KOMM SCHON, BABY!

Bettgeschichten: Henriette Hell beim HANSEstyle-Shooting im Einrichtungshaus Bornhold auf einem Bett von „Schramm“.

Die Hamburger Autorin Henriette Hell auf den Spuren des Orgasmus

Ist der Orgasmus wirklich das A und O beim Sex? Warum kommen viele Frauen nicht zum Höhepunkt? Und was geht gar nicht im Schlafzimmer? Solchen und anderen Fragen geht Henriette Hell (31) als Bestseller-Autorin und „Stern“-Kolumnistin mit Charme, Witz und einem weiblichen Auge für das Wesentliche auf den Grund. Für mehr entspannte Schäferstündchen und weniger Druck in deutschen Betten – wie das geht, erzählt Henriette Hell im HANSEstyle-Interview.

Wie kam es dazu, dass Sex das Schwerpunkt-Thema Ihrer journalistischen Arbeit wurde?
Es fing damit an, dass ich Freunden und Familie aus meinen Reisetagebüchern aus Afrika, Indien und Peru vorlas, samt Männergeschichten. Allesamt lagen lachend am Boden – eine gute Grundlage für ein Buch. Mittlerweile sehe ich mich als Kämpferin der weiblichen Sexualität. In Sachen Aufklärung von Erwachsenen gibt es eklatante Lücken. Insbesondere wenn es um den weiblichen Orgasmus geht. Auch ich hatte das Pech, auf Männer zu treffen, die sich nicht auskannten und sich unsensibel verhielten. Aus Fragen wie „Baby, bist du gekommen?“ resultierten Vorwürfe wie „Was stimmt nicht mit dir?“. Irgendwann wollte ich nicht mehr hinnehmen, dass im Schlafzimmer so viel Druck herrscht und begann, mich mehr mit dem Thema zu befassen.

Was sind die drei wichtigsten Voraussetzungen für guten Sex?
Die wichtigste Voraussetzung für guten Sex ist, dass eine Frau herausfindet, was ihr gut tut. Achtung, Nachricht an die Männer: Jede Frau ist anders gebaut. Der Orgasmus wird, zumindest bei einem Großteil der Frauen, nicht vaginal, sondern über die Klitoris hervorgerufen. Diese sitzt bei jeder Frau an einem anderen Punkt, mal weit oben, mal weiter unten. Sie ist mal größer und mal kleiner. Demnach wird sie bei der Penetration – beim normalen Geschlechtsakt – entsprechend mehr oder weniger stimuliert. Wenn eine Frau erkannt hat, was sie im Bett glücklich macht, gilt es, mit dem Partner darüber zu sprechen und es umzusetzen.

Was macht guten Sex aus?
Das empfindet jeder anders. Was für mich und 76 Prozent der Frauen nicht ausschlaggebend für guten Sex ist, ist der Orgasmus. Viel mehr geht es um Leidenschaft, Hingabe und eine
fantastische Zeit miteinander.

Was ist der absolute Abturner?
Der Leistungsgedanke im Schlafzimmer: „Bist du gekommen?, Wieso nicht?, Baby, sag‘ mir was ich machen soll!“ Liebe Männer, setzt uns nicht so unter Druck!

In Ihrem 2015 erschienenen Buch „Achtung, ich komme! In 80 Orgasmen um die Welt“ beschreiben Sie Ihre sexuellen Erfahrungen mit Einheimischen auf Ihren Reisen unter anderem durch Afrika und Indien. Was war das Ziel dieser Reisen?
Nach meinen negativen Erfahrungen in Deutschland wollte ich herausfinden, wie es um das Thema Sex – und insbesondere den Orgasmus – in anderen Ländern steht. Der eigentliche Sinn war aber die Erforschung der eigenen Sexualität.

Henriette Hell kennt sich aus im Sexleben ihrer Genration. Die treffendsten Geschichten hat sie in ihrem neuen Buch zusammengefasst: „Erst kommen, dann gehen: Die Sexbibel fürs 21. Jahrhundert“, Ullstein Verlag, 12,99 Euro

Was war Ihre skurrilste Erfahrung?
Skurril, aber auch sehr hilfreich, war der Tantra-Kurs in Indien. Beim Tantra soll durch harmlose Berührungen die Verbindung zum Partner intensiviert werden. Sehr spannend! Ich habe aber auch negative Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel lernte ich in Afrika einen Mann kennen, der sich mit der Verwendung von Kondomen gar nicht auskannte. Da konnte ich nur flüchten.

Hatten Sie als Frau, die sehr offen über Sex redet, jemals Angst vor negativen Reaktionen?
Nein. Ich empfinde es als Stärke, Kante zu zeigen. Es kann doch nicht immer alles nur dahinplätschern. Mit meinen Büchern möchte ich den Frauen helfen, die Schwierigkeiten haben, zum Orgasmus zu kommen. Das tue ich eben auf eine junge, provokante Art, die manchmal zu Missverständnissen führt. Das nehme ich aber gern in Kauf.

Ihr neues Buch trägt den Titel „Die Sexbibel fürs 21. Jahrhundert. Erst kommen, dann gehen“? Was ist Ihre Botschaft?
Es geht um Dinge, über die nicht oft geredet wird, die aber zum Sexleben der Durchschnitts-Hamburgerin zwischen 25 und 35 Jahren durchaus dazu gehören können. Zum Beispiel der „Walk of Shame“: Am Dienstagabend mit dem netten Date im Bett gelandet und am nächsten Tag ohne Wechselklamotten ins Büro. Unangenehm! Diese Kurzgeschichten beschreiben bewusst das Gegenteil von Perfektion.

Ein Tipp: Wie sieht das perfekte erste Date aus?
Ich finde eine lockere Veranstaltung, wie zum Beispiel ein Straßenfest optimal. So entsteht eine entspannte Atmosphäre. Und falls es nicht läuft, kann man schnell abtauchen.

Und wie spricht er eine fremde Frau idealerweise an?
Grundsätzlich finde ich, dass Männer wieder mutiger werden können. Es darf gern etwas unkonventioneller sein und mich zum Lachen bringen.

Das Gespräch führte: Louisa Wölke | Fotos: Tim Wendrich

 

Hier geht Henriette Hell am liebsten aus
Besonders Absinth Bar | Größte Absinth Auswahl der Welt und ein sympathisch-skurriles Betreiber-Pärchen | Schanzenstraße 99, 20357 Hamburg
Klassisch Restaurant & Vinothek Südhang | Tolles Essen, fantastischer Wein und coole Bedienung | Susannenstraße 29, 20357 Hamburg
Wild Moloch | Open Air Club im Oberhafen mit einer Tanzfläche aus Sand, einem kleinen Pool und Indoor-Areal | Stockmeyerstraße 43, 20457 Hamburg

Über Henriette Hell
Als Journalistin und Autorin hat Henriette Hell es sich zur Aufgabe gemacht, über die Geheimnisse und Mythen der weiblichen Sexualität aufzuklären. Für ihr 2015 erschienenes Buch „Achtung, ich komme! In 80 Orgasmen um die Welt“ begab sie sich in fernen Ländern auf die Suche nach dem perfekten Orgasmus. Ein Selbstversuch mit jeder Menge Kuriositäten und Erkenntnissen. 2017 folgte „Erst kommen, dann gehen: Die Sexbibel fürs 21. Jahrhundert“ – eine erheiternde Sammlung an Flops, Anekdoten und Tipps von A bis Z. Auch in ihren provokanten Kolumnen „Was ich über Sex gelernt habe“ und „Hells Angel“ auf www.stern.de beschäftigt sich Henriette Hell mit dem – nicht immer einfachen – Liebesleben ihrer Generation. In ihrer Freizeit tourt sie als Mitglied einer Elektroband durch Deutschlands Nachtclubs.