Frehn Hawels Kolumne:
Der Big Apple und die Liebe

In dieser Kolumne geht es um ganz große Themen: Liebe – und New York. Wenn dann auch noch zwei Bands, die mich seit langer Zeit begleiten, genau diese Themen aufgreifen und die Alben zudem spannende neue Kapitel in der jeweiligen Bandhistorie einläuten, ist es für mich leicht, Empfehlungen auszusprechen.

TOCOTRONIC
„Tocotronic“
(Vertigo Berlin)

Foto: PR
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Wenn eine Band seit über zwanzig Jahren und nunmehr elf Alben ihre Ausnahmestellung in der deutschen Poplandschaft behaupten kann, hat das immer was mit hoher künstlerischer Qualität und dem Willen zu tun, sich, wenn nötig, stets neu erfinden zu können. Mitte der Neunziger in Hamburg als deutsch singender Gegenentwurf zum Lo-Fi Rock amerikanischen Ursprungs gestartet, führten ihr bewusst roher Sound und ihre klugen, sloganhaften Texte dazu, dass ihnen die Popnation inklusive des Feuilletons quasi umgehend zu Füßen lag. Als mit Album Nummer fünf „K.O.O.K.“ klar wurde, dass die Formel „krachiges Protestlied“ irgendwie ausgereizt war, vollzogen die „Tocos“ 2002 auf ihrem weißen Album einen radikalen Wechsel – mehr Mystik, weniger textliche Direktheit, weniger Rohheit, mehr kluger Pop – und legten so den Grundstein dafür, ihre Fans nicht zu bedienen, sondern zu fordern. Und reifen damit in Würde – ohne an Klasse und Relevanz einzubüßen. Jetzt also das rote Album, das sich thematisch der Liebe widmet – und einen erneuten musikalischen Kurswechsel vollführt. Weg von den vom US Underground oder klassischen Rock beeinflussten Gitarrensounds der Alben der „Berlin Trilogie“ und hin zum eleganten Gitarren-Pop, der nicht nur ein bisschen an Großtaten britischer Popmusik der 80er Jahre wie The Smiths, Lloyd Cole, New Order oder diverse andere erinnert und mit „Solidarität“ gar eine kammermusikalische Ballade bereithält, die man den Tocos der Neunziger mit Sicherheit niemals zugetraut hätte. Einzelne Songs herauszuheben täte dem „roten Album“ irgendwie Unrecht – es gibt nämlich keinen einzigen Ausfall auf der Platte. War auf dem Debüt „Digital ist Besser“ von 1995 nebenbei auch schon so. In diesem Sinne: Auf die nächsten zwanzig Jahre!


THE JON SPENCER BLUES EXPLOSION
„Freedom Tower – No Wave Dance Party“
(Mom & Pop Music)

Foto: PR
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Aufmerksame Leser meiner Kolumne wissen es bereits: Die Blues Explosion ist eine meiner liebsten Bands aller Zeiten. Kurz vor Eröffnung des neuen One World Trade Center hat die Band um US Underground Ikone Jon Spencer nun ein neues Album veröffentlicht, das als Hommage an ihre Heimat (und meine Lieblingsstadt) New York gedacht ist. Es ist ein wirklich grandioses Album geworden, das sich wie der Soundtrack der US Metropole ausnimmt: Krachig und laut – aber dabei auch genauso funky, mitreißend und bisweilen überkandidelt wie die Stadt selbst. Vor allen Dingen ist die zweite Platte nach der sechsjährigen Bandpause der Garant dafür, dass mit der New Yorker Underground Rock Institution auch weiterhin zu rechnen sein wird. Aufgenommen in den legendären Daptone Studios in Bushwick, knüpft „Freedom Tower“ direkt an ihre 1994er Großtat „Orange“ an, mit der die Band dem Garagen Rock eine gehörige Frischzellen-Kur verpasste, die die Karrieren der White Stripes oder Black Keys überhaupt erst möglich machte. Hier treffen Hip Hop Beats auf dreckigen Blues und krachende Rock-Gitarren, als gehörten sie immer schon zusammen und tragen so auch auf diese Weise dem kulturellen Schmelztiegel des Big Apple Rechnung.


Über den Autor Frehn Hawel:

Wo Frehn Hawel ist, spielt die Musik. Für die Konzertagentur Karsten Jahnke sorgt er mit dafür, dass die internationalen Stars nach Hamburg kommen und mit ihren Live-Shows die Fans begeistern. Er ist einer der Entscheider des Hamburger Reeperbahn Festivals und hat als leidenschaftlicher Garagenrocker, Gitarrist und Sänger mit seinen Bands Tigerbeat, Neat Neat Neat und The Last Things bereits selbst drei Platten aufgenommen.