Solide Fakten beruhigen

„Ein operativer Eingriff hängt maßgeblich von der Erfahrung des Operateurs ab.“ - Prof. Dr. Hartwig Huland
Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

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Die Martini-Klinik gilt als weltweit führendes Prostatakrebszentrum. HANSEstyle sprach mit Prof. Dr. Hartwig Huland, der zusammen mit Prof. Dr. Markus Graefen die Spezialklinik gründete, über High-Volume-Chirurgen und darüber, weshalb nicht jeder Tumor sofort behandelt werden muss.

FRAGEN AN PROFESSOR HULAND

Die Prostata, das Männerorgan: Wie funktioniert sie?
Sie wird auch Vorsteherdrüse genannt und ist eine kleine, etwa kastaniengroße Drüse unter der Blase, die einen Teil des Spermas produziert. In ihr laufen Harn- und Samenwege zusammen.

Wie wichtig sind Vorsorgeuntersuchungen und welche gibt es?
Ab dem 45. Lebensjahr ist es sinnvoll, regelmäßig zur Vorsorge bei seinem niedergelassenen Arzt zu gehen. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der sogenannte PSA-Test im Blut – damit lässt sich die Krankheit, im Gegensatz zu bisherigen Methoden, heute 10 Jahre früher erkennen.

Die Arbeit der Prostata bleibt häufig unbemerkt, bis sie sich bösartig verändert. Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?
Prostatakrebs ist die häufigste bösartige Erkrankung des Mannes. Das Krankheitsbild tritt vor allem im höheren Alter auf und ist im Frühstadium gut therapierbar. Hat er noch nicht gestreut, sollte man die Vor- und Nachteile einer Bestrahlung oder einer Operation abwägen. Ein elementares Thema ist hierbei der Funktionserhalt von Potenz und Kontinenz. Wird die Prostata bestrahlt, so werden Nachbarorgane, wie Blase oder Darm, gezielt ausgelassen. So bleibt die Kontinenz normalerweise unberührt und die Potenzfähigkeit des Mannes zu etwa 50 Prozent erhalten. Ein operativer Eingriff hängt maßgeblich von der Erfahrung des Operateurs ab. Somit ist es sehr wahrscheinlich, dass der Patient kontinent bleibt, auch die Potenz lässt sich zu ca. 60 bis 90 Prozent erhalten. Eine feingewebliche Untersuchung zeigt, ob eine ergänzende Bestrahlung notwendig ist. Hat der Prostatakrebs bereits gestreut, ist eine Hormon- oder Chemotherapie vonnöten.

Wie sprechen Sie Ihren Patienten Mut zu?
Ich lasse gern Ergebnis-Daten sprechen, denn solide Fakten beruhigen. Und es ist gut, wenn die Partnerin beim Arztbesuch dabei ist. Im Gespräch mit Patienten merke ich immer wieder: als Betroffener kann man nicht sonderlich aufmerksam sein – und Information ist alles.

Muss Prostatakrebs immer behandelt werden?
Nein, denn es gibt Tumore, die sehr langsam wachsen. Das macht die Beratung komplex, denn wir müssen diese identifizieren – und entscheiden, wen man nicht behandeln muss. Wird ein Tumor im Frühstadium erkannt, empfehlen wir oft eine aktive Überwachung des Krankheitsbildes nach festgelegten Kriterien. Auch die Lebenserwartung des Patienten spielt eine große Rolle. Wird beispielsweise bei einem 80-Jährigen ein Tumor im Frühstadium entdeckt, muss dieser nicht mehr behandelt werden.

Wodurch zeichnet sich die Behandlung in der Martini-Klinik aus?
Zum einen sind wir eine Spezialklinik und haben uns mit Prostatakrebs auf eine einzige Erkrankung spezialisiert. Zum anderen arbeiten wir nach dem Faculty-System, das bedeutet, wir sind gewissermaßen zehn Chefärzte. Ich sitze also mit internationalen Experten zusammen und muss meine Entscheidungen nicht allein, sondern im Gremium treffen. Und jeder Patient hat lediglich einen Ansprechpartner vor, während und nach der Behandlung. Weiterhin ist jeder Einzelne von uns ein High-Volume-Chirurg, denn jeder führt die Eingriffe 200 bis 300 Mal pro Jahr durch. Zur Qualitätssicherung haben wir Fragebögen eingeführt, um daraus zu lernen und mit unseren eigenen Ergebnissen neue Patienten noch gezielter behandeln zu können.

Im Gespräch mit: Sarah Bischoff


Über Prof. Dr. Hartwig Huland:

Geboren 1942 in Hamburg, studierte Prof. Dr. Huland Humanmedizin in Tübingen, Innsbruck und Hamburg. Es folgten eine wissenschaftliche Ausbildung an der Universität Kiel sowie ein Forschungsaufenthalt in Stanford, Kalifornien. 1988 folgte der Mediziner dem Ruf der Freien Universität Berlin, bevor er 1991 zum Professor und Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie an das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf berufen wurde. Er ist Mitglied in der Deutschen, Europäischen und Amerikanischen Gesellschaft für Urologie und gründete zusammen mit Prof. Dr. Markus Graefen die Martini-Klinik im Jahre 2005.