortet werden können. Und weil diese Fragen drängender werden als noch vor ein paar Jahrzehnten stehen wir potentiell vor einer notwendigen Renaissance der Kulturpolitik.

Barbara Kisseler besaß ein ganz tiefes Verständnis für Kultur als einen eigenständigen, eigensinnigen und eigenrationalen Wert im beschriebenen Sinn: Kultur entsteht in Freiheit und vollständig aus sich selbst heraus, aus dem, was Künstlerinnen, Künstler und Kreative machen. Es ist die Aufgabe des Staates, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, und zwar ohne Vorgaben oder funktionalistische Erwartungen. Danach ist es an uns als Gesellschaft, sich mit der kulturellen Produktion auseinanderzusetzen, an dem Diskurs darüber teilzunehmen und mitzubestimmen, wohin sich unsere Gesellschaft entwickeln soll. Das ist ein kulturpolitisches Verständnis, das ich mit Barbara Kisseler teile und das an Bedeutung gewinnt.


„Wenn man Nachrichten guckt, fragt man sich, was in unserer Welt eigentlich los ist …!“ – Senator Dr. Carsten Brosda

Der Kultursenator sprach über die Eröffnung der Elbphilharmonie. Einige seiner ihm liebsten Musikalben verriet er ebenfalls | Foto: Marius Engels für HANSEstyle

Wie zufrieden sind Sie mit dem Start der Elbphilharmonie?
Was mit der Elbphilharmonie passiert, ist sensationell. Die Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, die wir derzeit nicht nur aus Deutschland, sondern aus Europa und vielen anderen Teilen der Welt erfahren, haben wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht ausgemalt. Jetzt lautet die Frage: Wie sorgen wir dafür, dass diese Aufmerksamkeit, die dieses Gebäude und sein musikalisches Programm momentan erhalten, auch andere Blickachsen freilegen kann auf das, was in dieser Stadt kulturell sonst noch passiert. Dass sich nicht alles auf die Elbphilharmonie fokussiert, sondern dass sie zum Aufmerksamkeits-Fanal für die gesamte Kulturstadt Hamburg wird. Um ein paar Beispiele zu nennen: Wir haben eine Ausstellung in den Deichtorhallen eröffnet – „Elbphilharmonie Revisited“ – in der sich zwölf Künstlerinnen und Künstler mit dem Entstehungsprozess der Elbphilharmonie beschäftigt haben. Oder das „Ensemble Resonanz“, das im kleinen Saal der Elbphilharmonie eine neue Heimat gefunden hat und parallel seine Dependance im Bunker in der Feldstraße bespielt. Oder das Festival „Theater der Welt“, das in diesem Jahr in Hamburg stattfinden wird, auch mit der Spielstätte Elbphilharmonie. Und auch im Rahmen des „Elbjazz“-Festivals wird es Konzerte in der Elbphilharmonie geben. So gibt es viele kulturelle Vorhaben, die eine ganz neue, andere Wirkung entfalten können – mit all der Kraft, die an diesem Ort entstanden ist. Unsere Aufgabe ist, dies auch für die anderen Häuser, Institutionen und Sparten zu ermöglichen.


„Ein großer Prozess ist die Entwicklung des Deutschen Hafenmuseums. Wie wird das inhaltliche und räumliche Programm desMuseums aussehen?“ – Senator Dr. Carsten Brosda

Wie gefällt Ihnen die Akustik?
Ich glaube: Akustik ist in gewisser Weise immer auch schwarze Magie! Was man in jedem Fall sagen kann: Man hört in der Elbphilharmonie überall gleich gut, aber man hört nicht überall das Gleiche.

Werden kleinere Kultureinrichtungen durch die große Aufmerksamkeit, die die Elbphilharmonie auch vonseiten der Stadt erhält, Nachteile haben?
Wir haben finanziell sichergestellt, dass die Elbphilharmonie nicht zu Lasten eines anderen Bereiches der Kultur gehen kann. Alle Mittel für die Elbphilharmonie werden zusätzlich aufgewendet und sind im Haushalt klar abgegrenzt. Es gibt rechtliche Mauern, die es unmöglich machen, aus dem sonstigen Kulturbereich Gelder zu verwenden, selbst wenn mehr Geld für die Elbphilharmonie gebraucht würde. Derzeit erleben wir eher, dass man in großer Freundschaft prüft, wie man zwischen den verschiedenen Kulturinstitutionen gemeinsame Perspektiven und Projekte entwickeln kann. Diese Kooperationen können eine besondere Kraft entfalten.

Wo sehen Sie in der Hamburger Kulturpolitik weiteren Handlungsbedarf? Was wollen Sie in dieser Legislatur sonst noch anpacken?
Ich bin sicher, dass wir im Lauf der Zeit immer wieder neue Herausforderungen entdecken werden. Ein großer Prozess ist die Entwicklung des Deutschen Hafenmuseums. Wie wird das inhaltliche und räumliche Programm des Museums aussehen? Wo wird der Standort sein? Ich halte es für vernünftig, sich im gesamten Stadtgebiet umzusehen und Möglichkeiten zu prüfen. Die 50er-Schuppen sind ein hoch plausibler Standort. Doch warten wir ab, was die Standort- und Potentialanalyse ergibt. Wir haben die Stiftung Historische Museen Hamburg beauftragt, den Entwicklungsprozess maßgeblich zu gestalten. Entscheidend wird für uns sein, dass wir nicht nur die historische Perspektive zeigen oder den Hafen nur als romantischen Sehnsuchtsort – beides sicherlich wichtige emotionale Faktoren für so ein Museum – sondern dass dort auch Fragen zu den Auswirkungen von Freihandel, weltweiten Warenströmen und zur Globalisierung dargestellt und erfahrbar gemacht werden. Das Museum sollte aus der historischen Erfahrung Hamburgs in die Welt überleiten, in der wir heute leben.

Könnte man auch einen Neubau in Betracht ziehen, zum Beispiel im Gebiet der Osterweiterung unserer HafenCity?
Da verschiedene Schiffe eingebunden sind, muss man es in Elbnähe umsetzen. Mit der „Peking“ kommt noch ein weiteres nach Hamburg und soll mit dem Museum verbunden werden. Dabei müssen verschiedene Aspekte beachtet werden – wenn die Schiffe zum Beispiel direkt im Strom liegen. Welche Liegeplätze gehen also und welche nicht? Es gibt technische und nautische Gegebenheiten, die bei der Standortsuche auch berücksichtigt werden müssen.

Zur Populärkultur – Hamburg hat zum Beispiel Kampnagel und die Bühnen von Schauspielhaus und Thalia. Sehen Sie im Hinblick auf das jüngere Publikum besonderen Förderungsbedarf?
Was die Frage unserer Publikumsstruktur angeht, könnte man ja mal die ketzerische Behauptung nachprüfen, ob nicht das durchschnittliche Publikum in der Elbphilharmonie derzeit jünger ist als das durchschnittliche Publikum bei einem Konzert der Rolling Stones? Meine These wäre das! Insofern glaube ich, dass die Unterscheidung von Jung oder Alt angesichts der Diversität unserer Kulturangebote keine so große Rolle mehr spielt. Natürlich besucht ein eher jüngeres Publikum einen Club, in dem nachts um drei Uhr elektronische Musik gespielt wird. Das ist aber schon immer so gewesen und hat etwas mit individuellen Vorlieben zu tun. Aber was wir vermeiden müssen, sind Barrieren, die sich aus Tradition oder aus einem bestimmten Dünkel heraus ergeben. Das ist der entscheidende Unterschied! Ich möchte nicht dafür plädieren, Kunst zu vereinfachen, damit sich jeder alles anguckt. So wird sie beliebig. Aber wir wollen die Schwellenängste etwas abbauen. Nehmen wir nochmals die Elbphilharmonie: Aufgrund der baulichen Attraktivität gehen plötzlich auch andere Menschen in ein klassisches Konzert als vorher zum Beispiel in der Laeiszhalle.


„Das alles müssen wir unbedingt fördern und lebendig halten, denn das macht eine Kulturstadt wirklich aus!“ – Senator Dr. Carsten Brosda

Im Büro des Senators: Dr. Carsten Brosda mit Heinz H. Behrens (r.) und Christian Bauer (l.) | Foto: Marius Engels für HANSEstyle

Daher müssen wir unsere extrem heterogene, bunte und lebendige kulturelle Landschaft erhalten. Dazu zählen ja nicht nur die Bühnen der großen staatlichen Häuser, sondern auch die Privattheater und die vielen spannenden kleinen Bühnen, in denen hochmoderne Inszenierungen entstehen, die von einem ganz jungen Publikum besucht werden. Dazu zählen die Musikclubs, in denen junge Musik und Nachwuchskünstler auftreten, die dort ihre ersten Gehversuche machen. Dazu zählen auch die Orte, an denen bildende Künstler präsentieren, was sie in Auseinandersetzung mit der Welt zeigen wollen: Kunstvereine, junge Galerien, Off-Szenen, Lofts und Hinterhöfe, wo man miteinander in Kontakt treten kann. All das ist wichtig und all das macht die Breite von Kultur aus. Man kann Kultur definieren als die Gesamtheit aller Lebensformen einer zusammenlebenden Gesellschaft. Wenn ich das mache, komme ich nicht mehr auf die Idee, dass Kultur nur etwas für einen kleinen, älter gewordenen und in sich abgekapselten Bereich ist. Es gibt nur unterschiedliche Formen, Kultur zu leben. Und daraus erwächst viel Spannendes – gerade auch in den dezentralen Kulturvermittlungsstrukturen unserer Stadt wie Kulturzentren, Geschichtswerkstätten oder die öffentlichen Bücherhallen in den Stadtteilen. Sie alle sind Kristallisationspunkte für kulturelle Angebote und Begegnungen. Das alles müssen wir unbedingt fördern und lebendig halten, denn das macht eine Kulturstadt wirklich aus!

Das Gespräch führten: Heinz H. Behrens und Christian Bauer


DREI GANZ PERSÖNLICHE FRAGEN AN SENATOR BROSDA:
Sie besitzen mehrere tausend CDs. Welche sind drei Ihrer Lieblingsalben?
Das wechselt ständig. Neben den Klassikern von Bob Dylan, Van Morrison, Bruce Springsteen und Neil Young liegen aber dauerhaft ebenfalls weit vorn:
• Richard & Linda Thompson: „Pour Down Like Silver“
• Joe Henry: „Scar“
• Jason Isbell: „Southeastern”

Welche CD war Ihre erste?
Bruce Springsteen: „Born in the USA“

Welche kam zuletzt hinzu?
Rhiannon Giddens: „Freedom Highway“


Über Senator Dr. Carsten Brosda:

Zwischen 2011 und 2016 leitete der gebürtige Gelsenkirchener das Amt für Medien in Hamburg. Damit war er in allen Belangen der Branche wichtigster Ansprechpartner in der Hansestadt. Zum Beispiel oblag ihm die Betreuung von Medien-, IT- und Werbewirtschaft. Dr. Carsten Brosda ist Fachmann in Sachen Medien – das wusste Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz, denn schon von 2005 bis 2009 war Brosda Referatsleiter, ab 2008 zudem auch stellvertretender Leiter des Leitungs- und Planungsstabes im Bundesministerium für Arbeit und Soziales unter dem SPD-Mann. Brosda promovierte über „Diskursiven Journalismus“ und schuf mit seinem „Handbuch Medienethik“ ein Standardwerk. Seit März 2016 war Brosda Staatsrat in der Kulturbehörde und Staatsrat in der Senatskanzlei für Medien und Digitales. Seit Frühjahr 2017 ist er Kultursenator. Damit folgt er auf die beliebte Kultursenatorin Barbara Kisseler, die im Herbst 2016 nach langer Krankheit verstarb.


Hinweis: Fonds „FREIRÄUME!“  Nachhaltige Kulturprojekte zur Integration von Geflüchteten:

Chorauftritte, bildende Kunst oder Breakdance-Unterricht: Viele künstlerische und kulturpädagogische Aktivitäten können in Hamburger Stadtteilen zur Partizipation und Integration von Geflüchteten beitragen. Nach dem erfolgreichen Start 2016 wird das Engagement auch 2017 weitergeführt. Die Fördersumme wurde mit nun 400.000 Euro im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. 200.000 Euro werden von Hamburger Stiftungen, Unternehmen und Bürgern bereitgestellt, weitere 200.000 Euro ergänzt die Freie und Hansestadt Hamburg aus dem Integra-
tionsfonds. Pro Projekt werden in der Regel zwischen 5.000 und 15.000 Euro vergeben. Bewerben können sich künstlerische und kulturpädagogische Institutionen, Initiativen, Programme und Einzelpersonen aus dem Hamburger Stadtgebiet bis spätestens 31. Mai 2017. Das Konzept haben u. a. die Hamburgische Kulturstiftung, die Körber-Stiftung und die Alfred Toepfer Stiftung gemeinsam mit Stadtkultur Hamburg entwickelt. www.kulturstiftung-hh.de