Frehn Hawels Kolumne:
Gestatten – Bernd Begemann

Getroffen haben sich Bernd Begemann und Frehn Hawl im Schanzenviertel bei Herrn Max. | Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

Kolumnist Frehn Hawel trifft eines der wichtigsten musikalischen Aushängeschilder Hamburgs

Eine denkwürdige Szene: Bei einer Zusammenkunft von internationalen Musikjournalisten und Musikwirtschaftenden aus der Hansestadt waren auch diverse Musiker geladen, die der Reihe nach vorgestellt wurden. Alle bekamen ein anerkennendes Nicken und weiter gings. Als jedoch sein Name fiel, brandete sofort langanhaltender Applaus auf – besonders von Seiten der Musiker-Kollegen – wahrscheinlich die größtmögliche Respektsbekundung.

Meine sehr verehrten Damen und Herren – die Rede ist von Bernd Begemann, einem der wichtigsten musikalischen Aushängeschilder Hamburgs! Wer einmal auf einem seiner Konzerte war, versteht umgehend, warum einem als Selbst-Musizierender gar keine andere Wahl bleibt, als den Hut zu ziehen: Der gebürtige Bad Salzuflener verfügt über ein geradezu beängstigend großes Lieder-Repertoire (laut Eigenaussage 700 seiner eigenen Lieder plus fast die gleiche Anzahl an Standards wie beispielsweise „Dock of the Bay“ uvvvvvvm.), das er jederzeit vor fünf oder fünftausend Zuschauern zu Gehör bringen kann. Das allein wäre schon beeindruckend genug, aber nur die halbe Wahrheit, denn wie kein Zweiter beherrscht Bernd Begemann die Kunst, sein Publikum in seine Shows einzubeziehen. Ob spontane Einfälle, die ihm beim Spielen gerade in den Sinn kommen, ob Zwischenrufe, auf die er umgehend reagiert – stets ist man verblüfft, woher er sein schier unerschöpfliches Musik- und Allgemeinwissen innerhalb von Sekundenbruchteilen herzuzaubern weiß. Und das auf charmantest mögliche Art und Weise. Ich rate Ihnen, nehmen Sie sich vor dem Besuch eines seiner Konzerte fest vor, ihn auf keinen Fall mögen zu wollen – es wird Ihnen nicht gelingen. Nach spätestens zwei Songs und seiner Aufforderung „Macht Lärm“ werden Sie genau das tun.
Im heutigen Heer unzähliger gefallsüchtiger Richtigmacher mit einstudierten Lachern muss man für einen wie ihn umso dankbarer sein: Einer der letzten großen Entertainer, dessen Ecken und Kanten die halbe Show ausmachen und dessen Kunst tatsächlich von Können kommt: They don’t make’em like that anymore.
Ich habe Bernd anlässlich seines jüngst erschienenen Albums „Eine kurze Liste mit Forderungen“ getroffen, ein Werk mit 28 Stücken – in Vinylformat gerechnet ungefähr ein „Triple Album“. Warum so viele Songs? „Ich habe mit dieser Platte schon ein episches Werk angestrebt, ich meine, klar – die Songs für sich sollen knuffige Popsongs sein, aber zusammengenommen soll man merken, dass es ein epischer Blick auf die Gegenwart ist – ein bisschen wie ein Jonathan Franzen oder Balzac Roman.“ Das trifft es gut. Denn seine Songtexte lesen sich oft wie Dialoge, in denen Perspektiven aufeinander knallen – wie in einem guten Drama. Und mit jedem Hören dringt man tiefer in diese Welt vor. „Songs sind eben wie meine Zaubersprüche oder meine Mantren. Ich liebe die Kunstform des Songs über alles. Ich liebe zudem das verbale Element in der Musik, diese wundervolle Verbindung zwischen Klang und Wort und die Färbung durch den Rhythmus. Außerdem hatte ich keine Lust, ein Buch zu schreiben. Das kann man machen, wenn man zu alt zum Touren ist.“ Apropos Touren: Begemann und seine Band sind auf der Bühne stets im Anzug zu sehen – wie machen die Textilien seine bis zu drei Stunden im Rampenlicht mit? „Oh, gar nicht. Sie gehen kaputt. Anzüge sind gemacht für Leute, die den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen und abends vielleicht mal einen Cocktail schlürfen. Wir benutzen sie auf Bühnen – und stehen damit in einer guten Tradition, auf die man auch ein bisschen stolz sein. Der Überlebende von Sam und Dave (Anm. Soul Duo mit dem Hit „Soul Man“) sagte einmal, dass die gesamte Band alle zehn Shows neue Anzüge gebraucht hätte.“

Sein neues Album „Eine kurze Liste mit Forderungen“ / Popup (Cargo Records)
Sein neues Album „Eine kurze Liste mit Forderungen“ / Popup (Cargo Records)

Die neue Platte wurde live eingespielt, weil Bernd Begemann der Aspekt des Zusammenspiels der Band für dieses Album enorm wichtig war – denn genau in dieser gemeinsamen Interaktion zeigt sich das wahre Wesen von Musik. Und bei seinem exorbitanten Backkatalog an Liedern, die es abrufbereit zu haben gilt, habe seine Band „eine Art zu spielen entwickelt, die wie Jazz ist – also nicht wie Instrumental Jazz, sondern eher wie Song-Jazz, und wir können das auf eine Art, die die Abende sowohl für uns als auch für die Zuschauer interessant macht.“ Das nennt man in der Fachterminologie „Organisches Zusammenspiel“ – ein Level, das sich erst nach Erreichen eines telepathischen Verständnisses untereinander einstellt. Wie ist es bei seinen vielen Shows auf den unterschiedlichsten Bühnen – gibt es da nicht auch mal ein paar Abende, an denen der Funke nicht überspringt? „Ich höre in den Raum rein und versuche, etwas Spezielles anzufertigen nur für diesen einen Abend – und es ist letztlich immer etwas da, auf das man aufbauen kann.“ Wie man nun sicherlich erahnt, sind seine Konzerte alles andere als durchformatierte Standardereignisse – und das muss auch so sein. „Wenn ich ins Kino gehe, will ich ja auch etwas fühlen – und ich verstehe Konzerte genau so. Wofür stehst du? Was bringst du mir? Was kannst du mir zeigen, das ich vorher noch nicht kannte? Das alles muss mir eine künstlerische Darbietung liefern können – sonst wird Musik doch immer mehr zur beliebigen Lifestyle-App.“ Es ist gut, dass es Leute wie ihn gibt, die einem dies ins Gedächtnis rufen.


Tipp: Herr Max

Das Interview fand in der Konditorei und Patisserie Herr Max im Schulterblatt statt. Dort gibt es einige der besten hausgemachten Kuchen und Torten der Stadt. Unbedingt auch den Cheesecake probieren!


Über den Autor Frehn Hawel:

Wo Frehn Hawel ist, spielt die Musik. Für die Konzertagentur Karsten Jahnke sorgt er mit dafür, dass die internationalen Stars nach Hamburg kommen und mit ihren Live-Shows die Fans begeistern. Er ist einer der Entscheider des Hamburger Reeperbahn Festivals und hat als leidenschaftlicher Garagenrocker, Gitarrist und Sänger mit seinen Bands Tigerbeat, Neat Neat Neat und The Last Things bereits selbst drei Platten aufgenommen.