Reinhard Fallak zieht Bilanz

Der ehemalige Polizei-Vizepräsident Reinhard Fallak in seinem Büro.
Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

Der Polizei-Vizepräsident verabschiedet sich nach 40 Jahren Erfahrung als Polizeibeamter in unterschiedlichen Positionen in den Ruhestand. Im Gespräch mit HANSEstyle spricht der ehemals ranghöchste Polizeiuniform-Träger der Stadt über die Silvesternacht, Cybercrime und warum der Schutzmann an der Ecke heute mehr gefragt ist denn je.

Reinhard Fallak trat 1974 nach dem Abitur als Polizeianwärter in die Hamburger Polizei ein, damals noch in dunkelblau-schwerer Uniform, die von der englischen Besatzungsmacht der Polizei verordnet war und ihre Herkunft von den „Bobbys“ auf der britischen Insel schwerlich verheimlichte.
Ersetzt wurde diese von einer merkwürdigen Förster-Kombination in Grün-Braun, die alles vermied, was nur im Entferntesten an Gesetze oder gar Staatsgewalt hätte denken lassen. Falls das Wirtschaftswunderland Uniformen überhaupt duldete, dann doch bitte möglichst „zivil“, harmlos, nett aussehend. Zweckmäßigkeit, Wetter und die Tatsache, dass Männer und Frauen unterschiedliche Maße und Proporti-onen haben, spielten damals noch keine Rolle.

Das endete erst um die Jahrtausendwende. Seitdem trägt die deutsche Polizei wieder Polizeiuniformen, die auch danach aussehen, obwohl es schon gegen die ersten Muster Proteste gab: „Zu maritim, zu martialisch“ hieß es über die blauen Outfit-Ideen aus Hamburg – fast nicht mehr vorstellbar. Reinhard Fallak war für das wichtige Projekt mitverantwortlich. Dass er selbst einmal ranghöchster Uniformträger der zweitgrößten Polizeibehörde einer deutschen Millionenmetropole würde, konnte er nicht planen. (Der Polizeipräsident trägt zivil.)

Wir sprechen über die Silvesternacht in Köln. Fallak hält es für nahezu ausgeschlossen, dass sich ein solches Szenario wiederholen werde. Das Geschehen war selbst für ihn ebenso bestürzend wie unerwartet. Zwar gäbe es diese choreografierte Mischung aus Diebstahl und sexueller Nötigung in bestimmten Ländern – aber bis Silvester noch nie bei uns. Die Polizei hat die „Botschaft“ verstanden! Diesen Überraschungseffekt gibt es nur einmal.

Das Thema ist öffentliche Kameraüberwachung, die fest installierte und Schulter-Kamera, auch mit Mikros. Fallak erläutert die hierzulande strengen Vorstellungen der Datenschützer und deren politische Möglichkeiten. Er halte im Zeitalter des Terrorismus dagegen den englischen Umgang mit solchen Möglichkeiten für ratsam. In London City scheint es mehr öffentliche Videokameras zu geben als Straßenbäume. Dabei gilt das Vereinigte Königreich bis zur Stunde immer noch als Demokratie und hat die Persönlichkeitsrechte sogar mit erfunden. Das Thema bleibt demnach aktuell.

Der Polizei-Vizepräsident war im Laufe seiner Berufszeit einer der am längsten amtierenden Polizei-Pressesprecher Hamburgs. Deshalb die Frage, wie es sich anfühle, wenn ein prominentes Magazin mit Alarm-Vokabeln aufmache wie „Staatsnotstand“ oder „hilflose Polizei“. Fallak bleibt ungerührt und erläutert als Insider die besonderen Probleme der Presse. Dort werde daher auch mitunter ziemlich „dick aufgetragen“. Mit seinem Blick auf die Wirklichkeit habe dieses Maß an Dramatisierung und Skandalisierung allerdings nichts zu tun. Die Bürger vertrauen ihrer Polizei, der Schutzmann an der Ecke ist mehr gefragt als je zuvor.


„Gefahrenprävention bei Kindern und Jugendlichen ist die beste Verbrechensbekämpfung. Selbst diese aber bräuchte Profis.“ – Reinhard Fallak


Ausgiebig die Antwort des nach über 40 Jahren Erfahrung nachdenklichen Schutzmanns mit den goldenen Schultersternen auf die Frage, was er ändern würde mit genügend Einfluss und finanziellen Mitteln: Er habe einfach Probleme mit der Tatsache wachsender Bevölkerung, zunehmender terroristischer Bedrohung, auch mehr Kriminalität – bei stagnierender Zahl an Polizisten. Diese sei zur Zeit mit einer Million Überstunden in Hamburg, einer Ausrüstung, die ständig der Modernisierung und Ergänzung bedürfte. Die Anforderungen an die Polizei stiegen auch wegen der jüngsten Zuwanderungsbewegungen. Entwicklungen, die von der Polizei nicht beeinflusst werden könnten, indes immer stärker polizeiliche Prävention, Einsätze, Verfolgung und Anwesenheit beanspruchten. Hier seien Lücken entstanden. Die Polizei müsse in der wachsenden Hafenstadt mithalten. Ihre Ausrüstung müsse mindestens allen potenziellen Übeltätern gewachsen sein. Deutschland lasse 300.000 bis 400.000 nicht identifizierte Flüchtlinge ins Land, dabei wurden in den letzten Jahren 16.000 Polizeistellen abgebaut. Überraschende Fakten. Aber benötigen wir wirklich mehr Polizei?

Fallak ernst: „Ich würde gerne bessere und gründlichere Arbeit im Bereich Wirtschaftskriminalität, insbesondere im Feld Cybercrime aufbauen, noch mehr Beamte als Stadtteilpolizisten einsetzen, dem Landeskriminalamt und den Polizeikommissariaten mehr Einsatzkräfte wünschen. Auch eine stark alternde Gesellschaft und deren spezifische Bedürfnisse spiegeln sich im polizeilichen Alltag zu wenig wider. Gefahrenprävention bei Kindern und Jugendlichen ist die beste Verbrechensbekämpfung. Selbst diese aber bräuchte Profis.


„Die Polizei hat die ‚Botschaft‘ verstanden!“ – Reinhard Fallak


Frage: Immer mal wieder werde der Verdacht geäußert, es gäbe Anweisungen in den Sicherheitsbehörden, bei Verdächtigen die Herkunft, Ethnie, Hautfarbe zu unterdrücken. Stimmt das? Fallak darauf schnell und trocken. „Totaler Unsinn, stimmt nicht.“

Der jugendlich wirkende Reinhard Fallak geht in Pension. Würde er diesen Beruf jemals wieder ergreifen? „Jederzeit. Ein anstrengender, spannender, mitunter belastender, jedoch immer noch für mich der schönste Beruf überhaupt. Tätig zu sein in fast allen Gebieten des Lebens, Jobs auf dem Wasser, hoch über Hamburg in der Luft, überall, wo Leben stattfindet. Eine tolle Aufgabe für Menschen mit einem Verhältnis zu Pflicht, Loyalität, zum Staat und Gesetz. Körperlich und geistig anspruchsvoll, befriedigend in einer starken Gemeinschaft mit vielen anderen, die ähnlich empfinden.“ In Hamburg ist der herkömmliche „Schutzmann“ übrigens inzwischen weiblich, etwa zu 30 %, nach aktuellem Personalbestand.

Reinhard Fallak mit Polit-Kolumnist Klaus May | Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle
Reinhard Fallak mit Polit-Kolumnist Klaus May | Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

Zurück durch die Hightech-Hochsicherheitstür, freundlich verabschiedet von zwei attraktiven Beamtinnen in Uniform hinter Panzerglas, daran erinnernd, dass in diesem Rundbau, der einen Polizeistern darstellt, viele hundert Frauen und Männer Tag und Nacht für Hamburgs Sicherheit arbeiten. Es gibt unangenehmere Gefühle.

Das Gespräch führte: Klaus May