Frehn Hawels Kolumne:
Die Magie des guten Popsongs

Ihr aktuelles Album „We Were Here“ / Grönland Records | Foto: PR

Kolumnist Frehn Hawel trifft Boy

Nachdem ich Ihnen in den letzten Ausgaben vier Männer vorgestellt habe, wurde es nun langsam Zeit auch mal ein paar Protagonistinnen aus der Musikwelt zu Wort kommen zu lassen. Obwohl der Festivalkalender prallvoll ist, hat sich – darüber freue ich mich sehr – Deutschlands charmantester Pop-Export namens Boy die Zeit für ein Gespräch im Klippkroog genommen.

Ein guter Popsong kann einen zum Tanzen, einen zum Nachdenken bringen. Ein guter Popsong kann zum Beispiel auch Tröster oder Begleiter sein. Ein guter Popsong kann Augenöffner für einen völlig neuen Blickwinkel sein, für die versteckte Poesie im vermeintlich grauen Alltag, wie beispielsweise der Umstand, dass rote Autos tatsächlich in der Unterzahl sind („Little Numbers“). Boy beherrschen zweifelsohne die Magie des guten Popsongs: Die scharfsinnigen Beobachtungen in den Texten der aus Zürich stammenden Valeska Steiner im Einklang mit der Musik von Hamburgerin Sonja Glass entwickeln eine ungeheure emotionale Kraft.
Im Laufe unseres Treffens wird deutlich, dass die beiden über Musik und Text hinaus ein gutes Händchen haben – sei es bei der Wahl ihrer Entourage samt Plattenfirma als auch in geschäftlichen Belangen: Boy bilden ein äußerst stimmiges Gesamtkonzept. Ein wichtiger Bestandteil des immensen Erfolges.

Seit der Veröffentlichung ihres mittlerweile goldveredelten Debüts „Mutual Friends“ in 2011 und Hits wie „Little Numbers“, „Drive Darling“ oder „Oh Boy“ eroberten Boy nicht nur hierzulande, sondern neben dem benachbarten europäischen Ausland auch in den USA, Japan und neuerdings auch Brasilien die Herzen im Sturm. Überall trifft die Band auf ein textsicheres Publikum, dem ihre Songs weit mehr bedeuten, als nur der Soundtrack der Stunde zu sein. Das ist ein in jeder Hinsicht bemerkenswerter Erfolg.

Im August 2015 schließlich erschien ihr Nachfolger „We Were Here“. Das gesamte Klangbild ist durchweg sphärischer, die nach wie vor unbedingt lesenswerten Texte sind etwas abstrakter geworden, aber letztlich klingen Boy immer nach Boy – nach gekonnter Popmusik mit Tiefgang von internationalem Format. Damit sich die Songs voll entfalten können, muss man sich auf sie einlassen und genauer hinhören. Tut man das nur bedingt, erklärt das die von der hiesigen Presse teilweise gern unnötig gezückten Attribute wie „nett“ oder „harmlos“. Solche Beschreibungen greifen schon deshalb zu kurz, weil sie stets an der Oberfläche bleiben. In einigen Interviews hat man gar das Gefühl, als hätte man von den beiden als Nachfolger des erfolgreichen Debüts mindestens ein krudes Black Metal Album erwartet. Ein Phänomen, das nur hierzulande besonders stark ausgeprägt scheint, denn im Ausland findet eine viel deutlichere und tiefer gehende Auseinandersetzung m

it Musik und Texten statt, erzählt Valeska Steiner.

Womit die Frage, ob Bands aus dem deutschspra-chigen Raum ihre Songs auf Englisch singen dürfen, hinlänglich geklärt sein dürfte. Deutsche Texte waren für Valeska ohnehin nie ein Thema. „Wir haben uns zwar darauf eingestellt, dass es mit englischsprachiger Musik in Deutschland nicht leicht werden könnte, aber das hat nichts an unserer Herangehensweise geändert“. Stichwort Herangehensweise: Schnell haben beide herausgefunden, dass es für sie zielführender ist, die Songs getrennt voneinander zu schreiben, statt gemeinsam in einem Raum darauf zu spekulieren, dass die Inspiration beide gleichzeitig trifft. Sonja Glass, die als Bassistin (u.a. Goldjunge, Bosse) schon lange von der Musik lebt, entwickelt Songs und Soundcollagen Zuhause in ihrem Studio – komplett mit Gesangsmelodien, die sie Valeska Steiner aber nicht mitschickt. Valeska Steiner entwickelt daraufhin eigene Linien und Texte, schickt sie zurück an Sonja Glass, die dann wiederum ihre Grundidee an den Gesang anpasst. „So fühlt es sich trotz räumlicher Trennung wie gemeinsames Schreiben an“, berichten die Musikerinnen. Im Studio bringen die beiden alles zusammen, sind dort allein mit ihrem Produzenten Philipp Steinke – so hatten sie es schon bei ihrem Debüt gehalten. Zusätzliche Musiker werden immer zu den Erfordernissen des jeweiligen Songs hinzugezogen.

Zum Thema, wie es ihnen als Frauen im nach wie vor männerdominierten Musikgeschäft ergeht, ließ ihr Song „Boris“ vom ersten Album zunächst Schlimmes erah

nen (der Protagonist dieses Songs hält sich in der Rolle des jovialen Geldgebers mit seiner immens plumpen Anmache für unwiderstehlich) – ihre eigenen unschönen Erfahrungen liegen jedoch in weiter Vergangenheit. Beide Frauen wissen genau was sie wollen und haben bei jeder geschäftlichen Entscheidung das letzte Wort. Klar gibt es ein Management das zurate gezogen wird, dennoch sind Valeska Steiner und Sonja Glass diejenigen, die den Takt vorgeben. So auch bei der klugen Wahl ihrer Mitstreiter. Sei es die Plattenfirma, der die Kunst der beiden wirklich am Herzen liegt und deshalb auf unnötigen Druck, das dritte Album schnell abzuliefern, verzichtet oder ihr Management. Und nicht zuletzt auch ihre Live-Band, die sich zu großen Teilen aus Mitgliedern der Band „Fotos“ zusammensetzt und den Songs auf der Bühne einen zusätzlichen Energieschub verpasst. Die vielgeliebten Akustikversionen ihrer Songs sind übrigens nicht die Urversionen – es verhält sich interessanterweise exakt umgekehrt:

Backstage: Frehn Hawel trifft Boy | Foto: Frehn Hawel
Backstage: Frehn Hawel trifft Boy | Foto: Frehn Hawel

Diese kunstvollen Soundcollagen werden extra dekonstruiert – noch etwas, was bei Boy anders ist als bei vielen anderen Bands. An Hamburg schätzen beide die Vielfältigkeit der Musikszene und das Bewusstsein der Stadt für ihre kulturellen Biotope. Doch die beiden würden sich mehr interdisziplinären Austausch unter den Hamburger Künstlern, die doch sehr gern innerhalb ihrer gewohnten Kreise bleiben, wünschen. Denn etwas mehr Offenheit würde den Hamburger Musikerinnen und Musikern sicherlich guttun!


Tipp für Essen und Trinken:

Getroffen hat sich Autor Frehn Hawel mit Boy im „Klippkroog“, Große Bergstraße 255
www.klippkroog.de


Über den Autor Frehn Hawel:

Wo Frehn Hawel ist, spielt die Musik. Für die Konzertagentur Karsten Jahnke sorgt er mit dafür, dass die internationalen Stars nach Hamburg kommen und mit ihren Live-Shows die Fans begeistern. Er ist einer der Entscheider des Hamburger Reeperbahn Festivals und hat als leidenschaftlicher Garagenrocker, Gitarrist und Sänger mit seinen Bands Tigerbeat, Neat Neat Neat und The Last Things bereits selbst drei Platten aufgenommen.