Hamburgs Oberbaudirektor

Ein Behördenbau? Ja. Prof. Jörn Walter vor der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt in Wilhelmsburg.
Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

Immer mehr Menschen benötigen Wohnungen und „Unterbringung”. Antworten vom obersten Baumeister der Stadt.

Wer den jugendlich wirkenden, temperamentvoll argumentierenden Oberbaudirektor der Stadt, Professor Jörn Walter aufsucht, muss zunächst den „Sprung über die Elbe“ wagen, um ihn im Büro zu sprechen, im vielleicht schönsten Hamburger Behördenbau überhaupt. Ganz und gar farbenfreudig, ein geschwungener, imposanter Gebäudekomplex, in dem vieles vermutet werden dürfte, aber sicher selten eine Fachbehörde, der Sitz von Hamburgs Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt. In einem ehemaligen Gewerbegebiet, vor Jahren gesichtslos, grau und abweisend. Heute eine grüne Park- und Gartenlandschaft, Erbe der etwas unglücklich verlaufenen Internationalen Gartenbauausstellung, die solcherart doch noch Überzeugendes hinterlässt.

Das wird nirgends deutlicher als mit einem Blick aus dem Büro von Jörn Walter im 12 Stock des imposanten Gebäudes: Er geht kilometerweit über die grüne, wasserreiche Millionenstadt – die im raschen Wachstum begriffen ist.

Schnell kommt das Gespräch in Gang. Es geht um Wohnungsbau im umfassenden Sinn und natürlich um die Flüchtlinge in der Stadt. Zudem konkret um Grundstücke und Planungen, wo auch heute noch Eigentum erworben werden könne zu „vernünftigen“ Preisen. Zur Zeit werde die Stadt überrollt vom Flüchtlingsstrom. Um vielen von ihnen dauerhaft Wohnraum bieten zu können, würden alle notwendigen Aktivitäten hochgefahren: Die zur Zeit gültige Planung, jährlich 6.000 neue Wohnungen zu bauen, werde etwa verdoppelt. Dafür müsse das Planrecht erleichtert und beschleunigt werden. Habe bisher die Vorbereitung eines Wohnhaus-Projekts etwa 2 Jahre gedauert, müsse diese Zeit auf die Hälfte reduziert werden. Jörn Walter bezeichnet das selbst als „ambitioniert“.

Mit Händen und Worten: Der Oberbaudirektor arbeitet gern an der großen Hamburgkarte in seinem Büro | Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle
Mit Händen und Worten: Der Oberbaudirektor arbeitet gern an der großen Hamburgkarte in seinem Büro | Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

Dafür nutze die Stadt eigene Grundstücke, kaufe welche hinzu, selbst leer stehende Baumärkte. Wichtig bleibe dabei der Gedanke an Kitas, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten, sowie die Anbindung an den Öffentlichen Nahverkehr. Das seien die Aufgaben, weshalb Außenbereiche nicht immer die besten Lösungen darstellten. Soziale „Durchmischung“ bliebe das Ideal, keine Gettos. Insofern seien die schnell-sten Lösungen nicht immer die besten. Zur Zeit aber gehe es kaum ohne Kompromisse. Ideal bliebe zudem der „Drittel-Mix“: Ein Drittel bezahlbarer Sozialbau, ein Drittel normalpreisige Wohnungen und ein weiteres Drittel Eigentumswohnungen.

Zudem gebe es nach wie vor schöne Gebiete mit Potenzial – auch für Eigenheime. So entwickle sich Barmbek schnell. Vor einigen Jahren noch günstig; heute schon nicht mehr. Jetzt wächst die Finkenau in Eilbek, eine tolle Lage mit Stadthäusern. Wie wäre es mit einem Hausboot? Möglich ab ca. 400.000 Euro. Plätze gäbe es noch. Interessant für gute und schöne Lagen seien inzwischen Harburg, Wilhelmsburg, noch stadtnäher Georgswerder. Gebiete, die man in 20 Jahren nicht mehr wieder erkennen werde. Auf die Frage, wie man sich die Stadt in zwei Jahrzehnten vorstellen müsse, kommt Hamburgs oberster Stadtplaner in Fahrt: Etliche Siedlungen könnten verdichtet und nachgerüstet, bestehende Bebauung ergänzt werden. Heute schon unbegreiflich, dass Straßen, die vor dem Krieg mit sechsstöckigen Gebäuden bebaut waren, später nur 3 bis 4-stöckig wieder aufgebaut wurden. „Eher vorstädtisch“ nennt Walter das. Insofern gebe es viele Möglichkeiten sinnvoller Nachverdichtung.

Nachdem noch das viel diskutierte Thema „Fahrradstraßen“ gestreift wird – nicht im Zuständigkeitsbereich des Oberbaudirektors! – er gleichwohl die bisherigen Ansätze als sinnvoll und konfliktbehaftet bezeichnet, weil teils unglücklich realisiert und schlecht vermittelt, bekennt er sich auch aus privater Erfahrung zu dieser Neuerung. Längst gebe es gute Beispiele, wo damit problemlos umgegangen werde.

Die nächsten Besucher warten im Vorraum. Eineinhalb Stunden Grundunterricht in Stadtplanung, Praxis und Zukunft sind zu Ende. Danach zurück durch die imposante Halle mit ihrem gewaltigen Stadt-Modell. Noch ein freundlicher Händedruck von Professor Walter, ein lächelndes „Auf Wiedersehen“ der exotischen Schönheit am Empfangstresen. Das Piercing sehr dezent. Behörden-Mief muss länger zurück liegen. Hier ist Zukunftswerkstatt. Innen und außen.

Im Gespräch mit: Klaus May und Christian Bauer