Rauschgift oder Heilmittel?

„Die Alternative ist das Inhalieren. Aber nicht als Zigarette oder als Joint …“ Birte Rießelmann

Cannabis wurde als Medikament zugelassen. Pharmazeutin Birte Rießelmann erläutert wichtige Fragen zur Abgabe von Cannabis aus der Apotheke.

Bis zu wie viel Gramm Cannabis erhalten Patienten aus der Apotheke?

Grundsätzlich pro Patient im Monat bis zu 100 Gramm. Da in erster Linie Menschen, die mit der Schulmedizin keinen Erfolg hatten, angesprochen werden – Palliativpatienten, bei denen Cannabis als extremes Schmerzmittel eingesetzt wird – kann die Menge deutlich höher liegen. Andere chronisch Kranke, wie Migräne- und Rheuma-Patienten, Menschen mit Multiple Sklerose, Polyarthritis, Epilepsie, Fibromyalgie, Depressionen, um nur ein paar mögliche Indikationen für den Einsatz von Cannabis zu nennen, beginnen in der Regel mit 0,5 bis 1 Gramm Cannabis pro Tag.

Ist das Thema Cannabis in Ihrer Apotheke in den letzten Monaten präsenter geworden?

Ja, seitdem bekannt ist, dass die Regierung Cannabis als Medikament zulässt, ist es deutlich präsenter geworden. Doch auch zuvor war es einem begrenzten Patientenkreis längst möglich, Cannabis auf Rezept zu bekommen.

Wie wird Cannabis als Medikament verabreicht?

Zugelassen ist die Cannabis-Blüte, die ich als Apothekerin abfüllen kann, um daraus Tee zu kochen. Doch oft wird hinterfragt, wie sinnvoll Tee ist, da die Inhaltsstoffe (Cannabinoide) durch Erhitzen auf Temperaturen von 180 bis 210 Grad Celcius in ihre aktive Form gebracht werden müssen und fettlöslich sind. Da Tee aus 100 Grad Celcius kochendem Wasser gemacht wird und Fett sich nicht in Wasser löst, wird hierbei im Vergleich zu anderen Methoden deutlich mehr Cannabis benötigt, um einen vergleichbaren Effekt zu erzielen. Die Alternative ist das Inhalieren. Aber nicht als Zigarette oder als Joint, weil beim Verbrennen gefährliche Teere in den Körper gelangen. Dafür wurden Inhalatoren entwickelt, wie sie jedem Asthma-Patienten bekannt sind. Diese Geräte sind die Lösung. Die Blüten, die vorher in der Apotheke pulverisiert wurden, werden durch den Inhalator erhitzt, so dass der entstehende Dampf inhaliert werden kann. So gelangen die Wirkstoffe über die Bronchien und Lungen in den Kreislauf. Cannabis ist zum Beispiel auch als Öl erhältlich, das in Kapseln zu sich genommen wird. Dies sind die wesentlichen Haupt-Rezepturvorschriften für Ärzte und Apotheker. Doch was jemand mit seinen Blüten am Ende zu Hause macht, bleibt natürlich offen und wird von uns Apothekern nicht kontrolliert.

Wie sind die Nebenwirkungen bei Cannabis-Konsum?

Achten müssen Ärzte auf Psychosen, die sich entwickeln können. Besondere Vorsicht ist also bei Menschen geboten, die bereits therapiert wurden oder für die Entwicklung einer Psychose prädestiniert sind. Aber ansonsten ist Cannabis wunderbar verträglich. Anfängliche Schwierigkeiten wie Müdigkeit, Schwindel, Blutdruckabfall, trockener Mund, Muskelentspannung und verstärkter Appetit geben sich nach kurzer Zeit oder können durch den Wechsel der Blütenart minimiert werden.

Sehen Sie ein Missbrauchsrisiko durch Cannabis auf Rezept?

Das Missbrauchspotenzial entfällt meines Erachtens weitgehend, da Cannabis nur über ein Betäubungsmittelrezept erhältlich ist – und das ist sehr viel schwieriger zu bekommen als ein normales Rezept. Nur auf Basis einer erfolglosen, herkömmlichen Therapie oder unzumutbarer Nebenwirkungen wird der Arzt das Rezept ausstellen können. Darüber hinaus gibt es uns Apotheker, um das Betäubungsmittelrezept zu kontrollieren. Zudem haben die Krankenkassen ein Vetorecht. Wenn überhaupt, gibt es ein Missbrauchspotenzial nur im Hinblick auf die Abgabe von ganzen Blüten der Hanfpflanze, weil eben die häusliche Verwendung nicht kontrolliert werden kann.

Was hat die neue Regelung denn nun wirklich geändert oder geordnet?

Im Grunde bleibt die Frage: ‚Wieso wird Cannabis der gleichen Stufe wie Kokain und Heroin zugeordnet?’ Durch diese Einstufung als Rauschgift war bei Cannabis die Möglichkeit genommen, es medizinisch mit den technisch gebotenen Möglichkeiten zu erschließen und zu erforschen. Nun könnte es möglich sein, durch den etwas erleichterten Zugang zu Cannabis mehr über die Pflanze als Medikament und ihre Wirkung zu erfahren.

Abgesehen von medikamentösen Bewertungen: Warum konsumieren viele Menschen gern Cannabis – wie kann die Wirkung beschrieben werden?

Der Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) ruft das High-Gefühl hervor, wirkt stimulierend, konzentrations- und kreativitätsfördernd. Pflanzen mit höherem Cannabidiol (CBD)-Gehalt wirken dagegen eher angstlösend und entkrampfend (Stoned-Gefühl). Diese positiven Emotionen können wir durch die direkte Einflussnahme der Cannabinoide auf einige unserer Neurotransmitter – Botenstoffe und Hormone – erklären, wie z. B. Adrenalin, Serotonin und unserem Glückshormon Dopamin. Das ist unser Eigenlob-Botenstoff, der zum Beispiel das Gefühl beschert: ‚Das hast du gut gemacht. Du siehst heute gut aus. Du schaffst das.’ Dass man also zufriedener mit sich selbst ist.

Im Gespräch mit: Klaus May und Christian Bauer | Foto: Tim Wendrich


Wie halten Sie sich fit und gesund, Frau Rießelmann?

Durch Bewegung – ich laufe gern – und durch Ernährung, die mir ganz besonders wichtig ist. Doch da ich weiß, dass Ernährung alleine mir nicht die für mich notwendigen Vitalstoffe gibt, spielt auch Nahrungsergänzung eine wichtige Rolle für mich.“ Auf diese Gebiete, Ernährung und orthomolekulare Therapie, präventiv und therapiebegleitend, hat sich die Rathaus-Apotheke neben der Darmgesundheit spezialisiert.