Ungehorsam als Tugend

Julian Weth bewegt sich zwischen Streetwear und High-Fashion.
Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

Der 28-jährige Jungdesigner Julian Weth, der im März dieses Jahres seinen Abschluss in Modedesign an der Akademie JAK machte, hat mit seiner Kollektion ‚Ungehorsam‘ den European Fashion Award 2016 in der Kategorie Studierende gewonnen. HANSEstyle sprach mit dem Nachwuchstalent über seinen Weg in die Mode, den FASH-Award und tugendhaften Ungehorsam.

Wieso heißt Ihre Kollektion ‚Ungehorsam‘?
Als ich die sechs Outfits, bestehend aus 13 Teilen, entwickelt habe, waren der Ukraine-Konflikt, der IS sowie die Finanzkrise mit ihren katastrophalen Folgen tagesaktuell. Das hat mich sehr berührt. Ich finde, dass viele Menschen zu gehorsam agieren. Mit meiner Kollektion will ich ihr Verhalten in Systemen und die Folgen blinden Gehorsams in Frage stellen. Bei der Titelfindung hat mich Oscar Wilde inspiriert, der einst sagte: „Ungehorsam ist für jeden, der die Geschichte kennt, die recht eigentliche Tugend des Menschen.“ Als Grundlage für die Kollektion diente mir ausgemusterte Militärkleidung. Indem ich sie zerschnitten, gewaschen, abgerieben und mit anderen Materialien zusammengenäht habe, ergab sich ein völlig neuer Kontext. So ist aus der Militärkleidung etwas Ziviles geworden – hiermit wollte ich die ‚Gewaltspirale‘ aufbrechen.

Wie beschreiben Sie Ihren Design-Stil?
Ich bewege mich irgendwo in einer Grauzone zwischen Streetwear und High-Fashion. Da ich ursprünglich aus der Street-Art- bzw. Hip-Hop-Szene komme, habe ich eine starke Beziehung dazu. Anstatt jedoch mit den typischen Materialien, wie Jeans oder Jersey, zu arbeiten, experimentiere ich lieber mit Anzugstoffen oder Upcycling-Materialien.

Für wen entwerfen Sie Mode?
Mein Fokus liegt auf Männerkollektionen. Ich glaube, dass dort momentan die großen Revolutionen gemacht werden. In der Damenmode gab es in den letzten Jahrzehnten viele krasse Veränderungen, doch in der Männermode herrscht noch deutliches Entwicklungspotenzial. Zum Beispiel ändert sich gerade die Definition von ‚Luxus‘ – Streetwear und sportliche Aspekte beeinflussen die aktuelle Männermode zunehmend. So waren Hosen mit tiefem Schritt früher lediglich Hip-Hoppern vorbehalten, heute werden sie von vielen getragen.

Wer oder was inspiriert Sie?
Ich lasse mich vor allem vom politischen Zeitgeschehen inspirieren. Manchmal fasse ich auch einfach Materialien an und in meinem Kopf entstehen die ersten Ideen. Ich habe eine sehr künstlerische Art, an etwas heranzugehen. Damit versuche ich häufig ans Limit zu gehen – meine Freundin holt mich da zum Glück meistens auf den Boden zurück. Gerade in der Couture gibt es viele Gedankenspiele, die wirklich beeindruckend sind; aber ich bin der Meinung, dass die Kleidung tragbar sein muss.

Skizze des Designers Julian Weth
Skizze des Designers Julian Weth

Wann wussten Sie, dass Sie Modede-signer werden wollen?
Mit 15 Jahren begann ich mit Street-Art und Stencil Graffiti, das heißt mit Schablonenkunst. Ich habe die Motive dann auch auf T-Shirts gedruckt. Nach dem Abi fing ich an in Mainz BWL zu studieren, doch nach drei Semestern merkte ich, dass mir der künstlerische Aspekt vollkommen fehlt. Ich habe mich an der JAK eingeschrieben und mich sofort wohlgefühlt. Hamburg ist eine wunderbare Inspirationsquelle. Während des Studiums wohnte ich in St. Georg – das Zusammenleben verschiedenster Kulturen hat mich fasziniert.

Das Gespräch führte: Sarah Bischoff


FASH 2016

Der European Fashion Award (FASH) wird jährlich weltweit von der Stiftung der Deutschen Bekleidungsindustrie ausgeschrieben und zählt international zu einem der bedeutendsten Mode-Wettbewerbe. Das diesjährige Motto lautet „Change“. Im Mittelpunkt stehen jene Veränderungen, die sich in der Gesellschaft zurzeit abspielen. Für den FASH 2016 haben sich insgesamt 151 Designer aus 27 Ländern beworben. Julian Weth hat seine Kollektion im Rahmen der Berliner Fashion Week präsentieren dürfen.