THE HOTTEST SHIT IN TOWN

Er ist eine Musik-Ikone. Für HANSEstyle kam Till Brönner (46) nach Hamburg und erzählte von seinem Treffen mit Barack Obama, er sprach über Lebenslust und Lebenskrisen und natürlich über seine Musik, den Jazz. Lernen Sie den weltweit gefeierten Jazz-Star RUNDUM kennen.

Fotos: Michael de Boer für HANSEstyle

„Jazz ist furios und leidenschaftlich. Es geht zum Beispiel um Enttäuschung, Wut, Kampf und Liebe. Es geht um Themen, über die es sich wirklich lohnt, zu singen.“ Till Brönner

Man denkt oft, es ist ein Klischee, aber wenn du mit dem Auto durch L.A. fährst, siehst du an jeder Ecke eine Filmkulisse – die aber keine Filmkulisse ist.

Barbra Streisand oder Herbie Hancock sind aus der ersten Jazz-Generation. Ich hatte das Glück, von ihnen persönlich zu erfahren, wie es damals war.

Das Studio in Hollywood, in dem wir „The Good Life“ aufgenommen haben, gehörte Frank Sinatra. Es sieht heute noch genauso aus wie 1960.

Musiker kennen die Gegensätze von Kulturen nicht so sehr. Wenn sie zusammen spielen, ist alles außen vor, was sie trennt.

Das Urwesen der Musik ist es, Menschen miteinander zu verbinden.

Blues ist auf den Baumwollfeldern entstanden. Blues ist die Basis vom Jazz.

Die Seele des Jazz ist traurig. Doch sie ist voller Zuversicht: Jetzt geht es uns schlecht – aber eines Tages wird es uns besser gehen.

Frank Sinatra war der weiße Vorzeigekünstler, doch er hat sich sein Leben lang für schwarze Musiker eingesetzt.

Bis Ende der 30er Jahre war Jazz sehr populär und so etwas wie `The Hottest Shit In Town´.

Vor der Nazizeit pulsierte der Jazz in Berlin. Es ist kaum auszudenken, was passiert wäre, wenn er nicht verboten worden wäre. Wenn es eine natürliche Entwicklung hätte geben können.

In kleinen Clubs zu spielen und dem Publikum auf Armlänge gegenüberzustehen: Das ist das Schönste.

„Mit zwölf Jahren wollte ich nichts anderes, als mit einem Köfferchen, meiner Trompete und einer Flasche Wein durch die Gegend ziehen. Wobei der Wein erst später kam – und auch mittlerweile nicht mehr im Koffer ist.“ Till Brönner

Ich sehe mich als Botschafter, als Missionar des Jazz.

Im Umfeld der Hochschule bin ich Professor Brönner, aber ansonsten lege ich auf den Professoren-Titel keinen großen Wert.

Mit Barack Obama hat zum ersten Mal ein Präsident der USA die einzig wirklich originäre Kunstform, die die USA der Welt geschenkt hat, richtig gewürdigt.

Dieser Moment, als ein schwarzer Präsident im Weißen Haus seine Gäste mit „Welcome to the Blues House“ begrüßt hat, war historisch.

Als ich im Weißen Haus war, habe ich Barack Obama gefragt, ob er Lust hat, das House of Jazz in Berlin mit zu eröffnen und das Band durchzuschneiden. Er hat es mir zugesagt.

Ich hatte immer mal wieder Krisen. Nicht immer technischer Natur, sondern auch ideologischer. Wenn du im Alter von zwölf Jahren entscheidest, etwas zum Beruf zu machen: Kannst du davon ausgehen, dass du mit Vierzig immer noch so fühlst und denkst?

Mich hat geschockt, wie leer ich mich fühlte. Die Trompete war im Begriff, zu verschwinden. (Anm. Vor etwa zehn Jahren hatte Till Brönner eine ernstzunehmende Krise: Je mehr er übte, desto schlechter wurde sein Trompetenspiel. Durch eine Umstellung seiner Technik kämpfte er sich zurück.)

Ich wusste nicht, ob ich jemals wieder in dieser Form spielen werde, weil es so grundsätzlich war, was mir passierte. Diese Krise hat mir die Musik nochmals näher gebracht.

Manchmal stehe ich auf und verlasse das Areal. Dann reicht es mir mit der Bussi-Bussi-Gesellschaft. Dann brauche ich etwas Echtes.

London, New York, Los Angeles, Kuba. Ich bin in den letzten sechs Wochen jeden Tag an ein anderes Ziel gereist.

Irgendwann fragst du dich: Wie viele solcher Jahre passen noch in dein Leben?

Deutschland hat mir viel gegeben. Ich fühle mich in der Verantwortung, etwas zurückzugeben.

Ich bin katholisch.

In den letzten zehn Jahren habe ich mehrfach darüber nachgedacht, ob ich aus der Kirche austrete.

Kann ich auch dann glauben, wenn ich keine Kirchensteuer bezahle? Mich stört, dass eine solche Frage überhaupt ausgelöst wird. Speziell die katholische Kirche hat immer mit Sühne, Macht, Verlust und Druck gearbeitet.

Ich versuche durch die Fotografie so gut es geht, mein Leben zu dokumentieren.

Ich mag das Hamburger Publikum wahnsinnig gern. Hier bekommt man pauschal vierzig Prozent mehr Feedback.

Ich habe eine ganz enge Bindung zur Stadt. Meine Schwester lebt in Hamburg. Ich habe meine Neffen und meine Patentochter hier.

Die früheren Auftritte beim NDR haben meine Karrieredeutlich beflügelt.

Ich glaube an Orte, die einen Geist in sich tragen. Wenn in der Elbphilharmonie viel Gutes passiert, dann ist es in Kürze nicht nur ein Ort, der von außen Symbolkraft hat, sondern bei dem das Positive auch in den Brettern steckt.

Die Natur auf Sylt hat mich sofort begeistert. Sobald man auf Sylt aus dem Flieger steigt, schreien die Lungen `Hurra´.

Musik hat die Fähigkeit, eine Sprache in dir auszulösen, die du anschließend für den Rest deines Lebens sprichst.

Musik ist die Religion des Friedens.

Ich hole mir meine Inspiration in der Natur.

Ich gehe sehr gerne spazieren. Die Geräusche, die aus der Natur kommen, sind im täglichen Leben kaum noch präsent.

Keine Ruhe: Ich brauche beim Schlafen Stille.

Der Ton, der in die Stille platziert wird, ist der, der gehört wird.

Um zu hören, was wirklich los ist, muss man manchmal an Orte gehen, wo keine Geräusche sind.

u.v.m.

Das Gespräch führte: Christian Bauer


KAMPEN JAZZ BY TILL BRÖNNER

Till Brönner ist Festival-Direktor vom Kampen Jazz Festival, das seit 2016 jährlich im Herzen der Insel stattfindet. Das Festival ist ein echtes Highlight! Neben Till Brönner selbst begeistert 2017 zum Beispiel die Musik von Shakatak, Bob James und Peter Fessler die Sylter und (extra angereisten) Gäste gleichermaßen.

Jazz-Alben: Tipps von Till brönner

Drei Alben, um Menschen an Jazz heranzuführen sind: Ella Fitzgerald und Louis Armstrong „Ella and Louis“. Das gemeinsame Album von Frank Sinatra mit Antonio Carlos Jobim. Oder alle von

Count Basie – auch das von ihm mit Frank Sinatra gemeinsam aufgenommene Album „Sinatra Basie“.

Über Professor Till Brönner

1971 geboren, wusste Till Brönner bereits im Alter von zwölf Jahren, dass die Jazz-Musik sein Leben ist. Zu Hause ist er in Berlin und Los Angeles. Schon sein erstes Album (es erschien 1993) erhielt den Preis der Schallplattenkritik. Mehrere Goldene Schallplatten, Echos und ein Grammy reihen sich in die Liste der Auszeichnungen ein und würdigen den Musiker mit dem unverwechselbaren Trompeten-Sound. Er ist auch ein außergewöhnlicher Sänger, wie er auf seinem aktuellen Album „The Good Life“ beweist. Seit 2009 unterrichtet er an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Der Vater eines Sohnes ist leidenschaftlicher Fotograf. Ausgewählte Werke, zum Beispiel Porträts von u.a. Beth Ditto, Lenny Kravitz, David Guetta und Usher, zeigte er im letzten Jahr in der Galerie von Jenny Falckenberg.