Vierlande | In Hamburgs Dreistromland

Es ist das Wasser in den Vier- und Marschlanden, das den Charakter dieses Hamburger Obst- und Gemüsegartens prägt. Der Elbestrom mit seinen Nebenarmen Dove-Elbe und Gose-Elbe sowie die Bille waren einst die wichtigste Verbindung zur Hansestadt; auf ihren Gewässern wurde das Holz aus dem Sachsenwald nach Hamburg geflößt. Auf flachen Holzbooten, den Ewern, wurde das in den Vierlanden geerntete Obst und Gemüse, die Blumen, der Hopfen und das Getreide in die Stadt gebracht – angebaut und gewachsen auf den fruchtbaren Böden dieses dem Wasser abgerungenen Dreistromlands.

Noch heute kann man sich den Vierlanden bequem auf dem Wasserweg nähern: Vierlandefahrt heißt das Angebot der Alstertouristik; morgens um 10.15 Uhr ab Anleger Jungfernstieg und um 14 Uhr zurück ab Bergedorfer Hafen. An jedem Montag, Dienstag und Mittwoch zwischen dem 1. Mai und dem 3. Oktober. Und manchmal auch sonntags. Jede Fahrt dauert etwa drei Stunden, hin und zurück mithin sechs Stunden. Man kann auch nur die Hin- oder Rückfahrt buchen – ich bevorzuge die Fahrt zurück von Bergedorf zur Binnenalster. Tickets können Sie per Telefon unter 040 35 74 24 – 0 reservieren und dann vom Schiff aus die Kulturlandschaft Vierlande kennenlernen.

Ursprung im 15. Jahrhundert

Der Name „vehrlanden“ oder „veer landen“ taucht erstmals 1548 auf, im Bergedorfer Schatzregister, wo die Steuerpflichten aufgelistet wurden. So bezeichnete man damals das Bauernland, das seit dem 12. Jahrhundert den Elbniederungen durch Bedeichung der noch von Flussarmen getrennten Inseln abgerungen worden war. Damals entstanden in der Gammer Marsch die beiden Dörfer Altengamme und Curslack. Im 13. Jahrhundert wurde das Land um Kirchwerder und bald darauf, auf einer weiteren Insel zwischen Dove- und Gose-Elbe, das heutige Neuengamme durch Eindeichung und Entwässerung urbar und bewohnbar gemacht.In den Jahrhunderten danach, als die Vierlande wie die Vogtei Bergedorf einvernehmlich von Hamburg und Lübeck in Besitz genommen und verwaltet wurden – in der sog. beiderstädtischen Zeit zwischen 1420 und 1867 – entwickelte sich die bis heute typische Agrarlandschaft. Wo zunächst vor allem Gerste und Hopfen angebaut wurden, wichtige Rohstoffe für die Hamburgischen Bierbrauer, die mit dem Export ihres Gebräues bekanntlich den Reichtum der Stadt begründeten.Durch Erbteilung und Verschuldung schrumpften nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) manche Höfe bis auf Katengröße. Nur durch den auf diesen Miniflächen von nun an betriebenen Gartenanbau konnten sich deren Eigner noch ernähren. Grund genug, dass sich bald auch viele Vollbauern oder Hufner auf den Anbau von Obst, Gemüse und Blumen umstellten. So profitierten auch sie von der wachsenden und für sie lukrativen Nachfrage der Hamburger Bürger nach frischer Ware.

Schiffsführer Jörg begleitet Sie humorvoll vom Bergedorfer Serrahn bis nach Hamburg, auch vorbei an der Elbphilharmonie.

Auf einem Alsterschiff die Kulturlandschaft erleben

Diese über Jahrhunderte entstandene Agrarlandschaft kann man in all ihren Facetten sehr schön vom Schiff aus in Augenschein nehmen: reiches Ackerland, fette Weiden, dazwischen Gewächshäuser, Obstbäume und Nutzgärten. Auf besagter Vierlandefahrt ab dem Serrahn, wo man in Bergedorf die Bille zum Hafen aufgestaut hat. Die Fahrt geht zunächst in den Schleusengraben, dann durch die Krapphofschleuse in die Dove-Elbe, in das beliebte Revier der Freizeitkapitäne. Vorbei an der Reitbrooker Windmühle und am Badesee Hinterm Horn. Weiter zum Wasserpark Dove-Elbe, zur Ruder- und Kanu-Regattastrecke Hamburgs. Hier und im dahinter liegenden Eichbaumsee wurde die Elbe besonders tief ausgebaggert, bis zu 20 Meter, weil man Kies und Sand u. a. zum Bau der Autobahn benötigte. Hinter den Moorfleeter Yachthäfen geht es durch die Sturmflut-Sicherungsschleuse Tatenberg in die Norderelbe. In dieser Schleuse wird der Tidenhub von durchschnittlich 3,60 Meter ausgeglichen. Dann schippert man an der Wasserkunst Kaltehofe vorbei und unter den Elbbrücken hindurch in Richtung HafenCity, die man samt Wahrzeichen Elbphilharmonie aus nächster Nähe von der südöstlichen Wasserseite bewundern kann. Hinter der Kehrwiederspitze geht’s quer durch den Binnenhafen und durch zwei weitere Schleusen auf dem Alsterfleet zurück zur Binnenalster, zum Anleger Jungfernstieg.

Historische Hofanlage ist heute Freilichtmuseum

Um allerdings die reetgedeckte Idylle der Vierländer Dörfer Altengamme, Curslack, Kirchwerder und Neuengamme zu entdecken, muss man sich aufs Land begeben, am besten mit dem Fahrrad oder per Bus von Bergedorf. Überall beeindrucken die gut erhaltenen und gepflegten Fachwerkhäuser mit ihren Schmuckgiebeln zur Straßenseite hin. Die Häuser stehen op’n or hinnern Deich – und einige dieser Gehöfte auch auf Warften oder Wurten, wie die Vierländer diese aufgeschütteten Siedlungshügel nennen. Vierländer Vollbauern, hier Hufner oder Höfner genannt, besaßen um die 40 Marschmorgen Land; das sind etwa 40 Hektar, was wiederum rund 160 preußischen Morgen entspricht. Sie wohnten in großen reetgedeckten Hufnerhäusern – in niederdeutschen Hallenhäusern, wo Mensch und Tier unter einem Dach lebten. Vorn zum Deich hin das Kammerfach mit der Grootdöns, der Wohnstube für die aktive Bauernfamilie und daneben die deutlich kleinere Lüttdöns für die Altenteiler. Zwischen diesem Wohnbereich und den Ställen mit der Wirtschaftsdiele eine hallenartige Querdiele, das sog. Flett. Mit einer Herdwand und offener Feuerstelle zum Kochen und Heizen. Das offene Herdfeuer entwickelte auch den nötigen Rauch zum Räuchern der im Flett hängenden Wintervorräte – von Würsten, Speck und Schinken. Und zudem konservierte der Rauch das auf dem Dachboden über der Wirtschaftsdiele eingelagerte Korn.Das wohl schönste Exemplar eines solchen Hufnerhauses ist das Rieck-Haus in Curslack, heute ein Freilichtmuseum. Es ist solch ein Rauchhaus – auch Flettdielenhaus genannt – mit offener Feuerstelle zum Kochen, Räuchern und Heizen. Der Rauch zog vom Flett durch das ganze Haus und schließlich hinaus durch das Reetdach. Einen Schornstein gab es nicht. Nicht gerade gesund für die im Flett arbeitenden Bäuerinnen und vielleicht ein Grund mehr, dass viele von ihnen früher starben als ihre in frischer Luft arbeitenden Männer. Neben Hufnern gab es Halb- oder Viertelhufner, also Kleinbauern und Kätner, die genau wie Handwerker in einer der vielen Vierländer Katen wohnten. Ähnlich konstruiert wie die Hufnerhäuser, nur eben viel kleiner. Das Rieck-Haus ist eine wunderbar erhaltene und restaurierte Hofanlage aus dem Jahr 1533. Sie besteht aus mehreren Gebäuden: Neben dem Haupthaus gibt es eine Scheune, einen sog. Heuberg, ein Backhaus und eine Entwässerungsmühle. Das zentrale Hallenhaus für Mensch und Tier wurde von Generation zu Generation erweitert und modernisiert. Die Grootdöns im Rieck-Haus wird, sehr fortschrittlich, mit einem Hamburger Fayence-Ofen beheizt. Dahinter befinden sich die eingebauten Schlafstätten, sog. Alkoven oder Butzen. An den Wänden bemalte niederländische Wandfliesen und Holzvertäfelungen und in der Wohnstube das typische intarsierte Vierländer Mobiliar. Reich verzierte Stühle mit geflochtenen Sitzflächen, auch Hochzeitsstühle mit den Namen des Paares, wie sie hier noch heute gefertigt werden. Dazu Tisch, Aussteuertruhe und Bänke, auf denen man auch schlafen konnte und unter denen die Stubenküken in der Wärme aufgezogen wurden.Hinter diesen Stuben und Kammern besagte Querdiele, das hallenartige Flett, mit gemauerter Herdwand und im Rieck-Haus mit einer seitlichen Hoffdör zur Gartenseite, zum wunderschönen mit Blumen bepflanzten Krühoff, dem Bauerngarten. Weiter hinten die Gesindekammern, die Ställe und dazwischen die Wirtschaftsdiele mit der Grootdör für die Erntewagen. Die Feldentwässerungsmühle neben dem Rieck-Haus wurde allerdings von Ochsenwerder hierher verpflanzt. Solche windgetriebenen Mühlen besaß im 18. Jahrhundert nahezu jeder Hof. Mit Hilfe ihrer hölzernen Förderschnecken konnte man den Wasserstand regulieren. Bei hohen Wasserständen in der Elbe wurden mit ihrer Hilfe die Felder durch Abschöpfung des überflüssigen Wassers trockengelegt. Solche Entwässerungsmühlen wurden erst im 20. Jahrhundert durch moderne Pumpen und Schleusensysteme ersetzt. Der noch heute erkennbar zur Schau gestellte Reichtum der hiesigen Bauern beruhte auf ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zur Hansestadt Hamburg. Deren ständig steigender Versorgungsbedarf, zunächst Hopfen und Gerste zum Bierbrauen, dann Obst und frisches Gemüse, nicht zu vergessen die hier aufgezogenen Stubenküken, begründeten den Wohlstand der hier lebenden Landwirte und Gärtner. Zudem konnten sich die Vierlande seit ihrer Zugehörigkeit zu den Hansestädten Hamburg und Lübeck weitgehend frei von feudalen Fesseln entwickeln. So entstanden bis zum Dreißigjährigen Krieg die durchweg stattlichen Bauernhäuser, deren oft aufwendiges Fassaden-Dekor und die Schaugiebel den Wohlstand ihrer stolzen Besitzer unterstrichen. Als Nachwirkung dieses Krieges allerdings folgte eine agrarwirtschaftliche Depression und damit verbunden ein vorübergehender Niedergang. So wurde nach 1650 zunächst deutlich schlichter gebaut.

Vierländer Tracht galt als Gütesiegel

Auch die traditionelle Kleidung der Vierländer Bauern entsprach nicht unbedingt dem Klischee „selbst gesponnen und selbst gemacht ist Bauerntracht“. Vielleicht lagen ihre deutlich üppigeren Trachten ebenfalls an der Nähe zur Stadt und dem dort üblichen Verhalten – die Vierländer Trachten waren derart auffällig, dass die Visitationsbehörde des Amtes Bergedorf schon ab dem 17. Jahrhundert gegen solchen Kleiderprunk einschritt. Den Hamburger Kunden allerdings signalisierten diese bunten und gepflegten Kleider mit den silbernen Knöpfen den geschäftlichen Erfolg und die Seriosität ihrer Trägerinnen, der Bäuerinnen und Marktfrauen. Das wirkte durchaus verkaufsfördernd für ihre Warenangebote, denn durch diese kunstvollen Trachten hoben sie sich ab von den weniger geachteten Hamburger Straßenhändlern. Die Vierländer Tracht wurde zu einer Art Markenzeichen für hohe Produktqualität, was die in Hamburg ansässige Deutsche Unilever später veranlasste, eine hübsch gekleidete Vierländerin zur Werbefigur für ihre Spitzenmargarine RAMA zu machen.

Autor Heinz H. Behres unterwegs in Vierlande

Altengamme, Curslack, Kirchwerder und Neuengamme

Zurück zu den veer Keerspell, zu den vier Kirchspielen Altengamme, Curslack, Kirchwerder und Neuengamme. Sie alle besitzen eigene Kirchen: die älteste, St. Nicolai, steht im östlichsten Hamburger Stadtteil, in Altengamme. Sie gilt als eine der schönsten Bauernbarockkirchen in Norddeutschland. An ihrer Südseite zwei vorgebaute Eingangshäuser, getrennt für Männer und Frauen: das Manns-Bruut-Huus (Männerbrauthaus) und das Froens-Bruut-Huus. Die Orgel baute der Arp Schnitger-Schüler Johann Dietrich Busch. Der bronzene Taufstein stammt aus dem Jahr 1380. Und im freistehenden Glockenturm hängt die 1487 gegossene Celsa-Glocke, die man nach dem Abbruch des Hamburger Mariendoms ersteigert hatte. In Curslack sollten Sie sich vor allem genügend Zeit für den Besuch des Rieck-Hauses nehmen. Kirchwerder, ursprünglich Remerswerden, gewann große Bedeutung durch einen Elbübergang zwischen Nord und Süd sowie durch die Mautstelle Zollenspieker. Und durch die einstige Riepenburg, eine inzwischen leider völlig zerstörte Turmhügelburg zur Sicherung dieses Zollhauses. Sie war zu Beginn der beiderstädtischen Verwaltung neben dem Bergedorfer Schloss weiterer Amtssitz in den Vierlanden. Heute ist von ihr nur noch ein Ringwall zu erkennen. Das Zollenspieker Fährhaus dagegen wurde zum beliebten Ausflugsort, schon wegen des grandiosen Elbblicks von der großen Terrasse. Und ein Erlebnis für Groß und Klein ist der Fährbetrieb zwischen Zollenspieker und Hoopte in Niedersachsen – heute mit zwei Doppelendfähren, der Hoopter Möwe und der Spieker Möwe. Die Zeiten, als hier noch der Ruf ertönte „Fährmann, hol mi mol röber!“, die sind allerdings längst vorbei. Bleibt noch Neuengamme mit der KZ-Gedenkstätte. Ruth Klüger spricht von „einem Ort in der Zeit, die nicht mehr ist“. Auch hier ein Ort, den so mancher gern endgültig aus der Erinnerung getilgt hätte. In der NS-Zeit ein Lagerkomplex für mindestens 100.000 Zwangsarbeiter, von denen nur etwa die Hälfte diese Zeit überlebt hat. Nach dem Zusammenbruch wurden auf dem Gelände dieses ehemaligen Konzen-trationslagers – sicher alles andere als angemessen! – zunächst zwei Gefängnisse eingerichtet, und nur auf Druck von Überlebenden erst Jahre später eine kleine Gedenkstätte. Dann entstand ein Dokumentenhaus mit kleiner Ausstellungsfläche. 2003 wurde das Gefängnis endgültig verlegt und das gesamte ehemalige KZ-Gelände in die Gedenkstätte Neuengamme umgewandelt, zur Aufarbeitung und Erinnerung.

Bio-Erlebnisbauernhof

Aber wer mit Kindern nach Kirchwerder kommt, sollte vielleicht den Hof Eggers in der Ohe besuchen, am Kirchwerder Mühlendamm. Ein Bio-Bauernhof, wo man das Miteinander von Mensch und Tier, von Mensch und Natur hautnah erleben kann. Dort bietet man ein vielfältiges Programm für Kinder: abenteuerliche Reisen durch die Welt eines Bauernhofes oder Kochkurse für Kinder, die zuvor die Zutaten dafür selber im Garten ernten müssen – mit Kopf für den Bauch. Es gibt Zauberer, eine Märchenbühne und anderes. Das aktuelle Programm können Sie unter www.hof-eggers.de abrufen. Die Erwachsenen dürfen es sich derweilen im Hofcafé gut gehen lassen, bei selbstgebackenem Kuchen und anderen Leckereien. Und man kann natürlich Bio-Fleisch mit nach Hause nehmen.

Text: Heinz H. Behrens | Fotos: Ulrich Lindenthal-Lazhar


Impressionen auf einer Vierlande-Fahrt

In unserem Fall ging die Schiffsfahrt vom Bergedorfer Hafen, dem Serrahn, durch den Schleusen-Graben bis zur Krapphofschleuse.
Von dort hinein in die Gose-Elbe…
und vorbei an den typischen Landschaften in den Elbmarschen.
Später auf der Flusselbe nähert man sich nach gut zwei Stunden dem Hamburger Hafen, zunächst den Elbbrücken.
Weiter durch den Hafen…
…vorbei an alten Segler
… und an Hamburgs neuem Wahrzeichen, der Elbphilharmonie.

Mit dem Fahrrad durch die Vierlande

Hier ein paar Tipps, was man unbedingt in den Vierlanden gesehen haben muss:

In Curslack die historische Hofanlage im Freiluftmuseum Rieck-Hof mit der Feldentwässerungsmühle davor.
In Altengamme Norddeutschlands schönste bäuerliche Barock-Kirche
In Kirchwerder den Zollenspieker mit dem kleinsten Restaurant der Welt.
Und in Neuengamme sollten Sie vielleicht einen Abstecher zur Gedenkstätte Neuengamme machen, in der NS-Zeit ein Lager für rund 100.000 meist ausländische Zwangsarbeiter.

Fotos: Heinz Behrens