The kids are alright

Kennen die Gefühlswelt ihrer Generation: Musikerin Ilgen-Nur und Sänger & Schauspieler Paul Pötsch

Bei seinem Treffen mit Ilgen-Nur (21) und Paul Pötsch (27) hat Autor Frehn Hawel die Euphorie von Hamburgs musikalischem Underground wiederentdeckt

Sie ist die neueste Entdeckung des heimischen Undergrounds und macht gerade mit dem lässigen Gitarren-Pop ihres Debüts „No Emotions“ von sich reden: Ilgen-Nur, erschienen ist ihre EP als Audiokassette – günstig und einfach selbst herzustellen, wie sie selbst sagt – und enthält fünf durchweg starke Songs. Mit „Cool“ ist auch ein kleiner Insider-Hit an Bord, der neben seiner Ohrwurm-Melodie so direkt und ehrlich die Divergenz zwischen adoleszenter Eigen- und Außenwahrnehmung aufgreift, dass einen die emotionale Grundstimmung umgehend erreicht. 

Bemerkenswert ist immer wieder Ilgen-Nurs sonore Stimme, die erheblich reifer klingt als ihr Alter es zulassen sollte und damit einen äußerst charmanten Gegenpol zu den knarzigen, vom Garagen-Rock geschulten Gitarren bildet. Ein Spiel mit den Gegensätzen ist auch der Titel der EP, denn obwohl „No Emotions“ benannt, geht es um genau diese. „Mir wird oft nachgesagt, dass ich kühl und unnahbar wirke, was überhaupt nicht stimmt – insofern fand ich den Titel irgendwie passend.“ Dass Limitation oft zu spannenderen Ergebnissen führt als übermäßige Meisterschaft am Instrument, ist spätestens seit Punk-Rock oder Grunge bekannt. Auch Ilgen-Nur, die seit ihrem elften Lebensjahr Musik macht, hat daraus eine Stärke entwickelt, die auf Spontanität und Dringlichkeit setzt. „Ich habe die Songs ursprünglich mit dem Gedanken geschrieben, dass sie eh keiner hören wird.“ Hat nicht so ganz geklappt: Ein bekannter Musikblog hat ihr jüngst attestiert, die Unsicherheiten und Zukunfts-Ängste der Millennials sehr genau auf den Punkt zu bringen. „Alle meine Songs sind komplett subjektive Betrachtungen – und offenbar finden sich in meiner Generation viele genau darin wieder.“

Ursprünglich aus Sendlingen – in der Nähe von Stuttgart – stammend, verschlug es die Anfangzwanzigerin vor eineinhalb Jahren für ein Praxissemester nach Hamburg – eine Entscheidung, an der auch die Hamburger Musikszene keinen geringen Anteil hat. „Ich habe immer schon viel Hamburger Musik gehört, zum Beispiel Tocotronic und auch das erste Trümmer-Album. Als dann die Zusage für mein Praktikum kam und ich auch noch schnell ein Zimmer fand, war klar, dass Hamburg meine neue Heimat wird.“ Schnell tauchte sie in die sehr familiäre Musikszene der Hansestadt ein und traf bald auf Paul Pötsch, seines Zeichens Sänger und Gitarrist von Trümmer und noch dazu Schauspieler – und inzwischen Schlagzeuger ihrer Live Band. Doch wie kam diese Zusammenarbeit zustande? „Ich bin total wählerisch, was die Leute betrifft, mit denen ich Musik mache – es muss halt einfach alles stimmen. Und als ich einen richtig miesen Abend hatte, traf ich eine Freundin, die zusammen mit Paul, dem es ebenfalls so ging wie mir, im Saal II auf dem Schulterblatt saß – so haben wir uns kennengelernt – im Nachhinein war das echt ein happy accident.“

Unter Gleichgesinnten: Autor und Musiker Frehn Hawel (l.) mit Ilgen-Nur und Paul Pötsch im Grünen. Es gab viel zu erzählen! 

Schnell freundeten sich beide an, entdeckten viele musikalische Gemeinsamkeiten – bis auf die Tatsache, dass Ilgen-Nur Englisch singt, während Trümmer seit jeher mit – extrem guten – deutschen Texten arbeitet. Genauso wie für Paul immer klar war, dass er Deutsch singen würde, war für Ilgen-Nur Englisch eine natürliche Wahl. „Ich bin mit englischsprachiger Musik aufgewachsen und habe das Gefühl, mich in dieser Sprache viel besser ausdrücken zu können – ich rede ohnehin ständig denglisch, was vielen durchaus auf den Wecker geht, aber ich finde, dass es im Englischen sehr viele unglaublich treffende Begriffe gibt, die man in der deutschen Sprache so nicht findet.“ Da die Millennials in unserer globalisierten Welt mit jeder Menge Anglizismen aufwachsen, werden auch Ilgen-Nurs Texte problemlos verstanden – hier kann man also einen Haken hinter die Authentizitätsfrage setzen, den die Pop-Journaille in den Neunzigern so nicht durchgewunken hätte.

Fakt ist: Diese Künstlerin sollte man unbedingt auf dem Zettel haben! Paul Pötschs Band Trümmer hat sich mit ihrem selbstbetitelten Debüt, das schroffe Indie-Gitarren mit philosophischen deutschen Texten verband, 2014 in die Herzen vieler Fans und auch in die Kritiker-Bestenlisten des Jahres gespielt. Ihr Hit „Wo ist die Euphorie?“ thematisiert die innere Leere einer Gesellschaft aus effizient funktionierenden Selbstoptimierern so treffend wie kein deutschsprachiger Rock-Song zuvor. Mit dem Nachfolger „Interzone“ lotete die Band 2016 ihre musikalischen Möglichkeiten weiter aus – und eröffnete zur Veröffentlichung des Albums gleich für mehrere Tage die „Interzone Bar“, in der es nicht nur besondere Getränke und ein ausgesuchtes Programm mit Freunden der Band (u. a. Bernd Begemann) gab, sondern die nach Hamburg auch noch in Berlin und Köln Station machte.

Diese Künstlerin sollte man unbedingt auf dem Zettel haben!

„Die Idee entstand an einem lustigen, betrunkenen Abend – wir fanden es cool, den Ort, an dem die Platte spielt, real werden zu lassen. Letztlich ist diese Band als Experiment angelegt, Sachen einfach auszuprobieren – klar kann man damit auch scheitern, aber genau darum geht es ja. Ich bin kein Freund von Karriereplänen.“ Diese Betrachtung trifft letztlich auch auf die Entstehungsgeschichte von Trümmer zu: „Die Band ist ursprünglich aus einem losen Kollektiv entstanden, das sich einmal die Woche in meiner Wohnung auf St. Pauli zum Krachmachen getroffen hat – ich habe anfangs Schlagzeug gespielt und erst und nach und nach hat sich dann so was wie eine Band-Besetzung herauskristallisiert.“

Dass Trümmer sich der Vision ihrer Texte verpflichtet fühlen, leben alle Bandmitglieder eindrucksvoll vor: Die vier Musiker geben sich nie damit zufrieden, im Beschwerdemodus zu verharren. Ihr Ansatz ist immer konstruktiv – und so erschafft die Band die in ihrer Musik geforderten kreativen Zufluchtsorte mit den von ihnen veranstalteten Euphorie-Abenden im Pudel Club oder ihrem Euphorie-Festival im Molotow kurzerhand selbst. Obendrein gibt es auch noch ein Euphorie-Musiklabel, um das sich Bassist Tammo kümmert.

Wie bekommt man bei allen diesen Aktivitäten auch noch die Schauspielerei unter einen Hut? „Das ging immer. Ich habe mit 13 Jahren angefangen, Theater zu spielen und habe das neben der Musik stets weiterverfolgt – aber letztlich ist die Musik mir wichtiger.“ Als Paul vor zehn Jahren in die Hansestadt kam, war auch er von der Hamburger Musikszene angezogen und fand sich durch ihre familiäre Überschaubarkeit, die zudem keine Barrieren zwischen den einzelnen Musikgenres kennt, schnell zurecht. „Ich mag diesen Zusammenhalt, diese gelebte Solidarität. Ich hatte, als ich hierher kam, mal diese Idee davon, wie die große Stadt Hamburg sein müsste – und hatte das Glück, viele Leute zu treffen, denen es ähnlich ging, so dass wir diese Utopie einfach wahrgemacht haben.“

Fotos: Tim Wendrich für HANSEstyle