Klare Kante

Ein Treffen mit Senator Kerstan im Rathaus

Zupackend und entschlossen zeigt sich Jens Kerstan, Senator für Umwelt und Energie der Freien und Hansestadt Hamburg beim Treffen mit HANSEstyle. Eines seiner politischen Ziele: Er möchte für mehr Lebensqualität sorgen. Der Senator spricht über den weiteren Ausbau des Radwegenetzes und die vom Senat geplanten Maßnahmen, damit die Stadt sauberer wird. Darüber hinaus erzählt er, unter welchen Voraussetzungen Hamburg in der Klimafrage entscheidend vorankommen könnte.

Der Ausbau des Radwegenetzes in und um die Stadt herum wird konsequent verfolgt. Welchen Einfluss können diese Maßnahmen auf die Luftreinheit jetzt oder in Zukunft haben?

Senator Kerstan: Einen großen! Radfahren ist ein Megatrend. Wir wollen den Anteil des Radverkehrs in Hamburg verdoppeln. Wenn immer mehr Menschen das Auto stehen lassen und häufiger auf das Rad steigen, ist das gut für saubere Luft, für den Klimaschutz und für die eigene Gesundheit.

Im Hinblick auf die mittelfristige Verbesserung der Luftqualität durch die Veränderung der Mobilität innerhalb der Stadtgrenzen: Welche Strategie verfolgt der Senat?

Wir haben an vielen Straßen zu hohe Werte für Stickstoffdioxid. Als erste Großstadt hat Hamburg einen Plan vorgelegt, der die Wirksamkeit aller Maßnahmen berechnet und zeigt, wie das Problem an allen Straßen gelöst wird. So stellen wir sicher, dass zehntausende Menschen absehbar aufatmen können. Nur einige Beispiele: Neben dem Ausbau des Radwegenetzes bauen wir U- und S-Bahn massiv aus, setzen Elektrobusse ein und bauen 1.000 Ladepunkte für E-Autos.

Welche Instrumente hat der Senat insgesamt zur Verfügung, um bessere Grenzwerte in der Luft zu schaffen?

Wir können Anreize bieten wie einen guten ÖPNV (Anm. Öffentlicher Personennahverkehr) und attraktive Radwege und Stromladesäulen für E-Autos. Wir schaffen die Infrastruktur, die die Bürgerinnen und Bürger dann auch nutzen müssen. Wir bieten im Hafen Landstrom und Flüssiggas für Schiffe am Kai an. Wir können aber auch an einzelnen, hochbelasteten Straßen Ampeln neu schalten oder Durchfahrtsbeschränkungen für alte Dieselfahrzeuge verhängen – geplant ist das an der Max-Brauer-Allee und an der Stresemannstraße.

„Ich bin ein geselliger und umgänglicher Mensch. Mit mir kann man sehr verlässlich zusammenarbeiten. Bei unvermeidlichen Konflikten fahre ich eine klare Kante.“ Senator Jens Kerstan

Als Hamburgs Senator für Umwelt und Energie sind Sie für die Energiewende zuständig. Was muss in absehbarer Zeit in Hamburg geschehen, um in der Klimafrage entscheidend weiterzukommen?

Die Energiewende darf nicht nur Strom wende sein. Sie kann nur gelingen, wenn es auch eine Wärmewende gibt. Da will Hamburg Vorreiter sein. Wir wollen das alte Kohlekraftwerk in Wedel so rasch wie irgend möglich vom Netz nehmen und durch dezentrale und möglichst klimafreundliche Quellen ersetzen – zum Beispiel aus industrieller Abwärme, aus Wärmepumpen oder aus der Müllverwertung. Ende dieses Jahres wollen wir außerdem das Gasnetz zurückkaufen und setzen damit den Volksentscheid von 2013 weiter um.

Radfahren ist ein Megatrend. Wir wollen den Anteil des Radverkehrs in Hamburg verdoppeln.
Senator Jens Kerstan

Vor etwa vier Jahren haben die Hamburger für den Rückkauf der Stromnetze

gestimmt. Was hat das gebracht?

Eine Menge. Das Stromnetz gehört seit 2014 wieder komplett der Stadt. Die Investitionen in das Netz wurden deutlich hochgefahren, die Versorgungssicherheit durch stabile und moderne Netze gestärkt. Die Digitalisierung und die Umsetzung der Energiewende haben wir nun selbst in der Hand. Und: Das Unternehmen arbeitet wirtschaftlich

und trotzdem im Sinne der Stadt und der Stromkunden. Es baut zum Beispiel gerade massiv die Ladesäulen für E-Autos aus. 

An der Frage, dass die Stadt sauberer werden muss, gibt es keinen Zweifel. Welche Maßnahmen verfolgt der Senat?

Wir wollen dafür sorgen, dass sich die Sauberkeit in Hamburg ab 2018 sichtbar verbessert, dass Straßen, Parks und Plätze häufiger und gründlicher gereinigt werden. Und zwar nicht nur im Zentrum, sondern in allen Stadtteilen und vor allem dauerhaft. Dazu bündeln und stärken wir die Kompetenzen der Stadtreinigung, und diese stellt 400 neue Mitarbeiter ein. Finanziert wird dies durch eine Straßenreinigungsgebühr, wie sie in fast allen anderen Großstädten auch erhoben wird.

Der rot-grüne Senat hat die Allermöher Wiesen unter besonderen Schutz gestellt. Zwei weitere Gebiete sind offenbar in Vorbereitung. Mit welchen Hoffnungen verbindet der Senat diese Maßnahmen?

Die Naturschutzgebiete sind wichtig, damit Hamburg trotz des massiven Wohnungsbaus grün bleibt. Hamburg hat schon 33 Naturschutzgebiete, zwei kommen noch dazu: in Neuland und in Volksdorf. Schon jetzt stehen neun Prozent der Fläche unserer Stadt unter Naturschutz, damit sind wir Spitzenreiter unter allen Bundesländern. Auf diesen Position und auf die Artenvielfalt in unseren Naturschutzgebieten können wir gern ein wenig stolz sein.

Was trifft eher auf Sie zu: Sie sind harmoniebedürftig. Sie sind streitlustig.

Ich bin ein geselliger und umgänglicher Mensch. Mit mir kann man sehr verlässlich zusammenarbeiten. Bei unvermeidlichen Konflikten fahre ich eine klare Kante.


Der Senator ganz persönlich

Was bedeutet für Sie Lebensqualität?

Lebensqualität heißt für mich: eine Stadt mit viel Grün, sauberer Luft, mit lebenswerten Parks und Plätzen. Und: gutes Essen, gern frisch und selbst gekocht mit Freunden und Familie.

Urlaub verbringen Sie gern in Ihrem Familien-Ferienhaus auf Mallorca. Was gefällt Ihnen so gut an der Insel?

Ich kenne diese Insel seit langem und liebe es, dort zu sein. Ich gehe dort gern wandern, joggen oder Rad fahren, das Haus ist ein wichtiger Treffpunkt für meine Großfamilie und den Freundeskreis.

Geboren wurden Sie in Bergedorf. Welche drei Highlights dürfen unsere Leserinnen und Leser dort nicht verpassen?

Mein Lieblingsplatz in ganz Hamburg sind die Boberger Dünen – so viel Sand mitten in einer Großstadt, das ist etwas Einmaliges und Besonderes. Sehr gern toure ich auch mit dem Fahrrad durch die Vier- und Marschlande. Drittens: die Bergedorfer Sternwarte mit ihren spektakulären  historischen Großteleskopen – aus meiner Sicht weltkulturerbewürdig.

Senator Jens Kerstan (m.) im Gespräch
mit Polit-Kolumnist Klaus May (l.) und
Verleger Christian Bauer.

Über Senator Jens Kerstan

Geboren wird er im Februar 1966 in Bergedorf – seiner Heimat ist er bis heute treu geblieben. Der Senator stammt aus einer Schifffahrtsfamilie – sein Vater war Miteigner einer Reederei. Jens Kerstan ist ein Familienmensch. Er hat rund

30 Cousinen und Cousins. Durch die Teilnahme an einer Schuldemo begeisterte er sich für die Politik. Von 2008 bis 2015 war er Vorsitzender der GRÜNEN Bürgerschaftsfraktion. Seit 2015 ist Jens Kerstan Senator für Umwelt und Energie.

Fotos: Marius Engels