John Neumeier

Seit 40 Jahren bewegt John Neumeier die Hansestadt. Unter ihm ist Hamburg zu Deutschlands Ballett-Hauptstadt geworden. Zu seinen bekanntesten Werken als Choreograf gehören Romeo und Julia, Die Kameliendame und Die Matthäus-Passion. Im Ballett-Genre gibt es weltweit wohl niemanden, den man mit John Neumeier vergleichen könnte. 1973 kam der im Staat Wisconsin geborene Amerikaner als Ballettdirektor und Chefchoreograf des Hamburg Balletts nach Norddeutschland. Seit 1996 ist er zudem Ballettintendant an der Hamburger Staatsoper und seit 1978 Direktor an der von ihm gegründeten Ballettschule. Prof. Dr. h.c. John Neumeier wurde das Große Bundesverdienstkreuz verliehen, er ist Ehrenbürger der Stadt Hamburg und Träger zahlreicher weiterer nationaler sowie internationaler Auszeichnungen. HANSEstyle trifft John Neumeier kurz vor den Hamburger Ballett-Tagen: 23 Ballette in 19 Vorstellungen – ein Rekordprogramm. Voller Esprit steckt er, an Aufhören ist keine Sekunde zu denken, auch mit 71 Jahren nicht. Erleben Sie John Neumeier ganz persönlich. 360 Grad – RUNDUM. So haben Sie ihn noch nie gesehen!

Fotos: Tim Wendrich für HANSEstyle

Wie das Hamburg Ballett seit 40 Jahren erfolgreich sein kann? Es gibt Dinge, die ich lieber nicht hinterfrage.

Meine ganze Karriere über wollte ich weiter greifen, als man fassen kann.

Der wichtigste Teil meiner Aufgabe als Compagnie-Direktor ist, die allerbesten Möglichkeiten für die Tänzer zu schaffen, so dass sie sich entfalten können.

Eine Tänzerkarriere ist verhältnismäßig kurz. Wenn mir ein Tänzer sagt, dass er müde sei, habe ich dafür wenig Verständnis. Es wird noch genügend Zeit zum Ausruhen geben.

Bei jeder einzelnen Probe versuche ich die Dinge so zu sehen, wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe.

Ich arbeite mit Menschen. Das ist manchmal sehr kompliziert, weil Menschen eben kompliziert sein können.

Als Choreograf und Tänzer muss man sich fragen: Wo ist der Othello, wo ist der Hamlet, wo ist der Romeo oder die Julia in mir? Erst wenn man es wirklich spürt, kann man etwas kreieren. Und nicht nur rekreieren.

Die Seele speichert alles, was um einen herum passiert. Wenn die Situation die richtige ist, kann man diese Emotionen abrufen. Meist kommen sie dann sogar von selbst.

Was mich inspiriert? Das ganze Leben! Die Erfahrungen aus der Kindheit und die Erfahrungen mit der Familie. Alles, was mich fasziniert, inspiriert mich – Literatur und Musik zum Beispiel. Und vor allem sind es Emotionen.

Sensibel zu bleiben für alles, was um einen herum passiert. Das ist das Wichtigste.

Als Choreograf will ich ein lebendiges Produkt liefern. Ist das, was der Tänzer macht, in unserer heutigen Zeit interessant und glaubhaft?

Wir sind eine professionelle Ballett-Schule. Wir behalten nur Kinder, bei denen wir überzeugt sind, dass sie nach der Ausbildung irgendwo auf der Welt einen Job bekommen werden.

Manchmal gibt es großartige, talentierte Tänzer, denen es an Disziplin fehlt. Ihre Karrieren sind sehr kurzweilig. Neben dem Talent sind Disziplin und Durchhaltevermögen entscheidend.

Die Arbeit an einer Choreografie ist ein bisschen wie der Dialog mit einem Diktator: Du kannst diskutieren, du hörst zu, aber einer muss sagen, wie es gemacht wird.

Eine Probe, in der etwas Neues entsteht, ist für mich die absolut intensivste Form des Lebens. Alle mir von Gott gegebenen oder angelernten Kräfte sind dann vereint. Dann bin ich ich.

Natürlich kann man alleine in seinem Wohnzimmer eine Choreografie tanzen. Doch ein entscheidendes Element des Tanzens ist, in Kommunikation zu treten, so dass ein Austausch entsteht.

Der kreative Drang ist wahrscheinlich eine Sucht. Dieses Gefühl, etwas machen zu wollen, selbst wenn man müde ist. Dieser Drang kommt bei mir immer wieder. Gott sei Dank.

Kunst kommt von Können.

Freie Tage gibt es bei mir sehr selten. Ich arbeite eigentlich sieben Tage die Woche.

Ich gehe immer sehr spät ins Bett. Wenn ich davor noch Zeit habe, schalte ich zur Entspannung den Fernseher ein: Ein ganz banaler Krimi, bei dem man nicht viel denken muss, ist gut zum Abschalten. Vor dem Einschlafen aber muss ich lesen.

Das Hamburger Publikum ist besonders. Es kennt unsere Arbeit, unsere Tänzer. Durch diese tiefe Bindung erfährt das Publikum auch mehr über sich selbst.

Auf der ganzen Welt, auch in Deutschland, steigt das technische Niveau ständig. Es gibt viele Tänzer, die viel können.Doch oft ist es schwierig, sie auseinanderzuhalten. Das wahre Talent erkenne ich in diesem einen, ganz speziellen Moment – wenn der Tänzer seine Unverwechselbarkeit zeigt.

Wir freuen uns, wenn die Menschen uns beim Tanzen zusehen – es ist ja auch ein Job. Doch ein Tänzer tanzt nicht für das Publikum. Er tanzt für sich selbst und lässt das Publikum ihn sehen. Dieses Sehenlassen und  Gesehenwerden ist ein großer Anreiz.

Ein Tänzer gibt dem Zuschauer zu verstehen: Du hast einen Körper, ich habe einen Körper. Du kannst meinen Körper lesen, kannst ihn interpretieren und dich verführen lassen von meiner Vision des Menschseins.

Die Stiftung John Neumeier beinhaltet mein Lebenswerk. Es sind all meine Dokumente – Partituren, Notizen, Fotoalben zum Beispiel. Es ist all das, was mich inspiriert hat.

Das Gespräch führten: Janina Fein und Christian Bauer