Hamburger Hoheluft

Heinz H. Behrens atmet dieses Mal nicht nur frische, sondern

Hamburger Hoheluft

Die beiden „Hohen Lüfte“ sind gewissermaßen das „doppelte Lottchen“ unter den Hamburger Stadtteilen, ein Zwillingspaar mit allerdings verschiedenen Erziehungsberechtigten. Hoheluft-Ost gehört zum Bezirk Hamburg-Nord; Hoheluft-West dagegen wird vom Bezirk Eimsbüttel verwaltet. Heute zwei kleine aber feine Stadtteile mit hohem Wohnwert. Im Osten – etwa in den Straßen rund um den Abendrothsweg – wohnt man ruhig und stilvoll, ganz ähnlich im westlichen Generalsviertel. Die Grenze zwischen West und Ost bildet die Hoheluftchaussee, eine lebhafte Durchgangsstraße, welche die beiden Zwillingsschwestern trennt. Das wirkliche Leben tobt quer von Ost nach West auf einem munteren Einkaufs-Boulevard, auf dem kunterbunten Eppendorfer Weg.

Schon im 14. Jahrhundert gab es die Ortsbezeichnung „an der Hohenluft“ – vermutlich für einen Gasthof am Heerweg von Eppendorf nach Lokstedt. Ursprünglich war Hoheluft nur eine winzig kleine Ansiedlung an der Isebek und gehörte zu Eppendorf. Die Verbindung zwischen dieser Siedlung und Eppendorf war ein einfacher Lehmweg am Flüsschen entlang – noch heute sein Straßenname.

Veerendeel – auf der hohen Lucht – Hoheluft
Es gibt noch eine andere Deutung über die mögliche Herkunft des Namens Hoheluft. 1602 ließen die Herren von Pinneberg direkt an der Grenze zwischen Lokstedt und Eppendorf einen Galgen errichten. Sie hatten einen Mörder gefasst, der wohl aus Hamburg stammte. Damals wurden Mord oder Kindestötung mit dem Tode bestraft; der Täter wurde von Pferden auseinandergerissen, gevierteilt. Die Überreste des so Hingerichteten wurden zur allgemeinen Abschreckung dann an den Galgen gehängt, um zu demonstrieren, wie man in der Grafschaft, zu der Lokstedt gehörte, mit solchen Verbrechern umzugehen pflegte. Diese Richtstätte im Grenzgebiet wurde zunächst Veerendeel genannt – was viergeteilt bedeutet. Mag sein, dass die Anwohner aber auch über die „hohe Luft“ spöttelten, in der die Überreste des Täters danach am Galgen baumelten. In der Folgezeit setzte sich dieser Name jedenfalls durch. 200 Jahre später, 1802, findet sich auch im Eppendorfer Kirchenbuch der Name „auf der hohen Lucht“.

Ursprünglich war Hoheluft nur eine winzig kleine Ansiedlung an der Isebek und gehörte zu Eppendorf.

Damals gehörte der Flecken „auf der hohen Lucht“ genau wie Eppendorf, Eimsbüttel, Harvestehude oder Winterhude zum Kirchenbesitz des ehemaligen Klosters Harvestehude, also zur Stiftung St. Johannis. In Klosterprotokollen heißt es noch 1805, dass dort gerade mal 40 Menschen lebten. Woran sich in den folgenden Jahrzehnten nicht allzu viel änderte, obwohl die stadtnahen Dörfer wie Hoheluft schon 1830 in die Hamburger Verwaltungseinheit „Landherrenschaft der Geestlande“ eingegliedert worden waren.

Hoheluft – Sommersitze für Hamburger Honoratioren
Zunächst gab es in dieser Eppendorfer Feldmark vor allem Land- und Gartenhäuser des hanseatischen „Stadtadels“. Dort hatte sich 1801 zum Beispiel der Makler Goverts ein Landhaus errichtet. 1853 erwarb Wilhelm Gossler dieses Grundstück und machte daraus den späteren „Gossler’schen Park“, der in etwa zwischen der heutigen Hoheluftchaussee, dem Eppendorfer Weg, der Neumünsterschen Straße und dem Abendrothsweg lag. Wilhelm Gossler war Partner des Bankhauses Joh. Berenberg, Gossler & Co. Er vergrößerte das ehemals Govert’sche Anwesen zu einem weitläufigen Park mit großen Rasenflächen, alten Bäumen, mit einem Teich und Tennisplatz. Drei Jahre später ließ er dort vom Architekten Auguste de Meuron ein prächtiges Landhaus errichten, mit 16 Zimmern in zwei Geschossen. Dort wohnte er mit seinen sieben Töchtern und einem Sohn. Nach dem Tod des Ehepaares Gossler wurden Haus und Park verkauft, parzelliert und neu bebaut.
Nördlich davon lag das Landhaus des Advokaten Dr. August Abendroth, Sohn des Hamburger Bürgermeisters Amandus Augustus Abendroth. Eine imposante Villa mit ionischen Säulen davor. Dieses Grundstück erstreckte sich zwischen Abendrothsweg bis hinauf zur Breitenfelder Straße. Und hierher wurde nach dem großen Hamburger Brand von 1842 der hilflose Bürgermeister ins Haus seines Sohnes getragen und verstarb dort wenige Monate später. 25 Jahre danach, im Jahr 1867, gelangte das Abendroth’sche Anwesen in den Besitz der Familie Berenberg. Es wurde um 1900 ebenfalls aufgeteilt und neu bebaut.
Einen verstärkten Zuzug von Hamburger Bürgern nach Hoheluft gab es nach der Aufhebung der Torsperre Ende des Jahres 1860. Die führte dazu, dass das Acker- und Weideland zwischen Harvestehude und Eimsbüttel peu à peu zu Wohnzwecken parzelliert wurde. 1864 erhielt die Hamburger Ausfallstraße Richtung Lokstedt den Namen Hoheluftchaussee und zwanzig Jahre später gab es eine erste Querung über die Isebek, eine hölzerne Brücke, dort, wo heute die Hoheluftbrücke den Grindel mit der Hoheluft verbindet. Was eine noch schnellere Besiedlung förderte.
Heute finden Sie in der Hoheluft wunderschöne Altbaugebiete, mit Häusern meist im Jugendstil. Und von herrlichen Bäumen umsäumte Straßen. Vielleicht aber sollten Sie den Stadtteil zunächst auf seinem Flanierboulevard erkunden, dem Eppendorfer Weg. Von Ost nach West, mit kleinen Abstechern nach Norden und Süden. Beginnen wir den Spaziergang am Lehmweg 44/Ecke Eppendorfer Weg, dort wo Hamburger Jazzfans in Onkel Pös Carnegie Hall klassischen Jazz, später auch Rock- und Popmusik erlebten. Im Laufe der Jahre mit Stars wie Chet Baker, Art Blakey, Chick Corea, Dexter Gordon, Pat Metheny, Al Jarreau und vielen anderen. Im Onkel Pö waren natürlich auch Udo Lindenberg, Otto Waalkes, Mike Krüger, Gottfried Böttger oder Albert Mangelsdorf zu hören und zu erleben.
Am Eppendorfer Weg wie auch am Lehmweg finden Sie hanseatische Ikonen der Gastronomie und des Einzelhandels. Im Lehmweg 41 die Confiserie Niko, einst bekannt als Sweet Dreams; diese Konditorei hat inzwischen einen neuen Besitzer, der aber, Niko Lecuiller, backt weiter nach den erprobten Rezepten seiner Vorgänger. Oder das marokkanische Top-Restaurant Piment von Wahabi Nouri, seit Jahren ein beliebter Gourmet-Tempel. Wer’s ursprünglicher mag, ist im Mansaaf mit seiner arabischen Küche gut aufgehoben. Am Eppendorfer Weg Ecke Falkenried empfängt Sie der italienische Patron und engagierte Weinkenner Mario Zini im La Scala. Schräg gegenüber die Kaffeerösterei Burg, 2016 gerade wieder mit einer Goldmedaille ausgezeichnet.
Dann westlich der Hoheluftchaussee im sog. Generalsviertel das Dal Fabbro Winebar & Ristorante von Leonardo aus der Gastronomenfamilie Testa, die in Blankenese ein Restaurant gleichen Namens betreiben. Oder die Kultkneipe Eppendorfer Grillstation im Eppendorfer Weg 172, zwischen Roon- und Kottwitzstraße, von wo aus Olli Dittrich alias Dittsche seine Live-Sendungen stets spontan und ohne Drehbuch sendet. Dittsche machte die Grillstation zum Kultgrill für alle, die es deftig mögen. Und der echte Gastwirt Oliver Kammerer gibt sich alle Mühe, diesem Fernseh-Image auch werktags gerecht zu werden.
Den nötigen Appetit kann man sich vorher mit einem ausgiebigen Bummel durchs Generalsviertel und die dort traumhaft schönen Häuser erlaufen. In den beiden „Hohenlüften“ finden Sie mehr als 200 Denkmäler, vor allem denkmalsgeschützte Gebäude, überwiegend im Jugendstil oder im wilhelminischen Neo-Barock. Dazwischen aber auch Bauten von klassizistischer Schönheit. Und in der Roonstraße steht sogar das holperige Kopfstein-Pflaster unter Denkmalschutz.

Falkenried: Straßenbahndepot und Hamburgs größte Terrassen-Siedlung
Auf dem Weg von Ost nach West sollten Sie unbedingt in den Falkenried einbiegen, aus zwei Gründen. Das ehemalige Straßenbahndepot Falkenried wurde ab 2003 zu einem fashionablen Neubauviertel umgestaltet, mit modernen Büroräumen und Wohnungen. Früher stellte man hier Straßenbahnwagen her und exportierte diese nach ganz Europa. Zudem war das Straßenbahndepot die Hamburger Endstation und Reparaturwerkstatt der SEG Straßen-Eisenbahn-Gesellschaft, die ab 1894 peu à peu von Pferden gezogene auf elektrisch betriebene Straßenbahnen umgestellt hatte. Auch damit war dann im Jahr 1978 endgültig Schluss – seither haben Busse, U- und S-Bahnen den Nahverkehr übernommen. Im ehemaligen Straßenbahndepot erinnern nur noch ein Pförtnerhäuschen mit Gastronomie und einige Gedenktafeln an diesen Teil der Hamburger Verkehrsgeschichte. Und der Name Straßenbahnring quer durch das ehemalige Werksgelände.
Im Straßenbahnring 12 residiert der Küchenausstatter Cucinaria, wo Profis wie Amateure Küchenausstattungen und -zubehör aller Art finden. Dazu eine Kochschule, und, nicht zu vergessen, die wohl größte Auswahl an Kochbüchern hier in Hamburg. Etwas weiter im Haus Nr. 18 sitzt RTL Nord und steuert von hier aus seine norddeutschen Regionalprogramme.
Gegenüber vom Eingangsbereich ins ehemalige Depot befindet sich Hamburgs größte und gut erhaltene Terrassensiedlung: 324 Zweizimmerwohnungen mit Wohnflächen zwischen 32 und 46 Quadratmetern. Alle Häuser mit Ausnahme der Kopfbauten sind dreigeschossig, die fünf Privatstraßen dazwischen jeweils 140 Meter lang. Und mitten drin ein bunt bemalter Bunker mit Büros und einem Penthouse on top. Genau genommen sind die Falkenried-Terrassen aber Passagen mit Ausgängen zur Löwenstraße – Wohnquartiere, die Ende des 19. Jahrhunderts für die Arbeiter des gegenüberliegenden Straßenbahnwerks und für die durch die Hafenerweiterung vertriebenen Hafenarbeiter erbaut wurden. Spekulanten wollten Ende der 80er Jahre die damals ziemlich verwahrlosten Häuser abreißen und durch Neubauten ersetzen, was eine Mietergenossenschaft mit Hilfe der Lawaetz-Stiftung verhinderte. Die Terrassenhäuser wurden saniert; heute wohnen hier Künstler, Singles und Familien, Alleinerziehende mit Kindern, Schauspieler, Studenten, natürlich auch einfache Arbeiter und Angestellte.

In den beiden „Hohenlüften“ finden Sie mehr als 200 Denkmäler

Der Produktionsstandort Hoheluft – einst Heimat vieler Marken
In Hoheluft wurden lange Zeit verschiedene Konsumgüter produziert: Bier zum Beispiel wurde ab 1883 von der Hansa-Brauerei in der Gärtnerstraße gebraut. Eine zweite Brauerei, das Brauhaus Hammonia startete 1886 am Scheideweg – beide wurden letztlich von der Holsten-Brauerei geschluckt. 1892 verlegte der Apotheker Oscar Troplowitz die Produktionsstätten der heutigen Beiersdorf AG an den Nordrand der Stadt, an den Lokstedter Weg. Dort wurden Wundpflaster und später Seifen und Hautpflegemittel hergestellt. Hier, zwischen Unnastraße und Wiesinger Weg, befinden sich nach wie vor Firmensitz und das Forschungszentrum des mittlerweile global tätigen Unternehmens Beiersdorf AG. Und in Hoheluft stellte man auch Tabakwaren her: Orientcigaretten der Firma Kyriazi-Frères, etwa die feine Finas (Kyriazi wurde später von der BAT British American Tobacco übernommen) oder Tabakspezialitäten bei von Eicken. Darunter in Lizenz hergestellt die Feinschnitt-Marke Dunhill und als Import MacBaren. Die 1902 erbaute Produktionsstätte ist heute ein Industriedenkmal und Standort für kreative Startups.
In der ehemaligen Tabakfabrik von Eicken wird heute philosophiert und Mut gemacht. Dort ermutigt man junge Frauen, Leben und Arbeit selbstbewusst und selbstbestimmt in Balance zu halten. Der Emotion Verlag von Dr. Katarzyna Mol-Wolf verlegt Special-Interest-Magazine wie die Frauenzeitschrift Emotion oder das Philosophie-Magazin Hohe Luft. Außerdem entwickelt man für Kunden maßgeschneiderte Kommunikationsinhalte – Storytelling – und sucht dafür geeignete Kommunikationswege: gedruckt oder digital, in Form von Events oder Galas.
Die Firmensitze des Emotion Verlags und seiner Ableger Inspiring Lab und Inspiring Network befinden sich im Gebäude der ehemaligen Tabakfabrik von Eicken, dem einzigen architektonischen Lichtblick an der ansonsten ziemlich tristen Hoheluftchaussee. Das Eimsbütteler Bezirksamt möchte daraus zwar gern so etwas wie eine Flaniermeile machen, allein dafür fehlt der Glaube. Noch immer dominieren hier die Ramsch-Läden in den wie zusammengeflickt wirkenden Häuserreihen.
Bleiben noch ein paar Tipps und Hinweise. Auf der Hoheluftchaussee gibt es den Hamburger Oxfam-Laden, wo „Überflüssiges flüssig gemacht“ werden kann. Die Idee dahinter: Wenn Sie aufräumen und dabei Überflüssiges finden und aussortieren möchten, bitte nicht wegwerfen! Sie können alles den ehrenamtlichen Teams von Oxfam übergeben, die das zu Geld machen und damit Bedürftigen helfen. Gefragt sind Bücher, Haushaltsgeräte und Geschirr, Klamotten, Spielzeug etc. Alles muss aber noch funktionsfähig sein.
Dann hat der Jazz wieder nach Hoheluft zurückgefunden. Als Onkel Pö Ende 1985 schließen musste, brauchten die Jazzfans nur von Ost nach West ins gerade eröffnete Birdland zu wandern – zum Kellerclub in der Gärtnerstraße 122. Dort konnte man bis Mitte 2013 modernen Jazzstilen lauschen – dann schloss der Club. Im Oktober 2014 eröffneten die Söhne der Birdland-Gründer den Jazz-Keller erneut und gaben den Modernisten unter Hamburgs Jazzern ihre Heimat zurück.

Und wer noch mehr über Hamburg-Hoheluft lesen und erfahren möchte: Klaus Tornier, einst Sprecher der Hamburger Uni, hat ein facettenreiches und reich bebildertes Buch über den „Jahrhundert-Stadtteil Hoheluft“ geschrieben. Das Buch ist übrigens nicht nur in den sieben (!) Buchhandlungen von Hoheluft zu kaufen.

Ob Stadtgeschichte oder Kulinarik: Autor Heinz H. Behrens weiß Spannendes zu berichten

Text: Heinz H. Behrens