Frehn Hawels Kolumne:
Konfetti

Marcus Wiebusch in der Rösterei Torreefaktum. Egal ob Punk oder Pop: Seine Texte machen die Musik
Foto: Ulrich Lindenthal-Lazhar für HANSEstyle

Kolumnist Frehn Hawel trifft Marcus Wiebusch. Der Hamburger Musiker hat gerade erfolgreich sein Soloalbum Konfetti veröffentlicht. Wird es trotzdem mit seiner Band Kettcar weitergehen?

Der baumlange Marcus Wiebusch, 47, prägt die Musikszene der Hansestadt seit über zwanzig Jahren. Ob mit der Polit-Punk-Band „But Alive“, mit dem Ska Kollektiv „Rantanplan“, mit den großen Gitarren-Popsongs von Kettcar oder mit seinem ersten Soloalbum namens Konfetti. Ob als Labelbetreiber von B.A. Records und Grand Hotel Van Cleef, als Schauspieler (Keine Lieder über Liebe) oder Kurzfilmmacher – zu allem Schaffen des Marcus Wiebusch gehört immer auch eine klare politische Haltung, genauso wie der gesunde Pragmatismus des „Do it yourself“. Ich treffe den studierten Erziehungswissenschaftler und zweifachen Familienvater in der Rösterei Torrefaktum im Hamburger Stadtteil Ottensen.

Genau wie ich kam Marcus aus einem beschaulichen Ort (er aus Bienenbüttel bei Lüneburg, ich aus Kassel) Ende der 70er Jahre nach Hamburg (er landete auf der Veddel, ich in Volksdorf) – und obwohl die Stadtteile unterschiedlicher nicht hätten sein können, fühlten wir beide uns vom Tor zur Welt eher abgewiesen und hatten keinen leichten Start in der Hansestadt. Uns beiden hat die Musik (bei ihm Punkrock und Hardcore, bei mir New Wave und Modernism) geholfen, sich zu sozialisieren – nicht ohne Grund sind wir bis heute im Musikgeschäft. Marcus beschäftigte sich mit dem Thema noch tiefergehend, seine Diplomarbeit handelte von der „Bedeutung populärer Musik für die Entwicklung Jugendlicher (…)“.
Hat die Musik heute – in der sie zum fast überall und jederzeit verfügbaren Hintergrundgeräusch geworden ist – noch dieselbe Bedeutung wie früher? „Natürlich verändert sich die Musiklandschaft in ihrer Form im Moment dramatisch, das ist unbestritten. Die CD ist so gut wie tot, Downloads werden vom Streaming abgelöst – doch die Musik selbst wird immer Bestand haben. Solange es drei oder vier 18-Jährige gibt, die auf eine Bühne steigen und mit allem, was sie haben, Musik machen, wird es auch genügend Menschen geben, die das begeistert. So wird es immer sein.“


Wenn man diese sonore, nie aufgeregte Stimme einmal mag, würde man ihr auch dann noch gern zuhören, wenn sie Telefonbücher vorliest.


Obwohl mit dem Punkrock von But Alive ziemlich erfolgreich, löste Marcus die Band 1999 auf. 2001 die Gründung von Kettcar – die Musik deutlich mehr Richtung Pop. Doch Plattenfirmen taten sich schwer, nicht wenige fanden Kettcar zu alt. Wo nimmt man als Band in so einem Moment das Durchhaltevermögen her, trotzdem weiterzumachen, nicht aufzugeben? „Glücklicherweise ist man innerhalb einer Band ja niemals allein. Besonders Reimer (Anm. Kettcar Bassist Reiner Bustorff) und ich haben uns immer wieder gegenseitig befeuert. Es war vielleicht auch eine Art Trotzreaktion, die uns da durchgebracht hat.“ Am Ende ging die Sache ja erheblich mehr als nur gut aus und manche Plattenfirma, die nicht überzeugt war, dürfte sich wie der arme Tropf gefühlt haben, der seinerzeit die Beatles mit der Begründung ablehnte, „dass diese Sorte Musik ohnehin bald vorüber sein würde“.

Sind damals viele Fans der vorherigen Band But Alive zu Kettcar „mitgegangen“? „Auf jeden Fall – auch heute, bei meinem Solo-Album Konfetti, merke ich, dass es Leute gibt, die scheinbar immer dabei bleiben“, erzählt der Musiker. Ein Wunder ist das nicht, denn trotz aller musikalischer Stilwechsel bleibt eine entscheidende Konstante: Die Wiebusch Texte, die Intellekt und Herz gleichermaßen ansprechen. So befasst sich „Der Tag wird Kommen“ seines Soloalbums „Konfetti“ mit dem Thema Homophobie im Fußball. Obwohl der Song Textlastigkeit ist, verliert er nie den Swing. Überhaupt beschreitet Wiebusch auf Konfetti musikalisch oft Neuland, mehr Elektrosoundscapes statt Indie-Gitarren zum Beispiel. Doch das ist gar nicht das Entscheidende: Wenn man diese sonore, nie aufgeregte Stimme einmal mag, würde man ihr auch dann noch gern zuhören, wenn sie Telefonbücher vorliest. Konfetti ist ein sehr gutes Popalbum geworden, das jede Menge „sugar coated bullets“ bereithält, die über sehr zugängliche Songs komplexe Inhalte und gesellschaftliche Beobachtungen vermitteln.

Ich möchte wissen, warum er gerade jetzt ein Soloalbum veröffentlicht hat. Wiebusch antwortet: „Verschiedene Dinge haben sich ergeben, die letztlich einfach dazu geführt haben, dass es entstanden ist. Wie die Zusammenarbeit mit den Musikproduzenten Robert Koch, Philipp Steinke oder Moritz Enders oder die Mischung von Michael Ilbert (Grönemeyer, P!nk, Taylor Swift). Ich habe viele neue Erfahrungen gemacht – die sich definitiv auch positiv für Kettcar niederschlagen werden.“
Stichwort Kettcar: Das Album „Konfetti“ wurde sehr gut angenommen und die dazugehörigen Live Shows – mit neuen Musikern – waren fulminant. Für viele sah es danach aus, als würde die Solokarriere gleichbedeutend für das Ende von der Band Kettcar stehen. Doch wir können an dieser Stelle Entwarnung geben. Es wird weitergehen!


Über den Autor Frehn Hawel:

Wo Frehn Hawel ist, spielt die Musik. Für die Konzertagentur Karsten Jahnke sorgt er mit dafür, dass die internationalen Stars nach Hamburg kommen und mit ihren Live-Shows die Fans begeistern. Er ist einer der Entscheider des Hamburger Reeperbahn Festivals und hat als leidenschaftlicher Garagenrocker, Gitarrist und Sänger mit seinen Bands Tigerbeat, Neat Neat Neat und The Last Things bereits selbst drei Platten aufgenommen.