Das Innenstadtgespräch

City Managerin Brigitte Engler mit Johannes Lichtenthaler. Im Rücken ein Bauprojekt von Art-Invest: Der "Alte Wall" soll wieder Einkaufsboulevard werden. Die Eröffnung ist für September 2018 geplant.

Für jede HANSEstyle trifft Hamburgs City Managerin, Brigitte Engler, Menschen, die die Innenstadt bewegen. Diesmal: Johannes Lichtenthaler, Geschäftsleitung und Partner bei Art-Invest, dem Projektentwickler, der unter anderem dem Alten Wall neues Leben einhaucht.

Mit Ihrem Projekt am Alten Wall verantworten Sie eines der größten innerstädtischen Bauvorhaben Hamburgs. Wie kam es zu der Begeisterung für diesen Standort?

Johannes Lichtenthaler: In den letzten 70 Jahren wurde das Gebäude als Bankgebäude genutzt und der Alte Wall als Parkplatz. Aber schon vor über 100 Jahren war der Alte Wall ein stark frequentierter Einkaufsboulevard, der mit seiner attraktiven, inzwischen historischen Architektur und seiner Lage direkt neben Rathaus und Handelskammer Bürger und Besucher angezogen hat. Diese schöne und hochwertige Einkaufslage wieder aufleben zu lassen – das ist unser Bestreben.

Wie wird der Alte Wall die Hamburger City künftig bereichern?

Uns ist es gemeinsam mit der Handelskammer, dem Denkmalschutz, den Behörden und den umliegenden Anwohnern gelungen, mit dem Alten Wall das größte BID (Anm. Business Improvement District) in Europa auf die Beine zu stellen. Dies führt dazu, dass das gesamte Nikolaiviertel bald nicht wiederzuerkennen ist: Die Straßen werden mit großen Bürgersteigen als Flanierbereiche ausgelegt, hinzu kommen zahlreiche Neubauten und Renovierungen, die den Bereich deutlich schöner machen. Der Alte Wall wird nun als Scharnier und als Magnet zwischen der östlichen, konsumorientierten Innenstadt und der westlichen, markenorientieren Innenstadt fungieren. Der Alte Wall kombiniert dann – hinter der längsten zusammenhängenden historischen Fassade in Hamburg – hochwertigen Einzelhandel mit toller Gastronomie und Kunst. Wichtig sind auch die Büroflächen in den oberen Etagen und die öffentliche Tiefgarage unter dem Komplex.

Am Jungfernstieg/Ecke Große Bleichen modernisieren Sie ein vierteiliges Alster-Ensemble, das ein 1899 erbautes Bankhaus, ein Gebäude aus der Zeit vor dem Hamburger Brand 1842 und zwei weitere, jüngere Häuser umfasst. Wo liegen die großen Herausforderungen bei der Modernisierung historischer Gebäude mitten in der Innenstadt?

Das Bankhaus wurde von Martin Haller 1899 für die Dresdner Bank, die heutige Commerzbank, erbaut und seitdem immer selbst genutzt. Allerdings haben sich in den letzten gut 100 Jahren die Anforderungen an das Bankgeschäft verändert, dazu wurden die Häuser im Laufe der Jahrzehnte stark verbaut. Unser Ziel war, den historischen Kern herauszuarbeiten und die historische Kassenhalle zum Jungfernstieg ebenerdig zu öffnen. Gleichzeitig wurde das Gebäudeinnenleben vollständig umgeplant, damit es heutigen Anforderungen an Nutzbarkeit, Flexibilität und Sicherheit gerecht wird. Die Bürger und Besucher Hamburgs profitieren auch davon, da nun der Jungfernstieg deutlich belebter wird und sich die Schaufester der Geschäfte über zwei Etagen in die Großen Bleichen hinein ziehen. Die größte aktuelle Herausforderung bei diesem Projekt, nachdem die Planungsphase gut überstanden ist, ist die Koordination der Bauphasen und der Bestandsmieter.

Diese schöne und hochwertige Einkaufslage wieder aufleben zu lassen – das ist unser Bestreben. Johannes Lichtenthaler 

Die Fertigstellung am Jungfernstieg ist für 2019 geplant. Neben neuen Büros entstehen wie am Alten Wall auch Einzelhandelsflächen. Vor dem Hintergrund des zunehmenden Onlinehandels: Arbeiten Sie an Konzepten, um E-Commerce und stationären Handel zu verbinden?

Die Digitalisierung hat aus unserer Sicht eine ähnliche Dimension wie die Industrialisierung vor über 100 Jahren. Alle Bereiche durchleben einen Veränderungs- und Anpassungsprozess. Da es hier keine sogenannten Benchmarks gibt, müssen die Beteiligten jeweils nach besten Möglichkeiten damit umgehen und sich darauf einstellen. Einzelhändler, die frisch, agil und zukunftsgewand sind, werden diesen Prozess deutlich leichter und erfolgreicher überstehen und in die Jahre gekommene Konzept ersetzen. Hinzu kommt, dass in einer digitalen Welt Authentizität und begreifbare Marken wieder wichtiger werden. All dies lässt sich in einer Innenstadt mit toller Aufenthaltsqualität, viel Gastronomie und ergänzenden Freizeitangeboten bestens verbinden.

Sie kennen unter anderem Wien, Berlin, Trondheim und Salt Lake City sehr gut. Was macht für Sie die Hamburger Innenstadt einzigartig?

Ich schätze besonders die Wasserlage an Alster und Elbe. Es ist wichtig, sich selbst und die Stadt, in der man wohnt, in einen internationalen Kontext zu stellen. Ende letzten Jahres haben wir hauptsächlich für das Projekt Alter Wall einige europäische Metropolen besucht, damit wir als Bauherr beurteilen können, welche Konzepte vielleicht „the next big thing“ sind und welche womöglich in Hamburg auch toll funktionieren könnten. Hiervon wird sich einiges Einzigartiges im Alten Wall wiederfinden. Die Hamburger dürfen gespannt sein.

Foto: Marius Engels