Mit Slow-Fashion zum Bachelor

Dominique Watral absolvierte diesen Sommer ihren Bachelor in Modedesign | Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

Fragt man ihre Dozenten, gehört Dominique Watral zu den vielsprechendesten Talenten ihres Jahrgangs. 2015 absolvierte sie ihren Bachelor in Modedesign an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW). Mit ihren Entwürfen aus 100 Prozent wiederverwerteten Materialien (Upcycling) trifft die gebürtige Hannoveranerin den Zeitgeist. In HANSEstyle erzählt die Designerin, wie sie versucht, sich auch dem schwierigen Thema „Pelz“ moralisch zu nähern.

Es ist Ende Juli. Die altehrwürdigen Hallen der Hamburger Handelskammer sind von einem aufgeregten Gemurmel erfüllt: Junge Menschen wuseln zwischen Kleiderstangen, Schminktischen und Buffet hin und her – überall herrscht reges Treiben, die Stimmung ist erwartungsvoll gespannt. Zwischen Models und Stylisten, Tontechnikern und Design-Studenten treffen wir Dominique Watral. In diesem Jahr hat sie ihren Bachelor in Modedesign absolviert und präsentiert ihre Abschlussarbeiten im Rahmen der alljährlichen A+ Modenschau der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW). Mit einer Mischung aus Anspannung und Stolz beobachtet sie über einen kleinen Fernseher, wie die Models in ihren Entwürfen über den Laufsteg schweben. Als das letzte Model den Catwalk verlässt ist der 24-Jährigen die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Die Präsentation dieser Kollektion ist für sie das krönende Finale ihres Studiums und bringt sie ihren Traum als Modedesignerin ein Stück näher.


Die avantgardistischen Schnitte und die Auswahl des Materials machen ihre Mode außergewöhnlich.


Bereits im Alter von neun Jahren wusste Dominique ganz genau, dass sie Modedesignerin werden wollte. Schon bald schneiderte sie gemeinsam mit ihrer Großmutter ihre ersten Kleidungsstücke. Nach dem Fachabitur im Bereich Modedesign und ihrer Ausbildung zur Modeschneiderin begann sie ihr Studium in Hamburg. An diesem Abend, sieben lehrreiche Semester später, sieht sie das Ergebnis vor sich auf dem Laufsteg: insgesamt sieben ihrer Looks werden bei der Modenschau gezeigt.

Die avantgardistischen Schnitte und die Auswahl des Materials machen ihre Mode außergewöhnlich. „Upcycling und die Transparenz bei der Kleidungsproduktion sind in meinen Augen sehr wichtig. Ich möchte nicht verantworten, dass Menschen bei der Herstellung meiner Kleidung durch unmenschliche Bedingungen oder umweltschädliche Einflüsse krank oder Tiere nur für die Pelzgewinnung getötet werden“, erklärt sie uns ihr Konzept, das hinter ihrer „Retrouver l’équilibre“-Kollektion steht. „Das Gleichgewicht wiederfinden“ bedeutet der Name überbesetzt, und zwar zwischen Mensch und Natur.

Für ihre Mode verwendet die Designerin ausschließlich Upcycling-Materialien wie eingeschmolzenes Zinn von Großmutters Teeservice für Accessoires oder Fell aus regionaler Jagd für extravagante Abendroben | Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle
Für ihre Mode verwendet die Designerin ausschließlich Upcycling-Materialien wie eingeschmolzenes Zinn von Großmutters Teeservice für Accessoires oder Fell aus regionaler Jagd für extravagante Abendroben | Fotos: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

„Wir können nicht immer nur von der Natur nehmen. Wo das endet sieht man am Klimawandel. Durch Jäger in meinem Bekanntenkreis habe ich erfahren, dass die Felle der erlegten Tiere in der Regel nicht gegerbt und weiterverwendet werden. Pelz ist ein tolles Material und es einfach ungenutzt verkommen zu lassen, finde ich schade.“ Die Idee mit Tierfellen aus regionaler Jagd zu arbeiten schwebte ihr seit Beginn ihres Studiums im Hinterkopf herum. Als das Thema Nachhaltigkeit und Recycling behandelt wurde, war der Studentin sofort klar, dass sie ihre Abschlussarbeit zu diesem Thema gestalten würde. In der Hochschule erfuhr sie trotz – oder gerade wegen – des kontrovers diskutierten Themas „Pelz“ ausschließlich positive Resonanz.

Die Pelze von Kaninchen und Rehen kombiniert Dominique mit Stoffresten aus regionalen Textilfabriken. So besteht die gesamte Kollektion aus wiederverwendeten oder ungenutzten Materialien und verfolgt den Nachhaltigkeits-Aspekt auf ganzer Linie. „Ich möchte zeigen, dass man ganz tolle und hochwertige Mode machen kann, ohne dass die Materialien neu produziert werden müssen.“ Mit ihrer Kollektion schließt sich die Designabsolventin der Slow-Fashion-Bewegung an, deren Ziel es ist, das Bewusstsein des Konsumenten für nachhaltige, fair produzierte Mode zu schärfen.

Text: Marike Götz