Rund um die Alster

Heinz H. Behrens flaniert an einem Sonntag…

RUND UM DIE ALSTER

Genauer, rund um den in der Sonne glitzernden Alstersee. Denn die Alster selbst ist ein gut 50 km langer Nebenfluss der Elbe und entspringt in Schleswig-Holstein. Vor der Hansestadt wurde dieser Fluss zunächst zu einem Mühlenteich aufgestaut, um eine Kornmühle anzutreiben. Das geschah 1190 und hatte zur Folge, dass die noch unbewohnten Alsterwiesen immer wieder überschwemmt wurden. Spätere Dammbauten am heutigen Jungfernstieg – damals noch Reesendamm nach dem Mühlenpächter Reese – vergrößerten den Mühlenteich zu einem veritablen See. Der dann im 17. Jahrhundert durch neue Wallanlagen in die heutige Binnen- und Buten-Alster geteilt wurde. Inzwischen umgeben von acht Stadtteilen: Harvestehude, Rotherbaum, Neustadt, Altstadt, St. Georg, Hohenfelde, Uhlenhorst und Winterhude.

Meinen Rundgang beginne ich oben am Westufer, an der Krugkoppelbrücke, dem Übergang vom Alsterfluss zum Alstersee. Wo ich mir vorab noch einen Cappuccino auf der Terrasse von Bobby Reich genehmige. Mit Blick auf die Segler, die gerade ihre Boote auftakeln, um die leichte Brise zu nutzen.
Auf geht’s: unmittelbar hinter der Brücke hinein ins sogenannte Alstervorland, der größten und schönsten Parklandschaft direkt am See. Gleich in der Wegbiegung vorbei an prachtvollen Villen, wie dem von Martin Haller stammenden Anglo-German-Club.
Den Harvestehuder Weg, der den Alsterpark nach Westen begrenzt, bezeichnete Ascan Klée Gobert einst als „Straße der Millionäre“, weil dort eingesessene Dynastien, der sogenannte „Hamburger Uradel“ ganz unter sich residierte. Reeder, Kaufherren und Bankiers aus Familien wie Amsinck, Behrens, Blohm, Heine, Hudtwalcker, Laeisz, Lutteroth oder Sloman. Und Mäzene wie das Ehepaar Budge, das die heutige Hochschule für Musik und Theater bewohnte. Anfangs ließen sie sich Sommerhäuser, bald darauf aber prächtige Bürgerpaläste von berühmten Architekten wie Alexis de Chateauneuf, Martin Haller, Wilhelm Hauers, Abraham Rosengarten oder Fritz Trautwein erbauen. Die zinnenbewehrte Slomanburg im Tudorstil nahe der Alten Rabenstraße war übrigens das erste ganzjährig bewohnbare Haus.

Hier am Westufer schlendere ich nun durch die ehemaligen Gärten dieser Bürgerpaläste am Harvestehuder Weg. Bürgermeister Max Brauer ließ die Gärten zu Beginn der 50er Jahre enteignen und zum heutigen Alsterpark umwidmen. So entstand die aufgelockerte Parklandschaft mit herrlichen alten Bäumen, mit Blumenbeeten und großzügigen Liegewiesen. Auch einen Hundeauslauf gibt es.

Um die Bürger damals mit dem neuen Park vertraut zu machen, veranstaltete der Senat dort ab Mai 1953 die erste IGA Internationale Gartenbauausstellung hier in Hamburg. Ergänzt durch ein faszinierendes  Freilichtmuseum: „Plastik im Freien“. Acht Jahre nach Kriegsende moderne Kunst aus aller Welt im öffentlichen Raum, mit 50 Exponaten von Hans Arp, Ernst Barlach, Max Bill oder Wilhelm Lehmbruck bis hin zu Alexander Calder, Aristide Maillol, Henry Moore, Auguste Rodin oder Ossip Zadkine und viele andere. Meistens Leihgaben – aber wer die Augen offen hält, wird heute wieder rund um die Alster etwa drei Dutzend Kunstwerke entdecken. Nicht alles ist große Kunst, aber auf einiges möchte ich Sie im Verlauf meines Rundgangs aufmerksam machen.

An der breitesten Stelle des Alsterparks, etwa in Höhe Milchstraße und nicht weit vom Café-Restaurant Alster-Cliff, finden Sie den silberfarbigen „Meteoriten“ des Schweizer Installationskünstlers Thomas Stricker. Die Farbe der Palladiumhaut changiert je nach Jahreszeit; winters glänzt sie silbrig, sommers wirkt sie eher grünlich. Spötter bezeichnen den Klops übrigens als den größten Hundehaufen an der Alster. Hier im westlichen Alstervorland  finden Sie auch noch „Die Kniende“ von Gustav Seitz oder die „Drachensteigenlassenden Kinder“ von Gerhard Brandes.

Südlich vom Alsterpark wird derzeit heftig gebuddelt und gebaut. Dort, wo einst das Interconti stand, ist Bauherr Klaus-Michael Kühne dabei ein neues Luxushotel der Sonderklasse zu errichten: das Fontenay. Dann gäbe es wieder drei Luxus-Hotels rund um die Alster: am Westufer besagtes Fontenay, an der Binnenalster das ehrwürdige Vierjahreszeiten, am Ostufer das majestätische Atlantic Kempinski.
Die Alster war schon immer die gute Stube für uns Hamburger Bürger, unser schönstes Erholungsgebiet. Sehr treffend besungen von Friedrich von Hagedorn:

Befördrer vieler Lustbarkeiten,
Du angenehmer Alsterfluß!
Du mehrest Hamburgs Seltenheiten
Und ihren fröhlichen Genuß.
Dir schallen zur Ehre,
Du spielende Fluth!
Die singenden Chöre,
Der jauchzende Muth.

Der Elbe Schifffahrt macht uns reicher;
Die Alster lehrt gesellig seyn!
Durch jene füllen sich die Speicher;
Auf dieser schmeckt der fremde Wein.
In treibenden Nachen
Schifft Eintracht und Lust,
Und Freyheit und Lachen
Erleichtern die Brust.

Ein „Beförderer vieler Lustbarkeiten“ ist heute die ATG Alster-Touristik GmbH, die mit ihren 18 längst motorisierten „Alsterdampfern“ Liniendienste, Rundfahrten, Kanal- und Fleetfahrten und natürlich Sonder- und Charterfahrten anbietet. Sogar heiraten kann man auf ihren weiß-roten Schiffen.

Die Alsterschifffahrt begann im Jahr 1857, als der Schiffsmakler Parrau mit seinem Dampfer Aline einen regelmäßigen Liniendienst zwischen Jungfernstieg, Uhlenhorst und Winterhude aufnahm. Und so die Anbindung dieser beiden Dörfer an Hamburg und damit deren Besiedlung beschleunigte. Während am Harvestehuder Weg alteingesessene Kaufmannsfamilien residierten, siedelten sich gegenüber am Ostufer die eher „neureichen“ Kaufleute an. Familien, die ihr Vermögen überwiegend im Ausland gemacht hatten. Zunächst an der Schönen Aussicht, danach an der Bellevue.

Aber erst einmal musste das Überschwemmungsgebiet vor der heutigen Uhlenhorst bebaubar gemacht werden. Erinnern wir uns: Beim Großen Brand von 1842 waren auch die Mühlen am Jungfernstieg abgebrannt – sie anzutreiben hatte man einst die Alster aufgestaut. Jetzt konnte der Wasserspiegel, auch der Schleusen wegen, um einen knappen Meter gesenkt werden, wodurch die einstigen Überschwemmungsgebiete drastisch verkleinert wurden. Damit erhielten die Eigner dieser sumpfigen Alsterwiesen vor und „auf der Uhlenhorst“ endlich die Erlaubnis, das Gelände baureif zu machen. Also baggerte man mehrere Kanäle aus – etwa den Hofwegkanal – und benutzte das Erdreich zur Aufhöhung dieses Sumpfgeländes. So begann eine weitere große Geländespekulation in Hamburg.

 „Bis 1852 führte der Weg in die Stadt nur über die Kuhmühlenbrücke und den Steindamm zum Steintor. Erst dann baute man einen Damm mit einem Fußweg durch die Eilbek-Niederung und verlangte für die Nutzung dieser Abkürzung sechs Pfennige, einen Sechsling als Wegegeld.“

Als 1859 auch noch Winterhude mit Uhlenhorst durch eine Brücke über den Langen Zug verbunden wurde, blühte auch dieser Ort auf. Dann ging es Schlag auf Schlag: 1860 wurde die Hamburger Torsperre aufgehoben, 1871 wurde Uhlenhorst Vorort, Winterhude drei Jahre später.

Ich habe mittlerweile den Baustellenbereich zwischen Alter Rabenstraße und Kennedy-Brücke hinter mir gelassen. Vorbei am früheren Restaurant Die Insel, vorbei am sog. Affenfelsen – viele Jahre Redaktionssitz von Gruner + Jahr – und am Weißen Haus, dem amerikanischen Generalkonsulat. Den Amerikanern zuliebe musste die Prachtstraße An der Alster für den Autoverkehr gesperrt werden. Was einen fast vergessenen Zustand wieder wachruft: Früher nämlich reichten die Gärten hinter der Neuen Rabenstraße bis herunter ans Alsterufer – damals war ein Durchgang an dieser Stelle nicht möglich.

Doch heute können wenigstens Fußgänger die Binnenalster unbehindert von hier aus erreichen, vorbei am früher legendären Promi-Treff Paolino (heute Ristorante Portonovo  und kulinarisch deutlich besser), dann unter den Brücken hindurch bis ans Ufer des kleinen Alstersees. Zwischen den beiden Brücken steht „Der Jüngling mit Möwe“, leider immer wieder von debilen „Möchtegernkünstlern“ verunstaltet. Kopfschüttelnd musste ich an den Spötter Anton Kuh denken:

„Die Kunst, Frau Circen gleich – bleibt lachend auch die Reine. Doch die sie unrein schauen, verwandeln sich in Schweine.“

An der Ecke Esplanade die monumentale „Windsbraut“ von Hans Martin Ruwoldt.

Zurück auf die Kennedy-Brücke und hinüber zum Ostufer. Über den 10°-Meridian hinweg, der Hamburg an dieser Stelle durchschneidet. Vor mir das Hotel Atlantic, St. Georg und die Durchgangsstraße An der Alster, auf der von morgens bis abends der Verkehr braust. Ich  bleibe auf der Wasserseite, auf der schmalen begrünten Flaniermeile zwischen dieser Hauptverkehrsstraße und dem Alsterufer. Gegenüber vom Hotel Atlantic finden Sie Max Bills dreibogige Granit-Plastik „Rhythmus im Raum“. Am Alsterufer zwei berühmte Segelschulen – Pieper und Käptn Prüsse. Wo so mancher Hanseat noch einmal die Schulbank drückte, um seinen Segelschein zu machen.

Und in Hohenfelde, das ich nun erreiche, ein kleiner Abstecher zur Schwanenbucht. Früher ein Überwinterungs-Quartier für die Alsterschwäne, heute spielt man hier Kanupolo. Nicht weit, am Schwanenwik, eröffnete man 1869 einen Strandbadeplatz nur für Männer. Die Damen erhielten erst 1901 ein gesondertes Schwimmbecken. Seit 2007 wird immer wieder darüber diskutiert, ob hier erneut ein Freibad mit Liegewiese eröffnet werden sollte. Aber allen Unkenrufen zum Trotz, die Wasserqualität in der Alster lässt wohl noch zu wünschen übrig.

Am Schwanenwik stehen die „Drei Männer im Boot“ von Edwin Scharff – hoch droben auf einem gemauerten Podest. Weiter geht’s über den Mundsburger Kanal Richtung Schöne Aussicht. Hier erreiche ich einen anderen Hotspot der Stadt, die beliebte Alsterperle, wo sich zu Zeiten des Hamburger Doms freitagsabends viele Menschen versammeln, um das Feuerwerk über dem Heiligengeistfeld von hier aus zu genießen.

Auch wir saßen dort an einem lauen Sommerabend in einem größeren Kreis, als jemand die Frage aufwarf, „welchen Sechslingen die Sechslingspforte wohl ihren Namen verdanke?“ Eine junge Dame, offenbar mit familiären Wurzeln in alten Uhlenhorster Familien – wie Abendroth, Droege, Gertig oder Sierich – lachte auf und gab uns diese Erklärung: „Bis 1852 führte der Weg in die Stadt nur über die Kuhmühlenbrücke und den Steindamm zum Steintor.“ Ein gewaltiger Umweg. „Erst dann baute man einen Damm mit einem Fußweg durch die Eilbek-Niederung und verlangte für die Nutzung dieser Abkürzung sechs Pfennige, einen Sechsling als Wegegeld.“

Sie löste noch eine weitere Frage auf: „Schaut mal rüber zum anderen Ufer, hin zur Milchstraße. Woher kommt der Name Pöseldorf?“ Ihre Erklärung: Dort gab es inmitten der ansonst großartigen Villen und Gärten eine Kleingartensiedlung, in der die Leute herumpusselten, oder, wie es damals auf Missingsch hieß: „He pöselt.“ Darum wollten die Anrainer vom Harvestehuder Weg um nichts in der Welt als Pöseldorfer bezeichnet werden. Pöseldorf wurde erst nach dem Krieg wachgeküsst und zum etwas snobistischen Standort für Galerien und Restaurants aufgehübscht.

Andere meldeten sich zu Wort: An der Sechslingspforte stehe bekanntlich auch einer der vier „Männer auf Bojen“ von Stephan Balkenhol – aufrecht, die Hände in die Hüften gestützt. Anfangs soll mehrfach die Polizei alarmiert worden sein, weil da mitten in der Alster ein Schiffbrüchiger stehen würde. So realistisch kann Kunst sein.

Ich schlendere nun das letzte Stück am Alster-ufer entlang, durch die Schöne Aussicht, vorbei am Gästehaus des Senats (Nr. 26) hin zum 1868 gegründeten Norddeutschen Regatta Verein. Kurz davor, gegenüber der Karlstraße, stand einst das beliebte Uhlenhorster Fährhaus, das Max Liebermann porträtiert hat. Heute erinnert nur noch der Anleger an den früheren Standort. Direkt an der Alster gibt es zwar keine Kirche, aber schräg gegenüber vom Regatta Verein die Imam-Ali-Moschee mit dem Islamischen Zentrum Hamburg. Dessen ehemaliger Direktor Mohammad Chãtami war von 1997 bis 2005 Staatspräsident des Iran.

Ob Stadtgeschichte oder Kulinarik: Autor Heinz H. Behrens weiß Spannendes zu berichten.

Endspurt: über die Langenzugbrücke erreiche ich Winterhude. Nun durch die Bellevue bis zur Fernsicht, so bin ich zurück am Ausgangspunkt meiner Exkursion: an der Krugkoppelbrücke.

Bevor ich mich aber erneut bei Bobby Reich erhole, noch schnell hinüber in den Eichenpark. Dorthin, wo einst das Kloster Herwardeshude stand und wo heute eine Gedenktafel an Friedrich von Hagedorn erinnert. Und an seine noch immer gültige Botschaft:
„Die Alster lehrt gesellig seyn!“

Text: Heinz H. Behrens
Fotos: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle


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