„Hamburg Hauptbahnhof!“

Heinz H. Behrens blickt hinter die Kulissen

Deutschlands meist frequentierter Bahnhof mit rund 500.000 Reisenden pro Tag. Täglich mehr als 2.000 An- und Abfahrten, von 800 Fern- und Regionalzügen plus bis zu 1.400 S-Bahn-Fahrten an Werktagen. Dazu kommen noch im Hamburger Verkehrsverbund (HVV) die beiden U-Bahn-Zentralstationen Nord und Süd – sie alle zusammen garantieren die kurze Taktzahl und die Dichte des öffentlichen Personennahverkehrs im Stadtgebiet und für die Metropolregion.
Zur Orientierung gibt es aktuelle Infos auf gut sichtbaren Tafeln sowie an DB Informationen. Dann für die Reisenden ein Reisezentrum und ein Reisebüro, ein Kundenbüro des HVV, die DB Lounge und etwa 1.000 Gepäckschließfächer. Und für alle Besucher, auf gut 7.600 qm in der früheren Wandelhalle zwischen Spitaler Straße und Kirchenallee, in zwei Etagen 70 täglich von früh bis spät geöffnete Geschäfte, die so ziemlich alles bieten, was man benötigt. Auf Reisen wie vor Ort. Und nicht zu vergessen: der Hauptbahnhof bietet 1.350 Menschen Arbeit und Lohn.

Ein Blick zurück
Zwischen 1842 – da entstand die erste Bahnverbindung zwischen Hamburg und Bergedorf – und bis 1906 – als der Hauptbahnhof in Betrieb genommen wurde – gab es in der Hansestadt vier nicht miteinander verbundene Kopfbahnhöfe für die verschiedenen Bahnstrecken. Die ehemals kurze Bergedorfer Linie wurde 1846 verlegt und durch den Sachsenwald bis nach Berlin verlängert. Start vom Berliner Bahnhof, von dort, wo sich heute die Deichtorhallen befinden. Vom damals dänischen Altona gab es seit 1848 eine Zugverbindung nach Kiel, aber erst ab 1866 entstand mit der Hamburg-Altonaer Verbindungsbahn der Eisenbahnanschluss an Hamburg. Und auf Hamburger Boden wurden der erste Bahnhof Dammtor erbaut und die Endstation Klostertor. Die 1865 in Betrieb genommene Lübeck-Büchner Eisenbahn verband diese beiden Hansestädte, vom Lübecker Bahnhof aus in der Spaldingstraße. 1872 nach Fertigstellung der Elbbrücken fuhren vom Hannoverschen Bahnhof auf dem Grasbrook Züge nach Hannover und von dort weiter nach Holland und Paris.
Kurz vor der Jahrhundertwende begannen dann die Planungen für den Bau einer Zentralstation anstelle dieser vier bis dato voneinander getrennten Bahnlinien – an die Stelle dieser vier Kopfbahnhöfe wollte man auf dem Gebiet der Friedhöfe St. Georg und St. Jakobi sowie auf Teilen des früheren Stadtwalls einen modernen Durchgangsbahnhof errichten. Nach einem Architektur-Wettbewerb entschied man sich für die Entwürfe der Berliner Architekten Reinhardt und Süßenguth, die allerdings noch Einreden von Kaiser Wilhelm II. berücksichtigen mussten. Der soll die geplanten Jugendstilelemente als „einfach scheußlich“ und viel zu modern empfunden haben. Die Architekten mussten sich seinem bekannt antiquierten Kunstgeschmack fügen und die Fassaden im Stil der Neorenaissance verändern. Mit Türmen und mächtigen Toren, die noch heute burgförmig wirken. Denn seine Majestät hatte zwei Jahre zuvor, 1898, den imposanten Backsteinbau des Altonaer Bahnhofs höchstpersönlich eingeweiht. Und 1903 weihte Wilhelm Zwo auch den neuen Dammtor Bahnhof ein, mit einem Sondergleis für seinen kaiserlichen Zug und mit exklusiven „Fürstenzimmern“ im Erdgeschoss. So wurde er mal wieder seinem Image gerecht, dem Ruf besonders reiselustig zu sein. Ein Spottvers charakterisierte damals die drei Hohenzollernkaiser so:

„Der erste war der greise Kaiser, der zweite war der weise Kaiser, der dritte ist der Reisekaiser.“

Gemeint waren Wilhelm I., Friedrich III. (der 99-Tage-Kaiser) und Wilhelm II. Das Innere des neuen Hauptbahnhofs war allerdings hochmodern. Die imposante Bahnhofshalle, aus Metall und Glas nach dem Vorbild der Galerie des Machines auf der Pariser Weltausstellung von 1889 errichtet, ist 121 Meter lang, 74 Meter breit und 37 Meter hoch. Sie ist bis heute die größte Bahnhofshalle in Deutschland. Schon seit 1933 gab es von hier aus eine regelmäßige Verbindung mittels Schnelltriebwagen nach Berlin, den sog. Fliegenden Hamburger. Der schaffte die ca. 290 Kilometer lange Distanz zwischen den beiden Städten in 2 Stunden 18 Minuten, was erst der ICE ab 2006 unterbieten konnte, mit eineinhalb Stunden Fahrzeit. Und schon 1931 gab es Experimente mit einem sog. Schienen-Zeppelin zwischen Bergedorf und Spandau, angetrieben durch einen Flugzeugmotor. Womit der Schienen-Zepp bis zu 230 Stundenkilometer in der Spitze erreichte.

Michael Dominidiato – der Motivator
Die Herausforderung des heutigen Bahnhofsmanagers Michael Dominidiato: er muss in dieser kaum veränderbaren „Hardware“ Bahnhofsgebäude den kontinuierlich wachsenden Bahnverkehr möglichst störungsfrei organisieren. Dominidiato, hier in Norddeutschland geboren und aufgewachsen, ist ein gleichermaßen verbindlicher wie zupackender Mann, der viele Erfahrungen gesammelt hat: Er war Chef der Konzernsicherheit hier im Norden, leitete das Stationsmanagement der Hamburger S-Bahnen (heute sein größter Kunde) oder deren ServiceCenter. Er ist ein erfahrener Öffentlichkeitsarbeiter und war Trainer bei DB Training. Kurz gesagt ein engagierter Motivator, was man merkt, wenn man mit ihm durch seinen Arbeitsbereich, den Bahnhof, geht. Immer wieder Grußworte nach rechts und links, wo immer er einen seiner insgesamt 190 Mitarbeiter antrifft. Ihre Fragen werden sofort beantwortet, eventuell aufgetretene Probleme zur Kenntnis genommen und so schnell wie möglich abgestellt: „Im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen immer die Reisenden, unsere Kunden“, lässt er mich beim gemeinsamen Rundgang wissen.

Hamburg Hbf mit großer Abfahrtspünktlichkeit
Die alltägliche Zahl an Herausforderungen ist nicht gerade gering. Für die bis zu 2.200 An- und Abfahrten hat Dominidiato gerade mal 6 Bahnsteige mit 14 Gleisen zur Verfügung: 4 Bahnsteige mit 8 Gleisen für Fernreisezüge und Regionalbahnen, 2 mit 4 Gleisen für die S-Bahn sowie zwei Durchfahrtgleise ohne Bahnsteige für den Güterverkehr. Die quer laufenden U-Bahnen fahren durch darunter liegende Tunnel.
„Für die Abwicklung des Regionalverkehrs haben wir mehrere Bahnsteige mit den beiden jeweiligen Gleisen geteilt“, erläutert er mir vor Ort am Bahnsteig 5 mit den Gleisen 11 und 12. Regionalzüge sind in der Regel kürzer, sie kommen aus Nord oder Süd und können so von beiden Seiten auf dem gleichen Gleis einlaufen. Und den Bahnhof auch wieder in ihrer Einfahrtrichtung verlassen. „So können wir doppelt so viele Regionalzüge fahren lassen“, erklärt mir Dominidiato. „Natürlich versuchen wir auch alles, um die Ein- und Aussteigzeiten einzuhalten oder sie bei Verspätungen abzukürzen“, fügt er an. Man hat das Bahnsteighäuschen auf Bahnsteig 6 vor den Rolltreppen gedreht, den Auskunftsschalter also weg von den Treppen, um so Menschenstaus zu vermeiden. Die bisher quer stehenden Abfallbehälter wurden ebenfalls gedreht und blockieren nun die Wege deutlich weniger. Die Mitarbeiter versuchen bereits vor der Zugeinfahrt sichtbar gewordene Ansammlungen von Reisenden aufzulösen, um das Zeit kostende Gedränge beim Ein- und Aussteigen zu vermeiden. Das alles hat dazu beigetragen, dass Hamburg ein Bahnhof mit großer Abfahrtspünktlichkeit wurde, gut drei Viertel der Züge fahren hier pünktlich ab.

Service, Sauberkeit, Sicherheit
Pro Jahr bekommt der Hauptbahnhof 15.000 angemeldete Serviceaufträge für Mobilitätseingeschränkte. Da wird z. B. Rollstuhlfahrern beim Zu- oder Umsteigen geholfen. „Unser Hauptbahnhof ist weitgehend barrierefrei“, erläutert Dominidiato, „aber es kann schon mal vorkommen, dass ein Fahrstuhl an einem Bahnsteig kurzfristig ausfällt. Leider gibt es immer wieder Vandalismus.“ Was dann tun? „Zur Not muss man dann einen Zug mit mehreren Behinderten an Bord auf ein anderes Gleis umleiten.“ Pro Jahr werden zudem rund 11.000 Fundsachen registriert und warten im Fundstellenbüro auf Abholung.

Ein sog. „3-S-Konzept“ sorgt bundesweit für guten Service, für Sauberkeit und Sicherheit. Umgesetzt werden muss es individuell auf jedem Bahnhof. Über die Serviceangebote habe ich eingangs berichtet. Natürlich müssen die Bahnsteige und die Zugänge regelmäßig gesäubert und die Abfallbehälter geleert werden. Für Sicherheit sorgen im Bahnhof die Bundespolizei, früher als Bahnpolizei bezeichnet, und DB Sicherheit. Und es gibt Notruf- und Informationssäulen sowie die Möglichkeit, sich stets an Bahnbedienstete zu wenden. Vor dem Bahnhof, an der Kirchenallee auf dem Hachmannplatz, sorgt die Hamburger Landespolizei für Ordnung, denn dieses Gelände ist städtisch. Für die vielen Tauben rund um den Hauptbahnhof hat man sich aktuell etwas Besonderes einfallen lassen. Auf der westlichen Bahnhofsseite zeigt mir Herr Dominidiato einen neu eingerichteten Taubenschlag, hoch oben in einem der Bahnhofstürme am Steintorwall. „So eine Art Taubenlounge“, wirft er lachend ein, „dort werden die Vögel artgerecht gefüttert und halten sich darum gern in diesem Schlag auf. Wir glauben, dass auch 80 Prozent ihres anfallenden Kots im Taubenschlag bleiben, und wenn man die bebrüteten Eier überwiegend durch Gipseier ersetzt, wird die Population auf ein erträgliches  Maß reduziert.“
Erwähnt seien noch die beiden Luftschutzbunker unter dem Hachmannplatz bzw. unter dem Steintorwall. Letzterer ein dreistöckiger Tiefbunker für 2.700 Menschen mit 3,75 m dicken Betonwänden und doppelt so groß wie sein Pendant unter dem Hachmannplatz. Während des Kalten Kriegs in den 60er bis 70er Jahren wurden diese sogar wieder aufgerüstet und mit modernen Drucktüren, Lüftungsfilteranlagen und Notstromaggregaten ausgestattet. Als Absicherung gegen einen für damals möglich gehaltenen Atomangriff. Interessenten können den Bunker an bestimmten Tagen besichtigen – Näheres erfahren Sie unter :
www.hamburgerunterwelten.de/Bunker-Hamburg-Hauptbahnhof

Bleibt noch die Shopping-Mall in der früheren Wandelhalle, mit täglich von 7 bis 22 Uhr geöffneten Läden. Der Frischemarkt  Edeka Tamme sogar bis 23 Uhr! 70 Einzelhändler und Dienstleister machen hier den Hauptbahnhof zu einem Einkaufsbahnhof. Mehr als ein Dutzend Gastronomiebetriebe, Gourmetstationen und Take-Away-Ketten sowie zahlreiche Lebensmittelanbieter. Hier können Hamburger und Reisende Mitbringsel und kleine Geschenke erstehen: Blumen, Kosmetik, Klamotten, Fotoartikel, Süßigkeiten, Tee oder Kaffee, vieles made in Hamburg. Hier kann man Theaterkarten kaufen und Mietwagen buchen. In der gut sortierten Buchhandlung Press & Books hat die Zeitschrift Schöner Wohnen eine kleine Leselounge für jedermann eingerichtet, mit wechselnden aktuellen Sitzmöbeln. Zum „schöner warten“ bei spannender Lektüre.

Ob Stadtgeschichte oder Kulinarik: Autor Heinz H. Behrens weiß Spannendes zu berichten.

Blick in die Zukunft
Gern möchte man den Hauptbahnhof noch nutzerfreundlicher und verkehrssicherer machen. Am Hauptbahnhof – auf der Seite Steintorwall – soll ab 2018 eine neue Ladengalerie errichtet werden. Zudem soll eine aktuelle Verkehrsuntersuchung der Stadt im Jahr 2017 klären, welche zusätzlichen Verbesserungsmaßnahmen rund um den Hauptbahnhof in den kommenden Jahren möglich sind.

Text: Heinz H. Behrens