„Multitasking ist Unfug!“

Schriftstellerin und Autorin Ildikó von Kürthy:
bodenständig und grundsympathisch.
Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

Die Hamburger Bestsellerautorin und Journalistin Ildikó von Kürthy über die Suche nach sich selbst – zwischen Schweigekloster und Botox

Ildikó von Kürthy lebt seit beinahe 30 Jahren in ihrer Wahlheimat Hamburg. Ihre Bücher wurden bereits über fünf Millionen Mal verkauft und in 21 Sprachen übersetzt. Mit erfrischendem Wortwitz und feinem Humor berichtet sie meist aus dem Alltag junger Frauen, die sich auf einer rasanten Achterbahnfahrt zwischen den Höhen und Tiefen des Lebens befinden. Ihr aktuelles Werk „Neuland“ erzählt von ihrer eigenen Selbstverwirklichung und Glückssuche – Themen, die heute aktueller denn je sind. In HANSEstyle verrät die 48-Jährige, wer ihr erster Feind und bester Freund ist, weshalb es manchmal prollig sein darf und warum Konzentration alles ist.

HANSEstyle: Sie sind für Ihr Studium an der Henri-Nannen-Journalistenschule nach Hamburg gekommen – und geblieben. Warum gerade Hamburg?
Ildikó von Kürthy: Einige Jahre vor meiner Ausbildung hatte ich ein sehr schönes Hamburg-Erlebnis. Als mein damaliger Freund seine Ausbildung hier anfing, habe ich ihn besucht und ging ganz früh morgens beim Erwachen der Welt an der Alster spazieren. Das war genau dieselbe Stelle, an der ich vier Jahre später auf die Ergebnisse meiner Prüfung wartete. Beide Male habe ich gedacht: Hier gehöre ich hin, egal ob die Beziehung klappt oder ob ich einen Ausbildungsplatz bekomme.

In welchem Stadtteil sind Sie zu Hause?
Ich wohne in Harvestehude. Hier um die Ecke, in der Löwenstraße, war meine erste kleine Wohnung – seitdem bin ich in dieser Gegend geblieben. Ich bin ein Nesthocker. Das bezieht sich nicht nur auf mein Zuhause, sondern auch auf die Gegend. Ich mag es, wenn man die Straßen in- und auswendig kennt und die Gesichter einem bekannt vorkommen, zum Beispiel vom Fleischer, Fischmann oder Briefträger. Wenn man lange genug an einem Ort bleibt, lebt es sich wie in einem Dorf.
Vermissen Sie Ihre rheinländische Heimat?
Ja, sehr oft sogar. Ich mag die hanseatische Zurückhaltung, sie ist gediegen und edel, aber manchmal fehlt mir das prollige, laute und lustige Wesen der Rheinländer. Deshalb versuche ich immer sehr viel Rheinland mit nach Hamburg zu bringen. Wir feiern Karneval und verkleiden uns zu jeder möglichen Gelegenheit, egal ob einfach nur so am Freitag, den 13., oder zu Halloween. Meinem Mann gehe ich damit natürlich auf den Wecker, denn er ist sozusagen ein Ureinwohner Hamburgs.

Sie sind Schriftstellerin und freie Journalistin. Welche Bedeutung hat Sprache für Sie?
Ich bin Tochter eines blinden Vaters. Dadurch war Sprache bei uns zu Hause das einzige Medium zur Verständigung. Das hat mich sehr geprägt, denn Mimik, Gestik oder Blicke zählten bei uns nicht. Sobald ich sprechen konnte, habe ich ihm erzählt, was ich sehe. Dieses Beschreiben und Plaudern habe ich beibehalten – auch in meinen Texten.

Was ist die Quelle Ihrer Inspiration?
Ich bin leicht zu inspirieren, weil ich sehr genau hinschaue. Ich habe tolle Freundinnen, ein Treffen mit ihnen und man müsste nur ein Mikro mitlaufen lassen und schon hätte man drei hochkarätige Theaterstücke über das Leben, die Liebe und das Älterwerden.

An welchem Ort schreiben Sie am liebsten?
Wenn ich journalistisch schreibe und nicht so sehr eintauchen muss in fremde Welten, dann schreibe ich zu Hause. Tauche ich aber in meine Bücher ab, dann muss ich mir einen ablenkungsfreien Raum schaffen. Hierfür ziehe ich mich gern in die Hamburger Universitätsbibliothek zurück. Dort sitze ich, um mich herum nur lernende, arbeitende oder schlafende Menschen. Manchmal, wenn ich es mir zeitlich leisten kann, bin ich einige Tage in einem Hotel in Travemünde.

Sie sagten einmal, dass Ihr Mann Ihre Manuskripte als Erster liest. Ist er Ihr größter Kritiker?
Oh ja, mein Mann ist gnadenlos – er ist mein erster Feind und mein bester Freund. Aber nachdem das Manuskript diese Hürde gemeistert hat, kann ich sicher sein, dass das, was ich geschrieben habe, wirklich gut ist.

Während des Gesprächs im „la caffètteria“ | Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle
Während des Gesprächs im „la caffètteria“ | Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

Ihr aktuelles Werk „Neuland“ handelt von Ihrem Crashkurs in Sachen Selbstverwirklichung. Was war der Auslöser hierfür?
Mit 48 Jahren habe ich vieles auf der To-do-Liste des Lebens abgehakt: Ausbildung abgeschlossen, gearbeitet, einen Mann gefunden, Kinder bekommen. Nun ist der Zeitpunkt der Kür gekommen und man muss sich Sachen einfallen lassen, weil das Leben einem nichts mehr aufdrängt. Hierfür habe ich mich auf die Suche begeben und Dinge ausprobiert, die für mich bis dato „Neuland“ darstellten – vom Schweigekloster über Persönlichkeitsgestaltung bis hin zu blonden Extensions. Nebenbei führte ich Tagebuch. Es war ein großartiges Jahr mit vielen Höhen und Tiefen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie viele Weisheiten mit auf den Weg bekommen haben. Welche begleiten Sie  fortan?
Egal mit wem ich sprach, es ging immer um eines: die Konzentration auf das, was man gerade tut. Mein Selbstverteidigungslehrer sagte mir, wenn man über die Straße schlurft, auf das Handy guckt und seine Umwelt nicht wahrnimmt, verpasst man die Gefahr. Man verpasst aber auch – und das sagten mir die Meditationslehrer – die Wunder. Ich merke selbst, dass ich im Alltag sehr unkonzentriert bin und viele Sachen gleichzeitig tue und das schadet meiner Seele, meinem Kopf und Körper. Multitasking ist Unfug! Wenn man beim Tatortgucken eine Hose im Internet bestellt, weiß man am Ende nicht, wer der Mörder ist und die Hose ist im Zweifel zu groß.

Was ist die wichtigste Erkenntnis aus Ihrer Selbstoptimierungsphase?
Ich weiß jetzt mehr über mich und mein Leben. Mir ist nun bewusst, an welchen Schrauben ich noch drehen und wo ich es auch lassen kann. Meine Selbsterkenntnis daraus: Man sollte auch mal etwas wagen, das vielleicht nicht unbedingt naheliegend ist. Ich bin zwar kein abenteuerlicher Mensch, aber wenn ich mich zu neuen Dingen aufraffe, tut mir das gut. Ab und zu mal die Straßenseite wechseln – das reicht für mich völlig. Und: Es geht weiter. Ich habe neue – für meine Verhältnisse – halsbrecherische und wagemutige Pläne und das finde ich super.

Mit „Liebeslügen oder Treue ist auch keine Lösung“ feierte im März dieses Jahres Ihr erstes Theaterstück im Ernst Deutsch Theater Premiere. Wie sind Sie dazu gekommen?
In meinen Büchern arbeite ich viel mit Dialogen – das ist die perfekte Grundlage für ein Bühnenprogramm. Gutes Theater ist wirklich verzaubernd, aber ich habe mich nie so richtig daran getraut. Doch Isabella Vértes-Schütter, Intendantin des Ernst Deutsch Theaters, machte mir Mut, diesen Schritt zu wagen. Es hat mich sehr ergriffen, die Personen auf der Bühne zu sehen, die ich mir ausgedacht habe und die Wörter zu hören, die bis dahin lediglich in meinem Kopf und auf dem Papier existierten.

Das Interview führte: Sarah Bischoff


Foto: PR
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Buchtipp:

Mit 48 Jahren stellt sich Ildikó von Kürthy die Frage: Kommt da noch was oder war es das jetzt? 365 Tage setzt sie 27 Vorsätze in die Tat um – vom Schweigekloster über Botox-Kur bis hin zu blonden Extensions. Ein kurzweiliges Langzeit-Experiment in eigener Sache.


Über Ildikó von Kürthy:

Die gebürtige Aachenerin, Jahrgang 1968, ist freie Journalistin und Schriftstel- lerin. Nach einem Zwischenstopp bei der Zeitschrift „Eltern“ in München begann sie mit Anfang 20 Journalistik an der Henri-Nannen-Schule zu studieren. Von 1996 bis 2005 arbeitete von Kürthy beim „Stern“ als Redakteurin im Ressort „Kultur und Unterhaltung“. Mit 31 Jahren veröffentlichte sie mit „Mondscheintarif“ ihr erstes Buch, das 2001 verfilmt wurde. Im März 2016 feierte ihr erstes Theaterstück am Ernst Deutsch Theater Premiere. Ildikó von Kürthy schreibt als freie Autorin für Magazine und ist seit 2009 regelmäßige Kolumnistin der „Brigitte“. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Harvestehude.