Vom Kontorhausviertel in die Speicherstadt und zurück

Heinz H. Behrens flaniert durch das Hamburger Weltkulturerbe

An einem sonnigen Tag bummele ich durch einen in Erfüllung gegangenen Hamburger Wunschtraum: Seit Anfang Juli 2015 gehören das Kontorhausviertel und die benachbarte Speicherstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Beide Stadtquartiere wurden einst von ebenso kreativen wie zukunftsorientierten Baumeistern zu beeindruckenden Architektur-Ensembles gestaltet. Sie veränderten auch das Leben und Arbeiten in Hamburg.

Alles begann vor 130 Jahren – zunächst ein kurzer Blick zurück in die Geschichte: rund 38 Zoll- und Mautgrenzen behinderten noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts den innerdeutschen Warenaustausch und Handel. Wer damals Waren von Hamburg nach Österreich oder in die Schweiz liefern wollte, musste rund zehn Staaten durchqueren und deren Zoll- und Mautbestimmungen kennen und respektieren. Das änderte sich erst langsam durch den 1834 gegründeten Deutschen Zollverein, der Schritt für Schritt eine Zollunion schuf und infolgedessen einen wirtschaftlichen Binnenmarkt ermöglichte. Hamburg und Bremen traten diesem Zollverein allerdings erst 1888 bei, nachdem sie dem Reich das Privileg von Zollfreiheit abgerungen hatten, für Freihäfen innerhalb dieses innerdeutschen Zollgebiets.
Damit veränderte sich das Leben der hanseatischen Kaufleute erheblich. Bis dato wohnten und arbeiteten viele Kaufleute in ihren Häusern mit Wohnung, Kontor und Warenlager, meist direkt an einem Fleet. Nun mussten die Importwaren im Freihafengebiet eingelagert werden – denn nur dann wurden die Importzölle erst nach dem Verkauf ins deutsche Zollgebiet fällig. Oder sie blieben nach Bearbeitung und Re-Export gänzlich zollfrei. Zusätzlich zu den Lagerhäusern im Freihafengebiet entstanden peu à peu Kontorhäuser nahe dieser neuen Speicherstadt. Wohnen, Arbeiten und Einlagern wurde entkoppelt.
Das klassische Kontorhausviertel liegt südlich der Steinstraße, zwischen dem Domplatz am Speersort und den Straßen Alter Fischmarkt, Hopfensack, Klingberg, Pumpen, Burchardstraße und Johanniswall. Einst Gebiet eines dicht bebauten Gängeviertels voller altersschwacher Häuser und Buden in engen, lichtarmen Gassen. Hier wütete 1892 die Cholera asiatica besonders heftig, weil sich nach Errichtung des Freihafens fast 25.000 dort wohnende Menschen neue Unterkünfte suchen mussten, was zu einer weiteren Verdichtung auch des östlichen Gängeviertels im Kirchspiel von Sankt Jacobi führte. Durch die Cholera-Epidemie erkrankten gut 16.500 der dort hausenden Menschen durch verseuchtes Wasser – mehr als die Hälfte von ihnen starben.

Robert Koch, der Entdecker des Cholera-Erregers, zeigte sich damals nach einem Rundgang entsetzt: „Etwas Schlimmeres als die Arbeiterquartiere im Gängeviertel habe ich weder im Judenviertel in Prag noch in Italien kennengelernt. In keiner anderen Stadt habe ich solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten angetroffen.“ Und sein an den Senat gerichtetes geradezu vernichtendes Urteil: „Meine Herren, ich vergesse, daß ich in Europa bin.“ So jedenfalls wurde Koch von der Hamburger Freien Presse am 26. November 1892 zitiert.
Ein Korrespondent der Londoner Times hatte da schon am 27. September geschrieben: „Hamburg ist die schmutzigste Stadt, die ich je diesseits des Mittelmeers erlebt habe. Hohe Häuser lassen weder Luft noch Licht in die schmalen Straßenschluchten dringen. Mauern und Gehsteige sind schmierig, Schmutz starrend und abstoßend. Und dann diese abscheulichen Fleete. Man sieht förmlich vor sich, wie die Cholera dem stinkenden, trüben Gewässer entsteigt, dessen Ränder schwarzer Schlamm bildet.“

In den folgenden Jahren wurde das „Pesthöhlen-Quartier“ in der östlichen Altstadt schrittweise saniert – sprich abgerissen und das so gewonnene riesige Areal 1913 von der Stadt aufgekauft. Auf Anregung von Baudirektor Fritz Schumacher sollte hier ein neues Stadtzentrum entstehen, eine moderne City mit Kontorhäusern.

Das Kontorhausviertel
Ich beginne meinen Rundgang am von Fritz Höger zwischen 1922 und 1924 für den Unternehmer Henry B. Sloman erbauten Chilehaus. Sloman, ein Bruder des bekannten Hamburger Reeders, hatte ein großes Vermögen durch den Handel mit Chile-Salpeter erworben und war nach dem Ersten Weltkrieg durch Devisenbesitz in der Lage, diesen bis heute in aller Welt bewunderten Bau im Klinkerexpressionismus zu finanzieren. Hoch gemauert aus angeblich rund 5 Millionen gebrannten Backsteinen – gezählt hat sie aber wohl noch keiner. Das weltbekannte Chilehaus mit seiner an einen Schiffsbug erinnernden Spitze wurde ein Kernstück der Hamburger Bewerbung zur Aufnahme in die Weltkulturerbe-Liste, außerdem drei weitere Kontorhäuser: der Sprinkenhof, der Mohlenhof und der Meßberghof.
Von der markanten Chilehaus-Spitze sind es nur wenige Schritte über die Burchardstraße zur Springeltwiete, eine überbaute Straße quer durch den mittleren und ältesten Bauabschnitt des Sprinkenhofs. Ich halte inne im imposanten zentralen  Lichthof dieses einst größten Bürohauskomplexes in Hamburg. Ursprünglich war der von Fritz Höger und den Gebrüder Gerson entworfene mittlere Teil des Sprinkenhofs als Wohngebäude geplant, wegen Wohnraummangels. Und wegen der Hamburger Tradition des durchmischten Wohnens und Arbeitens speziell in Hafennähe. Aber der Bedarf an Büroräumen war größer und deren Vermietung lukrativer. Darum kam bald ein weiterer Gebäudeteil am Burchardplatz dazu. Und schließlich die dritte Baugruppe am Johanniswall, die der „Klinkerstricker“ Fritz Höger 1943 allein vollendete. Was man ihr ein wenig ansieht. Da war Hans Gerson bereits gestorben und Bruder Oskar durfte als Jude seinen Beruf nicht mehr ausüben.
Achten Sie im Lichthof auf die runden Terrakotta-Keramiken mit Symbolen der verschiedenen Hamburger Berufe und Gewerke. Ich bummele weiter, die obere offene Springel-twiete entlang Richtung Steinstraße, um einen Blick auf ein ganz anderes Kontorhaus zu werfen: Auf die frühere Hauptverwaltung der Rudolf Karstadt AG, heute Sitz der Finanzämter. Von Philipp Schaefer entworfen im Stil des Neoklassizismus. Mit einer Sandsteinfassade und in der Mitte mit sechs mächtigen Säulen um das Eingangsportal herum. Architekten bezeichnen eine solche Fassadengliederung als Mittel- oder Eingangsrisalit.
Auf der Mohlenhofstraße zurück zum Burchardplatz und zum Mohlenhof – 1935 von Rudolf Klophaus als Wohnhaus erbaut und bis heute noch in Teilen bewohnt. Mit einer allerdings schlichteren Klinkerfassade, aber einer markanten Hermes-Skulptur an der Hausecke über den beiden Eingangstüren.
Dann hinein ins Chilehaus. Auch das wird von einer Straße durchschnitten, von der Fischertwiete. Sie führt vom Burchardplatz zum Meßberg, wo bis 1911 Markt abgehalten wurde. Links gegenüber der von den Gebrüder Gerson zeitgleich zum Chilehaus in den Krisenjahren zwischen 1922 und 1924 erbaute Meßberghof. Ein Kontorhaus für ein Konsortium aus In- und Auslandsunternehmen. Damals wurde es nach dem 1918 verstorbenen Reeder Albert Ballin benannt. 1938 musste das Ballinhaus in Meßberghof umbenannt werden, weil die Gauleitung einen Namensgeber jüdischer Abstammung für unhaltbar hielt. Hier finden Sie das Schokoladenmuseums Schocoversum by Hachez, wo Sie sich über die Herstellung von Schokolade oder Pralinen informieren können. Und naschen darf man auch.

Die Speicherstadt
Vom Meßberg durch einen Tunnel unter der Willy-Brandt-Straße hindurch Richtung Speicherstadt. Zwischen 1885 bis 1927 wurde diese Speicherstadt in mehreren Bauabschnitten meist auf Eichenpfählen zum größten Lagerhausensemble der Welt erbaut. Eine rot geklinkerte Stadt in der Stadt, dieses Freihafengebiet in einheitlicher, maritimer und funktionsgerechter Architektur. Im Stil der damals Stil prägenden  hannoverschen Bauschule; Baubeginn an der Kehrwiederspitze.

Mein Spaziergang führt mich auf dem Wandrahmsteg über den Zollkanal hinweg zum Teerhof und dann auf die Poggenmühlen Brücke, die den Wandrahmfleet überbrückt. Von dieser Brücke haben Sie einen wunderbaren Ausblick auf das Wasserschloss. Hier in der Speicherstadt dürfte es das meist fotografierte Motiv sein. Fotofreunde kommen extra bei Dunkelheit hierher, um von dieser Brücke Schloss samt Fleet, beides dann romantisch illuminiert, auf ihre Filme oder Fotochips zu bannen. Ich gehe wieder ein paar Meter zurück hinein in den Alten Wandrahm und bummele vorbei an der alten Zollverwaltung bis zur Dienerreihe. Dort werde ich daran erinnert, woher solche Namen stammen: Hier wohnten einst die Hamburger Senatsdiener in ihren kleinen Häuschen, bis auch sie der Freihafenerweiterung weichen mussten. Und als Wandbereiter wurden die Tuchhersteller bezeichnet.
Von der Dienerreihe aus, gleich hinter der Wandrahmsfleetbrücke, ist das Wasserschloss samt Teehandelskontor von der Landseite zu betrachten. Und im davor liegenden Garten ein Päuschen einlegen. Danach schlendere ich weiter am Holländischen Brook entlang bis zur Straße Bei St. Annen. Hier am Ende des Holländischen Brooks gibt es einen schönen Blick über den Brookfleet hinweg auf das kleine Fleetschlösschen, früher ein Zollgebäude. Weiter auf der Straße Bei St. Annen bis zur Wandbereiterbrücke. Von dieser Brücke, in unmittelbarer Nähe der HHLA Hamburger Hafen und Logistik AG, sieht man die beidseitig bebauten Fleete. Wegen des Hochwassers wurden beim Bau aller Speicher unten hart gebrannte Klinker und darüber dann hanseatisch sparsam normale Backsteinziegel verwendet. Und hier fallen die runden Treppentürme an den Speichern auf. Fluchttreppen, eine vorbeugende Brandschutzmaßnahme des damaligen Branddirektors Adolph Libert Westphalen; der studierte Architekt hatte die Idee für dieseSicherheitstreppen. Dadurch gab es nun zwei Fluchtwege, auf denen die Quartiersleute bei Ausbruch eines Feuers aus dem brennenden oder schnell verqualmten Lagerhaus Richtung Straße oder Fleet fliehen konnten. Bis heute werden sie als Westphalentürme bezeichnet.

Das erste Speicherareal wurde übrigens zwischen 1885 und dem Hamburger Beitritt zur Zollunion im Jahr 1888 auf der Kehrwiederinsel zwischen Kehrwiederspitze und dem Kannengießerort erbaut. Weiter ging’s zwischen 1891 und 1896 hierher bis zur Straße Bei St. Annen, auf der ich gerade stehe. Die Wandrahm-Insel wurde dann zwischen 1899 und 1912 bebaut und ins Freihafengebiet einbezogen. Der letzte Bauabschnitt reichte entlang der Poggenmühle und wurde bis 1927 fertiggestellt. So gesehen bin ich bisher durch den jüngeren Teil der Speicherstadt gebummelt. Und auch wieder nicht, denn im Zweiten Weltkrieg wurden etwa 50 Prozent der Speicherstadt durch Bomben zerstört – vor allem die älteren Bauabschnitte bei Kehrwieder. Und dann nach Kriegsende in den 50er Jahren wieder aufgebaut, teilweise im alten Stil, oft aber baulich vereinfacht oder in modernem Backsteinstil. So gibt der eigentlich jüngere Teil der Speicherstadt heute eher Zeugnis ab von der einheitlichen, neugotischen Backsteinarchitektur voller Türmchen, Nischen und Friese, mit Keramikschmuck und glasierten Ziegelsteinen.

Nun auf der Kornhausbrücke über den Zollkanal zum Dovenfleet. Ecke Brandstwiete stand bis 1967 das älteste Hamburger Kontorhaus, der Dovenhof. Der wurde abgerissen, um neuen Geschäftshäusern für SPIEGEL und IBM Platz zu machen. Der guten Ordnung halber: das Vorgängerhaus hieß Dovenhof und keinesfalls Doofenhof. „Dov“ ist niederdeutsch und bedeutet „taub“ oder „leer“. Die heutige Straße Dovenfleet war ursprünglich ein Fleet, der nach dem Bau neuer Festungswerke langsam verschlammte und unbrauchbar wurde. Darum wurde er 1878 zugeschüttet.
Auf dem Rückweg zum Chilehaus sehe ich mir noch ein paar andere Kontorhäuser an – zunächst das Asia-Haus an der Willy-Brandt-Straße 49, direkt neben der  Privatbrauerei Gröninger. 8.000 qm Kontorfläche, vom Architekten Georg Radel zwischen 1900 und 1909 erbaut. Bemerkenswert die Fassade aus Cotta-Sandstein, reich verziert mit Löwenköpfen und Scheibenmotiven.
Auf einen anderen Erdteil zielt das Afrikahaus in der Großen Reichenstraße 27. Es wurde 1899 von Martin Haller für die Firma C. Woermann errichtet, die Handel mit Westafrika betrieb. Große Bronzefiguren, Krieger und Elefanten, erinnern daran.
Ecke Niedernstraße und Kattrepel der rot geklinkerte Montanhof. Auffällig seine Dreieckserker, die senkrecht aufsteigenden Lisenen sowie die Majolikaverzierungen. Das alles verleiht dem Haus eine gewisse Leichtigkeit.
Das von Max Bach entworfene Miramarhaus – von ihm stammt auch das Levantehaus an der Mönckebergstraße – wurde 1921 fertig gestellt und fällt durch seine markant abgerundete Ecke auf.
Fast alle Kontorhäuser wurden als Stahlbeton-Skelette hochgezogen und dann mit Backsteinfassaden ummantelt. „Denn Backsteine,“ so die Architekten Gerson, „werden mit zunehmenden Alter immer schöner.“
Wie ein Fremdkörper wirkt da die Polizeiwache am Klingberg. Sie wurde zwischen 1906 und 1908 erbaut und erinnert mit ihrer barocken Fassade an die Alt-Hamburger Bürgerhäuser, die man hier auch antreffen konnte. Diese malerische Wache wurde später vom Chilehaus gewissermaßen „total umarmt“.
Erfrischung bei einer eiskalten Orangina vor der Brasserie Atlas, direkt unter dem „Schiffsbug“ des Chilehauses, an der spitzwinkligen Kreuzung von Burchardstraße und Pumpen. Ende eines interessanten Bummels durch ein Stück bewundernswerte hanseatische Baukultur. Ein weiterer Beweis, um mit Wolfgang Borchert zu sprechen, „dass Hamburg mehr ist als nur ein Haufen Steine“.

Ob Stadtgeschichte oder Kulinarik: Autor Heinz H. Behrens weiß Spannendes zu berichten.

Allein auf diesem kurzen Bummel habe ich 6 von 18 Brücken überquert, die in die Speicherstadt führen bzw. dort die Fleete überbrücken. Wussten Sie, dass Hamburg mehr Brücken hat als Amsterdam und London zusammen. Und weit mehr als Venedig. Nur New York hat noch mehr.

Hamburg: 2.496 Brücken
Amsterdam: 1.539 Brücken
London: 850 Brücken
Venedig: 426 Brücken
New York: 2.891 Brücken

Text: Heinz H. Behrens
Fotos: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle


Kultur- und Restauranttipps im Kontorhausviertel und in der Speicherstadt

Tipps und Empfehlungen wurden von Heinz H. Behrens entdeckt, probiert und für gut befunden.