Linda Zervakis

Gut fünf Minuten vor der verabredeten Uhrzeit steht Linda Zervakis in der Tür. Sie ist bester Stimmung. „Hallo, ich bin Linda“, stellt sie sich vor. Attitüde? Fehlanzeige. Im Gegenteil – sie ist unprätentiös im besten Sinne. Dabei könnte sich Linda Zervakis auf ihre beruflichen Erfolge durchaus etwas einbilden. Als Tagesschau-Sprecherin gehört sie zu den bekanntesten Fernsehgesichtern Deutschlands. Bestsellerautorin ist sie auch. In ihrem ersten, frisch erschienenen Buch „Königin der bunten Tüte – Geschichten aus dem Kiosk“ spricht die Tochter griechischer Eltern über ihren Werdegang, ihre Kindheit in Hamburg-Harburg und den Kiosk ihrer Eltern, in dem sie bis ins Erwachsenenalter mitgeholfen hat. Mittlerweile hat sie den Sprung über die Elbe gemacht – mit ihrem Mann und den beiden Kindern lebt sie heute nah der Alster. Seien Sie gespannt auf eine außergewöhnliche Frau! Lernen Sie Linda Zervakis 360 Grad – RUNDUM – besser kennen.

Fotos: Tim Wendrich für HANSEstyle

 

Ich habe mir mit meinen Brüdern ein Zimmer geteilt.

Ganz klar: Ich komme aus einfachen Verhältnissen.

Während die anderen auf Kindergeburtstage gingen, musste ich in die griechische Schule, einkaufen gehen oder im Kiosk stehen. Manchmal war das ziemlich anstrengend. Aber im Nachhinein finde ich gut, dass es so war.

Ich habe mich für die Verhältnisse bei mir zu Hause manchmal geschämt, habe lieber keinen Geburtstag gefeiert, als Freunde zu uns einzuladen. Das war ein Problem, das nur ich selbst mir gemacht habe. Niemand sonst hatte ein Problem mit diesen Verhältnissen. Das weiß ich heute. Ich hatte eine schöne, bereichernde und sehr lustige Kindheit. Es kommt darauf an, dass Eltern ihren Kindern das richtige Wertegefüge mitgeben.

Meine Eltern haben sich immer in die Arbeit gestürzt. Das hat sich auch auf uns Kinder übertragen. Man kann mir viel Arbeit auflasten, ohne dass ich umfalle.

In Griechenland gehört die Kirche wie ganz selbstverständlich dazu. Sie wird dort nicht so hinterfragt, wie oftmals hier. Ich bin griechisch-orthodox.

Meine Familie ist sehr gläubig. Meine Eltern noch viel mehr als wir Kinder.

Der Glaube ist für mich wie eine weiche Ummantelung, die mich immer wieder auffängt. Ich glaube daran, dass es jemanden Übergeordneten gibt.

Er war die tragende Säule. Als mein Vater starb, war ich 14 Jahre alt.
Schlagartig wurde ich erwachsen.

Manchmal muss man bereit sein, ein Risiko einzugehen und das gewohnte Umfeld zu verlassen.

Auf meinem Berufsweg habe ich immer wieder Menschen getroffen, die ein Talent in mir entdeckt haben, die mich gefördert haben. Dafür bin ich
sehr dankbar.

Früher wollte ich Stewardess werden, weil ich die Uniformen so schön fand.

Zwischendurch habe ich überlegt, ob ich Schauspielerin werden soll. Aber ich wollte die Sicherheit, am Ende des Monats zu wissen, was auf dem Konto ist.

Ich wollte Vieles ausprobieren. Um herauszufinden, wohin ich beruflich möchte.

Irgendwann wusste ich, dass es die Medien werden sollen.

Ich liebe meinen Job.

Dass mir bei der Tagesschau mehrere Millionen Menschen aus ihren Wohnzimmern zusehen, stelle ich mir nicht vor, doch ich bin mir dessen bewusst. Auch deshalb gebe ich mir Mühe, strenge mich an.

In meinen normalen Sprachgebrauch hat sich ein Hamburger Slang eingeschlichen.

Sind die Endungen sauber, vernuschele ich etwas, spreche ich die Silben richtig aus, mache ich nach jedem Punkt eine kleine Pause? Auch darauf muss ich bei der Tagesschau achten.

Tagesschau spricht sich mit zwei ’s‘. Das muss man hören.

Guten Abend, meine Damen und Herren. Das ‚en‘ bei Herren darf nicht verschluckt werden.

Nach der Elternzeit bin ich wieder zu meiner Sprechtrainerin gegangen.

Manche Nachrichten belasten mich. Während meiner Schwangerschaft gab es Tage mit so vielen schlimmen Meldungen, dass ich mich gefragt habe, in was für eine Welt ich mein Kind eigentlich setze.

Es gibt Tage, an denen mir die Terrormeldungen die Kehle zuschnüren. Trotzdem werde ich immer versuchen, die positiven Aspekte in den Vordergrund zu stellen.

Ich bin davon überzeugt, dass es mehr gute Menschen gibt als schlechte.

Man muss Menschen eine zweite Chance geben. Manchmal täuscht der erste Eindruck.

Oft wird es so dargestellt, als würden Griechen nur Ouzo trinken und unterm Olivenbaum sitzen. Das ist ein völliges Missverständnis.

Die Griechen sind so herzlich, dass sich dafür kaum Worte finden lassen. Da kann die Krise noch so groß sein, die griechische Seele kriegt man nicht kaputt.

Ob Santorini, Kreta oder Samos zum Beispiel – Griechenland ist einfach schön.

Es gibt so viel Leckeres in der griechischen Küche. Ich liebe Kichererbsensalat. Für die dicken, weißen Riesenbohnen in Tomatensauce aus dem Ofen könnte ich sterben. Oder gegrillter Octopus mit Zitrone. Auberginen mag ich auch. Alles macht am meisten Spaß mit Knoblauch. Das ist zu manchen Tageszeiten natürlich ein kleines Problem.

Zwei Hamburger Restaurant-Tipps:
Bei Dionysos im Eppendorfer Weg ist es etwas hochpreisiger, aber es ist richtig gut. Bei Pinakas im Grindelhof esse ich auch sehr gern.

Griechisch ist an mir ein gewisses Temperament. Ich lache zum Beispiel laut.
Deutsch ist an mir, dass ich eine gewisse Ordnung brauche. Ich finde es wirklich bereichernd, dass man hier auf ein Amt gehen kann und weiß, dass man die benötige Auskunft auch bekommt. Und das, ohne für den Notfall noch einen Umschlag mit Geld dabei haben zu müssen.

Ob Deutschland das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist? Absolut.

Man darf sich nur nicht darauf verlassen, dass der Staat oder die Gesellschaft alles für einen übernimmt.

Ich habe sehr volles Haar. Das ist made in Greece.

Mit zwei Kindern lohnt es sich, die Haare im Zopf zu tragen.
Es sei denn, man steht auf Schmerzen.

Mein Haargummi ist meine Tarnkappe. Mit Zopf erkennt mich optisch kaum jemand.
Allerdings erkennen mich Menschen oft auch an meiner Stimme.

Beim Autofahren werde ich wegen der anderen Autofahrer manchmal fast wahnsinnig.
Aber ich beherrsche mich. Beiße dann lieber ins Lenkrad.

Die Stimmung zwischen Fahrradfahrern und Autofahrern in Hamburg ist schlecht.
Das sollte sich ändern.

Ich stehe auf Verlässlichkeit, auf den hanseatischen Handschlag.

Das Gespräch führte: Christian Bauer