Frehn Hawels Kolumne: Leben für den Pop

Der Hamburger Musiker Dirk Darmstaedter: heute noch so leidenschaftlich wie vor 25 Jahren | Foto: Corinna Nogat für HANSEstyle

Frehn Hawel trifft Dirk Darmstaedter

Dirk Darmstaedter: geboren in der Hansestadt, aufgewachsen in Teaneck (New Jersey/USA), zurückgekehrt nach Hamburg Wellingsbüttel mit elf Jahren, mit seiner Band – The Jeremy Days – zwischen 1988 und 1996 mit über fünf Alben Wegbereiter des englischsprachigen Gitarrenpop mit Qualitätsanspruch aus Deutschland. Von 2001 bis 2014 war er als Mitbegründer beim Hamburger Plattenlabel Tapete Records dabei (im Jahr 2003 saß ich Labelchef Darmstaedter gar selbst als Musiker mit meiner Band Tigerbeat gegenüber). Seit der Auflösung von The Jeremy Days ist er als Solokünstler mit gleichbleibend hohem musikalischem Standard aktiv – Dirk Darmstaedter meint es ganz eindeutig ernst mit seinem Leben für die Musik. Das ist in jedem seiner Songs zu hören.

Ich selbst kam mit Dirk Darmstaedter, oder besser gesagt mit seiner Musik, erstmals 1988 in Berührung, als mein damals bester Freund Heiko von einem Praktikumstag der in Hamburg ansässigen Plattenfirma Polydor mit einer Menge neuer Platten zurückkam, darunter auch das Debüt der Band The Jeremy Days. An der Band war in dieser Zeit kein Vorbeikommen, sie sahen einfach zu gut aus und sie regierten förmlich die Stadtmagazine – was uns als lupenreine Indie-Schnösel und Fans englischer Gitarrenbands wie The Smiths oder Lloyd Cole & The Commotions natürlich sofort misstrauisch machte. Solche Musik aus Hamburg? Das konnte niemals gut sein. Heiko legte die LP auf. Wir hatten uns geirrt.

Sein Qualitätsanspruch und der Sinn für feine Melancholie hat Darmstaedter bis heute nicht verlassen – eben sowenig das Gespür für tolle Gitarren-Pop-Songs mit Tiefgang, von denen sein neuestes Album „Before We Leave“ gleich elf Stück bereithält. „Ich war und bin ein großer Verfechter der Popmusik im Sinne von populär. Wir wollten die nächsten Beatles sein, es ging uns immer darum, tolle Songs zu schreiben, die die Welt dann teilt“, erzählt Darmstaedter. Sein neues Album beinhaltet neben der CD natürlich auch 180g Vinyl mit Klappcover (selbst bei der iTunes Veröffentlichung wird ein digitales Booklet hinzugefügt). Das macht deutlich, dass hier jemand aus unbedingter Liebe zur Musik an wertvollen Dingen festhält, die ein Album noch zu dem machen, was es unter künstlerischen Gesichtspunkten ja immer sein sollte: zu etwas Besonderem. „Ich kann einfach nicht anders“, erklärt der Musiker. „So eine Platte ist die Arbeit von zwei Jahren – und wenn ich sie dann rausbringe, muss sie auch haptisch etwas hermachen. Musik ist sehr wichtig – entsprechend muss mit ihr umgegangen werden.“

Ich traf Dirk Darmstaedter in der Idol Bar (Feldstraße 37a, 20357 Hamburg). Wir sprachen über seine Kindheit und ganauso darüber, wie er es schafft, trotz der radikalen Veränderungsprozesse in der Musikindustrie unbeirrt an seiner Vision festzuhalten. Und über sein Verhältnis zu Hamburg als Heimat und Musikstadt haben wir natürlich auch geredet. Zum Beispiel erzählt er auf die Frage, warum er immer noch in Hamburg lebt: „Es ist wirklich erstaunlich, dass ich noch hier bin. Denn ich war der Darmstaedter in unserer Familie, der immer nur rumgemosert hat, während sich alle anderen in Hamburg immer total wohl gefühlt haben. Ich habe immer gesagt, dass sich niemand Hoffnung machen muss – ich ziehe eh bald weg. Lustigerweise lebe nur ich noch immer hier. Vielleicht hat meine langjährige Konfrontation und Ablehnung der Stadt gegenüber auf wundersame Weise zu einer Verbundenheit geführt. Manchmal entstehen erst dann wirklich tiefe Verbindungen zu etwas, wenn man sich richtig daran abgearbeitet hat. Ich mag sogar inzwischen Nieselregen! (Wenn man einen so famosen Sturmschirm hat wie er, sagt sich das sicherlich auch leicht.)

HANSEstyle: Geboren in Hamburg, aufgewachsen in New Jersey – wie groß war für dich der Kulturschock, aus den USA wieder zurück nach Hamburg zu kommen?
Dirk Darmstaedter: Ich bin als Elfeinhalbjähriger in Hamburg- Wellingsbüttel gelandet, das Wetter war grauenhaft, es gab kein Baseball – wie man sich vorstellen kann, war ich stockunglücklich. Es waren ja auch noch andere Zeiten als jetzt, wo man mit seinen Kumpels via Facebook weltweit Kontakt halten kann. Als ich damals am JFK Flughafen in den Flieger nach Old Europe stieg, dachte ich, dass ich alle meine Freunde nie wiedersehen würde. Ich fühlte mich hier wie im Exil: in Amerika war alles bunt, Donald Duck und Warner Brothers – und hier fand ich alles irgendwie grau. Hohe Hecken, komische Leute, komische Sportarten. Glücklicherweise habe ich kurz darauf die Musik für mich entdeckt und mich ohne wenn und aber voll reingehängt. So stand ich bereits als Zwölfjähriger in der Mönckebergstraße und hab Straßenmusik gemacht und bin ab Dreizehn mit Interrail nur mit meiner Gitarre durch ganz Europa gereist.

Mit Dreizehn? Das hättest du doch noch gar nicht gedurft.
(Lacht) Naja, meine Eltern waren offenbar froh darüber, dass ich mein Ding gefunden hatte und dass ich dabei glücklich war und sie haben mich gehen lassen. Und von daher wurde Live spielen für mich das Tollste der Welt. Platten machen ist auch toll, aber live spielen – darum geht es für mich noch mehr. Zudem gab mir diese Erfahrung ein gewisses Urvertrauen – während all meine Freunde in den Ferien in der Knäckebrotfabrik gearbeitet haben, habe ich mein Geld mit Gitarrespielen verdient – ich habe bis heute noch nie einen anderen Job gemacht. (Damit ist er tatsächlich in der Tradition vieler berühmter Musiker der Sechziger, die dabei geblieben sind, Musik zu machen, eben auch, weil das früher mal ein echt einträgliches Erwerbsmodell darstellte.)

Wie geht das für dich in der heutigen Zeit der Downloads und Streamings und des schnellen Konsums, eine Platte auf 180 Gramm Vinyl (klingt wirklich super!), auf CD und sogar auf iTunes mit Booklet rauszubringen? Zudem dann, wenn man wie du ab jetzt alles komplett allein steuert und finanziert?
Hm. Irgendwie kann ich nicht anders. So ‘ne Platte ist ja die Arbeit von zwei Jahren – und wenn ich die dann rausbringe, muss es auch haptisch was hermachen. Ich möchte, dass es davon Vinyl gibt und so weiter – und natürlich frage ich mich, ob das die paar Leute, die sich das dann im Stream anhören, auch zu schätzen wissen. Aber ich habe kürzlich in einem Buch über Alex Chilton (einflussreicher, doch letztlich unerfolgreicher US Musiker, The Box Tops, Big Star) ein interessantes Zitat gefunden: Chilton meinte, wenn man seine Platten immer nur in Auflagen von hundert Stück rausbringt, könne man sich sicher sein, dass die wichtigsten hundert Leute der Welt diese Platten irgendwann besitzen werden. Ich bringe zwar etwas mehr als diese Auflage heraus – aber an diesem Gedanken halte ich mich fest, wenn mal Frust aufkommen sollte. Musik ist zu wichtig und zu schön, um sie nur irgendwie darzubieten, das darf man mit Musik nicht machen. Ich habe da zu viel Respekt vor. Wenn das am Ende nur ein paar hundert Leute interessiert, dann ist das eben so. Ich versuche nach wie vor so lange ich kann die schönsten Songs zu schreiben, sie toll aufzunehmen und dann eben auch mit einem schönen Cover zu versehen. Alles Weitere liegt dann in anderen Händen. Dennoch bin ich ein großer Verfechter von Pop Musik im Sinne von populär. Wir wollten immer die nächsten Beatles werden – es ging immer um tolle Popsongs, die in dem von mir so geliebten Medium wie dem Radio laufen sollten. Deshalb schmerzt mich die Entwicklung der Radiolandschaft hierzulande schon stark. Ich möchte immer, dass die Welt diesen tollen Song dann teilt – ich schreibe nicht per se für eine kleine Personengruppe von Leuten.

Du wirst in zwei Tagen 50, hast dich komplett neu aufgestellt, was dein professionelles Umfeld angeht, indem du dich seit geraumer Zeit um alle Belange deiner Musik selbst kümmerst, dazu dieser Album Titel „Before We Leave“ – da gibt es doch einen Zusammenhang, oder?
Wow, du bist ja gut informiert (lacht). Mir ist das zunächst gar nicht so aufgefallen. Das Covermotiv sieht so aus, als ginge ich irgendwohin ab, es ist zudem relativ dunkel geworden, dazu noch den Titel – einige Leute haben das fast schon als ein geradezu morbides End-Statement verstanden. Ich hab das ganz anders gesehen. Ich liebe ja die Melancholie und auch so ‘ne gewisse Dunkelheit, weshalb ich meistens ohnehin gedeckte, dunkle Farben schöner finde – aber für mich ging es bei dieser Platte immer um das Gefühl des Aufbruchs – und der Titelsong gehört – meiner Meinung nach – zu einem der fröhlichsten und positivsten Songs, die ich je geschrieben habe. Der Gedanke dahinter war bloß, dass ein Abschnitt vorbei geht und ein neues Kapitel beginnt.

Nach so vielen Alben, die du gemacht hast – hat man da nicht irgendwann das Gefühl alles gesagt zu haben – wie geht man da an die Themen ran – oder erneuern die sich durch das gelebte Leben quasi von selbst?
Die Frage stellt sich jedes Mal wieder, wenn man ein leeres Blatt vor sich hat und einen neuen Song schreibt. Ryan Adams hat mal gesagt, dass Songs schreiben ein bisschen wie Fischen ist: Du musst dich nur lange genug an einen Fluss setzen und irgendwann kommen schon ein paar ordentliche Fische vorbei. Aber: Wie jede andere Kunstform hat es letztlich auch viel mit echter Arbeit und Hingabe zu tun. Und bisher war es noch immer so, dass nach langem Kampf mit mir selber und nach zehn miesen Songs der elfte dann ganz vielversprechend wurde. Man darf in so einer Phase nur nicht den Fehler machen, sein Schaffen mit Imagine von John Lennon zu vergleichen – dann hat man ein echtes Problem (lacht). Ich sammle zum Beispiel jede Menge Song-Titel in einem Sketchbook, die mich dann auf eine Geschichte bringen – einen Titel zu haben, ist oft schon die halbe Miete. Ein guter Text dauert am längsten und ist emotional am aufreibendsten.

Auf deutsch zu singen käme für dich nie in Frage – mal abgesehen von der Platte mit Bernd Begemann, oder?
Ja, das mit Bernd war ja ne andere Sache. Natürlich ist es so, dass Deutsch meine Muttersprache ist. Aber Englisch genauso – damit bin ich ja aufgewachsen. Manchmal denke ich, Englisch ist sowas wie meine „Geheimsprache“ – ich denke oft englisch, lese Bücher auf Englisch – es ist eben die Sprache meiner Kindheit. Ich gehe ans Englische auch verspielter ran als an die deutsche Sprache.

Du hast mit Bernd Begemann Country Platten aufgenommen, Coverversionen geschaffen, die teilweise besser als die Originale sind und so weiter – wie erarbeitet man sich so eine Bandbreite an Stilistiken?
Ich mache im Prinzip nichts anderes als als Dreizehnjähriger, nämlich mir irgendwelche tollen Songs zu schnappen, mir die rauszuhören und zu singen. An einem Sonntagnachmittag gibt es nichts besseres – und es ist immer auch ein bisschen, wie zur Schule zu gehen, Songs, die man mag auseinanderzunehmen und zu versuchen, daraus eine eigene Version zu machen. Alles, was ich über Komposition weiß, habe ich genau so gelernt.

Dennoch klingt alles, was du machst, immer eindeutig nach dir. Damit kann man, wenn man es richtig anstellt, in Würde altern. Du kriegst das ja ziemlich gut hin – gibt’s ’nen Geheimtipp?
Nö – einfach immer weitermachen. Selbst wenn ich mir vornehme, einen Song komplett anders als alles vorher zu komponieren und dabei irgendwelche Dance Grooves verwende – wenn ich sie dann meinem Kumpel Lars vorspiele, sagt er: „Cooler Song. Klingt wie immer nach Dirk.“ Man kommt nicht aus seiner Haut. Meine musikalische Sozialisation ist so tief, dass nicht nur ich am Tisch sitze, sondern irgendwo ganz klein auch Burt Bacharach, die Beatles, Paul Weller – all diese Sachen haben mich so geformt. Stücke aufnehmen ist ja eine Reihe von Entscheidungen – für jeden Ton, den du spielst, könntest du auch zehn andere nehmen. Unbewusst entscheidet deine musikalische Sozialisation also immer mit.

Du hast zwölf Jahre lang bei Tapete Records gearbeitet. Dennoch hast du in dieser Zeit deinen Output nicht wesentlich zurückgeschraubt. Wie ging das?
Diese Zeit bei Tapete hatte natürlich auch viele Vorteile, da ich auf ein funktionierendes Netzwerk Zugriff hatte. Das mache ich heute eben alles selbst – gehört eben auch zur Job-Beschreibung des Musikers 2.0 in 2015. 1987 bestand die darin, Zuhause in der Küche einen Earl Grey Tea nach dem anderen zu machen und tolle Songs zu schreiben. Die habe ich dann meiner Band vorgestellt und viele andere Menschen (Management/Plattenfirma/Bookingagentur/Promotion) haben das dann hinaus in die Welt getragen. Ich habe mir damals keinerlei Gedanken über diesen Punkt hinaus gemacht. Heute bin ich Songschreiber, Toningenieur, Videoproduzent, Booker und Promoter in eigener Sache. Durch meine Neugier fällt es mir relativ leicht mich mit solchen technischen Gerätschaften vertraut zu machen – aber manchmal denke ich schon: Wow, was heutzutage von einem Künstler verlangt wird, bis man seine Show auf die Straße bringen kann. Die wenigsten sehen oder wissen, dass all das, was hinter einer Platte oder einem Konzert steht, ne ganz schöne Anforderung ist – das noch kombiniert mit einem Ertrag, der quasi gegen null geht, da fragt man sich manchmal schon, warum man das alles macht. Aber all das passiert getragen von einem romantischen Idealismus. Wie Adenauer mal über junge Familien sagte „Kinder machen sie immer“ scheint es mir, dass man gegenüber uns Musikern in punkto Platten machen eine ähnliche Vorstellung hat, quasi „die können eh nicht anders…“

Du bist viel rumgekommen – wie siehst du im Vergleich Hamburg als Musikstadt?
Das Erstaunliche ist, dass ich immer noch da bin. Denn ich war der Darmstaedter in unserer Familie, der immer nur rumgemosert hat: „Ich bin hier eh bald weg, macht euch keine Hoffnung“. Während die sich hier total wohlgefühlt haben. Lustigerweise lebe nur ich immer noch hier. Vielleicht hat meine langjährige Konfrontation und Ablehnung der Stadt Hamburg gegenüber auf wundersame Weise zu einer Verbundenheit geführt – ich mag sogar inzwischen Nieselregen! (Wenn man einen so famosen Sturmschirm hat wie er, sagt sich das sicherlich auch leicht) Durch das sich abarbeiten an Dingen entstehen oft erst wirklich tiefe Verbindungen. Wenn alles immer nur einfach ist, ist es auch einfach mal schnell weg. Und zur Musikstadt: Historisch gesehen ist Hamburg ja seit jeher ein Hotspot wie alle Hafenstädte – es gab immer tolle Clubs, immer eine gute Szene. Die ersten Little Richard Singles kamen hier an. Meine ganz persönliche Meinung dazu ist ja, dass Hamburg sich immer durch die Verbindung Kunst und Rock n Roll aber eben auch typischen Merkmalen einer Handelsstadt ausgezeichnet hat. Die Hamburger per se kriegen – egal was es ist – hin, aus allem in irgendeiner Form ein Produkt zu machen, das hergestellt und vertrieben werden kann. Und das gilt letztlich auch für die Indie Rock Szene. In Berlin ist das viel unverbindlicher. Aber hier kriegen selbst die letzten Spacken dank ihrer hanseatischen Ader es hin, dass aus ihrer Idee im Proberaum eine Platte wird. Und auf einmal entstehen gesamte Szenen. Hamburg hat es immer geschafft, dass seine Szenen etwas erschaffen haben, was dann raus gehen konnte in die Welt. Dabei gibt es hier bestimmt nicht mehr Bands als in Berlin oder Stuttgart.


Über den Autor Frehn Hawel:

Wo Frehn Hawel ist, spielt die Musik. Für die Konzertagentur Karsten Jahnke sorgt er mit dafür, dass die internationalen Stars nach Hamburg kommen und mit ihren Live-Shows die Fans begeistern. Er ist einer der Entscheider des Hamburger Reeperbahn Festivals und hat als leidenschaftlicher Garagenrocker, Gitarrist und Sänger mit seinen Bands Tigerbeat, Neat Neat Neat und The Last Things bereits selbst drei Platten aufgenommen.