Ein musikalischer Visionär

Mann mit Weltblick: Alexander Schulz im Tørnqvist in der Hamburger Detlev-Bremer-Straße

Frehn Hawel trifft Alexander Schulz, den Gründer vom Reeperbahn Festival und neuen Geschäftsführer vom Elbjazz.

Reeperbahn Festival, Theaternacht Hamburg, After Work Club – die Reihe der wohlklingenden Veranstaltungen, die Alexander Schulz mit seiner Firma Inferno Events der Hansestadt beschert hat, ließe sich durchaus fortsetzen. Seit diesem Jahr ist er zudem Geschäftsführer des Elbjazz, das in 2017 endlich wieder ein ausgesuchtes Programm an Jazz und Popkünstlern in der umwerfenden Kulisse des Hamburger Hafens und in der wenige Monate zuvor eröffneten Elbphilharmonie präsentieren wird. Sie sehen, in diesem Beitrag weiche ich davon ab, Hamburger Musikerinnen und Musiker vorzustellen, sondern ich widme mich einem Visionär, der für die Hamburger – und mit dem Reeperbahn Festival sogar für die bundesweite Musikkultur – zu einem wichtigen Impulsgeber geworden ist.

Wer hätte das damals ahnen können? Im Jahr 2000 lud die Hamburger Musik Institution RockCity neben Tocotronic, Stella und diversen anderen Hamburger Gruppen auch meine Band Tigerbeat ein, um auf der größten Musikmesse der Welt, der South By Southwest (SXSW) in Austin, Texas, zu spielen. Neben ausgewählten Hamburger Medien war damals auch Alexander Schulz vor Ort – und genau dort entstand seine Idee für das Reeperbahn Festival, das 2006 schließlich Premiere feiern und in seiner Entwicklung über bisher elf Jahre zu einer unglaublichen Erfolgsgeschichte werden sollte. Das Reeperbahn Festival ist Europas größtes Clubfestival und gilt mittlerweile als wichtigster Umschlagplatz für die internationale Musikwirtschaft in Europa. Es wird heute in einem Atemzug mit der SXSW genannt. Ich war also bereits beim Urknall des Festivals dabei – auch wenn ich es damals noch nicht wusste. Sechs Jahre von der Initialzündung bis zur Umsetzung sind eine längere Wegstrecke. Man darf dabei nicht vergessen, dass Hamburg Anfang der 2000er Jahre durch den Weggang vieler großer Musikfirmen – wie Universal Music Richtung Berlin – als wichtiger Musikstandort ernsthaft bedroht war. Noch dazu stand die internationale Musikwirtschaft durch massive Umbrüche ihres bisherigen Geschäftsmodells, unter anderem durch illegale Downloads, vor immensen Herausforderungen.

Wie schafft man es, in solch unruhigen Zeiten an seiner Idee festzuhalten und Mitstreiter für ein Festivalformat zu begeistern, das anfangs noch nahezu unbekannt war? „Es gab Momente, in denen nicht klar war, ob es weitergeht. Wir hatten mit meiner Firma die Expertise, die Rahmenbedingungen für das Festival schaffen zu können, nicht aber, um noch dazu ein Musikprogramm zu entwickeln. Erst mit der Zusage von Karsten Jahnke und der Gründung der gemeinsamen Firma (Jahnke ist 50-prozentiger Teilhaber des Reeperbahn Festivals) 2004 kam alles ins Rollen. Auch die unter der schwarz-grünen Hamburger Landesregierung damals neu gegründete Hamburg Marketing GmbH hat von Anfang an an das internationale Potential der Veranstaltung geglaubt. Zusammen mit der Unterstützung von Warner Music und der Medienpartnerschaft des NDR bestand die Plattform, von der aus sich das Reeperbahn Festival entwickeln konnte.“

Dieses natürliche Wachstum steht sinnbildlich für die neue Musikwirtschaft, die sich aufgrund der erwähnten Umbrüche hinterfragen und neu erfinden musste – eine Tugend, die eben auch das Reeperbahn Festival auszeichnet, das jedes Jahr Neuerungen präsentiert. Sich auf Bewährtem auszuruhen entspricht nicht dem Naturell des sympathischen Hamburgers, der bereits während seines Studiums der angewandten Kulturwissenschaften für das Musikprogramm diverser Hamburger Clubs verantwortlich war, anschließend einen Musikverlag nebst Label gründete, aus dem letztlich seine Agentur Inferno Events hervorging.

„Kein anderes Festival bringt die Stärken und Gegensätze der Hansestadt besser zusammen.“

Diese stetige Suche nach neuen Herausforderungen erklärt – neben seiner unangefochtenen Expertise – sein Engagement als neuer Geschäftsführer des Elbjazz. Ein Jahr hat das Festival pausiert, um in 2017 runderneuert zurückzukehren. Fragt man ihn, was ihn dazu bewogen hat, muss Schulz nicht lange überlegen: „Kein anderes Festival bringt die Stärken und Gegensätze der Hansestadt besser zusammen. Auf der einen Seite die Spielstätte Elbphilharmonie als nagelneuer Tempel der Hochkultur und auf dem gegenüberliegenden Ufer Konzerte im sehr besonderen Umfeld des Werftgeländes (von Blohm & Voss). Und genau in der Mitte dieser gegensätzlichen Spielorte liegt der Fluss, der Hamburg zur weltoffenen Hansestadt gemacht hat – wo sonst findet man solche Bedingungen vor? Hamburg bringt natürliche Gegebenheiten mit, die man gar nicht konstruieren könnte. Wie zum Beispiel die enorme Dichte an Liveclubs im Stadtteil St.Pauli, ohne die das Reeperbahn Festival niemals denkbar wäre. So sind auch die natürlichen Gegebenheiten für das Elbjazz in Hamburg ganz einmalig.“ In dieser Antwort findet sich bereits die erste grundlegende Neuerung (des Elbjazz) – nämlich die Einbindung der Elbphilharmonie in den Festivalkontext. „Wir haben das Ziel, dass jeder Besucher des Elbjazz die Möglichkeit erhält, eine Show in diesem tollen neuen Haus erleben zu können“, so Schulz. Dass die enorme Erwartungshaltung, die mit der Rückkehr des Elbjazz einhergeht, ihn vor die größere Herausforderung im Vergleich zum Reeperbahn Festival stellt, bei dem er sich auf sein langjährig eingespieltes Team verlassen kann, daraus macht Alexander Schulz keinen Hehl. Allerdings galt es in den ersten Jahren des Reeperbahn Festivals, derart viele scheinbar unüberwindbare Hürden zu nehmen, dass sein Erfahrungsschatz ihn auch diesmal sicher ans Ziel führen wird. Mit Jazz Impresario Karsten Jahnke und seiner Konzertdirektion sowie FKP Scorpio an seiner Seite sind die beiden größten Konzertagenturen der Stadt für das konzertante Programm des Elbjazz verantwortlich, beides Namen, denen man in punkto Künstlerauswahl blind vertrauen darf.

Alexander Schulz ist es in der Entwicklungsgeschichte des Reeperbahn Festivals gelungen, früh auch Kultur, Wirtschaft und Politik für die Interessen und notwendigen Unterstützungsmaßnahmen zu gewinnen. Wie beurteilt er insgesamt das Zusammenspiel von Kultur und Politik in der Hansestadt? „Im Großen und Ganzen kann man gerade auch im Vergleich zu anderen Bundesländern mehr als zufrieden sein. Die Größe der Stadt ist ideal, um einerseits für Wahrnehmung auf Bundesebene zu sorgen, andererseits ist Hamburg nicht zu groß, sodass eine Abstimmung aller wichtigen Beteiligten zur Bündelung der Interessen jederzeit möglich ist. Wünschen würde ich mir allerdings, dass sich in der Kulturhaushaltsgestaltung mehr Gestaltungsmasse fände, um in Bildender Kunst oder in der Musik neue Modelle ausprobieren zu können. Um mehr wagen zu können!“


ELBJAZZ: 2. und 3. Juni 2017
www.elbjazz.de

Reeperbahn Festival: 20. bis 23. September 2017
www.reeperbahnfestival.com


Über den Autor Frehn Hawel:

Wo Frehn Hawel ist, spielt die Musik. Für die Konzertagentur Karsten Jahnke sorgt er mit dafür, dass die internationalen Stars nach Hamburg kommen und mit ihren Live-Shows die Fans begeistern. Er ist einer der Entscheider des Hamburger Reeperbahn Festivals und hat als leidenschaftlicher Garagenrocker, Gitarrist und Sänger mit seinen Bands Tigerbeat, Neat Neat Neat und The Last Things bereits selbst drei Platten aufgenommen.