Das Herz unserer Stadt

Heinz H. Behrens erkundet das Herz unserer Stadt
– Der Hamburger Hafen und die HafenCity:
Geschichte und Zukunft

 

Hamburg ist Deutschlands größter Seehafen. Und nach Rotterdam und Antwerpen der drittgrößte in Europa. Begonnen hat alles im 9. Jahrhundert; damals gab es allerdings nur ein paar simple Anlegestellen an den Flussläufen der Bille und der noch nicht aufgestauten Alster. Erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts durften die Hamburger ihren Hafen in das Tiefwassergebiet der Alstermündung verlegen; dort entstand ein Binnenhafen am heutigen Nikolaifleet.  Als Geburtsstunde des Hamburger Seehafens gilt der 7. Mai 1189, Datum eines angeblichen Freibriefs von Kaiser Friedrich I. Barbarossa. Durch diese, wie wir heute wissen, gefälschte Urkunde wurden der Stadt wichtige Privilegien verliehen, vor allem die zollfreie Fahrt auf der Unterelbe. Darum feiern die Hamburger am 7. Mai – dem Jahrestag des gelungenen Schwindels – ihren Hafengeburtstag. 1989, im Jahr des Mauerfalls, jährte der sich zum achthundert-sten Mal. Und auch 2016 werden zwischen dem 4. und 8. Mai sicherlich wieder rund 1 Million Geburtstagsgäste zu uns kommen, so wie in jedem Jahr.

1321  traten Hamburger Handelsherren dem Kaufmannsverbund der Duytzschen Hensze bei, der Deutschen Hanse. Durch den direkten Zugang zur Nordsee hatten sie wichtige Vor-teile beim Handel mit England, mit den flandrischen Ländern oder Frankreich. Von dort importierte man Tuche, Fisch oder Wein und exportierte in Hamburg gebrautes Bier. Bier, das damals den Reichtum der Stadt begründete. Nach der Entdeckung Amerikas kam der transatlantische Handel hinzu, vor allem via Spanien. So wurde Hamburg zur wichtigsten Handelsmetropole in der mittlerweile zum mächtigen Städtebund aufgestiegenen Düdeschen Hanse. Und gelangte durch sein Freihandelsprivileg zu großem Reichtum.

Hamburgs Handel im 18.  Jahrhundert
Der Journalist und Schriftsteller Johann Caspar Riesbeck schilderte 1783 in seinen „Briefen eines reisenden Franzosen an seinen Bruder zu Paris“ die vorzügliche Position Hamburgs und seiner Handelsherren im damaligen „Welthandel“:

„Hamburg ist ohne Vergleich die blühendste Handelsstadt in Deutschland. Ausser London und Amsterdam ist schwerlich ein Handelsplatz in Europa, wo man immerfort so viele Schiffe sieht, als hier. Das hiesige Gewerbe beruht freylich größtentheils nur auf Kommißionen und Speditionen, allein der eigenthümliche und solide Handel der Einwohner ist daneben doch auch sehr beträchtlich. Spanien und Frankreich sind für den hiesigen Handel die wichtigsten Länder, besonders ist der Verkehr mit dem ersten Reiche sehr vortheilhaft für die hiesigen Kaufleute. Hamburg versah Spanien bis hieher größtentheils mit Leinwand, und lieferte ihm auch eine ungeheure Menge Eisen, Kupfer und andre nordische Artickel. Die Preussen, Dänen, Schweden und Russen geben sich zwar alle Mühe, ihre Produkte selbst den Spaniern zuführen zu können; allein es hält schwer, die Handlung aus einem alten Gang zu bringen.“

In seinen Briefen berichtet Riesbeck, wie Hamburgs Handelspartner wiederholt versuchten, den Warenhandel in eigener Regie und auf eigene Rechnung abzuwickeln. Letztendlich aber mussten sie stets einsehen, dass die guten Kontakte der Hamburger für alle Beteiligten von Vorteil waren. Die Waren wurden sicher transportiert, die Bezahlung erfolgte zügig – und so waren alle zufrieden.
„Zuckerrohr ist der Hauptartickel, den Hamburg aus Spanien zieht und womit es ungeheure Summen gewinnt. Keine Nation hat es bisher den Hamburgern im Zuckersieden und raffiniren zuvorthun können, und der Handel mit diesem Artickel erstreckt sich durch ganz Deutschland, Polen und einen grossen Theil der Nordländer. Weine, Salz, Baumwolle, Früchte u.s.w. sind ebenfalls sehr wichtige Artickel, die Hamburg den Spaniern abnimmt, und womit es einen sehr ausgebreiteten Handel in Norden treibt. Nebstdem machen die Kattun-Strümpf- und Bandfabriken, die Spezereyen und der Fischfang einen grossen Theil des soliden Handels dieser Stadt aus. Nirgends giebt es auch feinere und kühnere Spekulanten als hier. Kein Umstand, kein Augenblick, der einem gewissen Artickel günstig ist, entgeht ihnen.“

Nachbarlicher Streit
Der Zeitzeuge Riesbeck beschreibt auch – Journalismus ist bekanntlich die erste Fassung der Geschichtsschreibung – die wiederholten Versuche verschiedener Nachbarn, stärker an diesen Hamburger Einnahmequellen teilzuhaben. Die Dänen versuchten beispielsweise, unserer Stadt im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser durch neue Hafengründungen abzugraben. So sollte zunächst Glückstadt ein Gegenpol zum Hamburger Hafen werden. Was nicht so recht gelang. Als dann Altona ab Mitte des 17. Jahrhunderts durch Erbschaft zum Königreich Dänemark gelangte, wurde ihm diese Rolle zugedacht. 1664 erhielt Altona das Stadtrecht samt Zollprivileg, Stapelrecht, Gewerbefreiheit und Gerichtshoheit. Was zu einem bemerkenswerten Aufschwung führte. Bald war Altona nach Kopenhagen die zweitgrößte Stadt Dänemarks und ein durchaus ernst zu nehmender Kontrahent für Hamburg. Aber größeren Schaden hat auch das kaum angerichtet.

Ein weiterer Versuch Dänemarks war ein Durchstich der Eider zu einer Kanalverbindung zwischen Ost- und Nordsee. Gedacht zum Vorteil Kopenhagens und zum Nachteil von Hamburg und Lübeck. Die das aber gelassen hinnahmen. Und als der preußische König plötzlich seine Elbzölle beim Handel mit Sachsen kräftig erhöhte, verhandelte der Hamburger Senat sofort mit Hannover und Braunschweig über den Bau einer Straße zwischen dem sächsischen Königreich und Hamburg. Allein das genügte, um die Preußen wieder zur Umkehr zu bewegen.

So durfte es auch niemanden wundern, als Hamburg sich knapp 100 Jahre später mit aller Kraft gegen die Aufgabe seines Freihandelsprivilegs wehrte und der von Preußen betriebenen Norddeutschen Zollunion erst beitrat, als ihr ein Freihafen garantiert wurde. So entstand die Speicherstadt (siehe HANSEstyle 3/2015).

Umschwung durch Containerschiffe
Ab den 1970er Jahren begann eine große Umstrukturierung in der Hamburger Hafenwirtschaft, weil von da an immer mehr Waren in Containern umgeschlagen wurden. Heute dürfte dieser Containerverkehr ungefähr zwei Drittel des gesamten Warenumschlags ausmachen. Für die immer größeren Containerschiffe waren die alten Hafenbecken allerdings zu klein, genau wie die Lagerplätze dahinter. In Folge zog sich die Hafenlogistik vom Nordufer der Elbe zurück und errichtete dafür am Südufer eigene Container-Terminals. Die Bedeutung der stadtnahen Hafenbecken, Kaianlagen und Lagerhallen nahm damit zunehmend ab und so beschloss der Senat 1997 eine City-Erweiterung auf eben diesen Hafenflächen. Und gleichzeitig den Ausbau von neuen modernen Hafenanlagen in Altenwerder. Damit begann die Geschichte des jüngsten Hamburger Stadtteils, der HafenCity.

Diese HafenCity ist das derzeit größte innerstädtische Entwicklungsprojekt Deutschlands, nein Europas. Weil sich dadurch bis 2025 die Fläche der Hamburger Innenstadt um 40 % vergrößern soll. Ein neuer Stadtteil im Bezirk Hamburg Mitte: die HafenCity einschließlich Speicherstadt mit dem Ende 2012 aufgelösten Freihafen. In diesem Stadtteil wird die Geschichte nun wieder zurückgedreht: durch ein neu geschaffenes Stadtmilieu, das wie früher ein Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten ermöglicht. Auf Grundlage eines detaillierten Masterplans für Investoren und Architekten.

Weltbekannte Architekten stehen inzwischen für spektakuläre Bauten: David Chipperfield; die Schweizer Jacques Herzog & Pierre de Meuron sowie Bob Gysin; das internationale Büro Henning Larsen aus Dänemark; der Niederländer Erick van Egeraat; Stefan Behnisch aus Stuttgart oder die Hamburger Jan Störmer und Hadi Teherani.

Ein moderner Stadtteil voller Überraschungen
Mein Bummel durch die HafenCity beginnt an der Ericusspitze. Linker Hand das gläserne Doppelhaus mit der SPIEGEL-Zentrale, entworfen vom dänischen Architekturbüro Henning Larsen. Der inzwischen verstorbene Henning Larsen galt als ein „Meister des Lichts“ und stand mit seinen Entwürfen für die sprichwörtliche skandinavische Leichtigkeit. Bemerkenswert am SPIEGEL-Haus die als Monitor bezeichnete riesige lichtdurchlässige Einbuchtung. Daneben das Ericus-Kontor, hinter welchem ein Steg über den Ericusgraben führt. Dort, linker Hand an der Stockmeyerstraße, der noch von Baustellen umgebene Lohsepark.


Journalismus ist die erste Fassung der Geschichtsschreibung.
(
Geoffrey C. Ward)


Ich wende mich nach rechts in die Koreastraße. Von dort sind es nur wenige Schritte zur Shanghaiallee, hin zum ersten der beiden großartigen Museen in der HafenCity, zum Automuseum Prototyp. Eine faszinierende Schau rund um die Themen Automobil- und Renngeschichte. Ein Muss für Menschen, die gern „Benzin atmen und darüber schnacken“. Oldtimer, Rennwagen und Rennfahrer in Bild und Ton. Und für einen Boxenstopp em-pfiehlt sich das Café Erlkönig im Haus.

Danach vorbei am Hauptzollamt und weiter auf der Koreastraße Richtung Magdeburger Hafen. Auf der rechten Straßenseite der wieder auf- und ausgebaute Heinemann-Speicher, dahinter dann das zweite, das Internationale Maritime Museum.

Der frühere Kaispeicher B aus dem Jahr 1878/79 wurde denkmalgerecht zum Museum umgebaut – hier zeigt die Stiftung Peter Tamm auf 12.000 Quadratmetern ihre bemerkenswerte maritime Sammlung.  Im Jahr 2015 kamen 110.000 Besucher, um 3000 Jahre Seefahrtsgeschichte anhand von einmaligen Exponaten zu bewundern: Schiffsmodelle, Knochenschiffe, Gemälde und Fotos, Uniformen, der erste Meeresatlas, Funk- und Morsegeräte usw. usf. Dienstags, mittwochs und sonntags können Sie ab jeweils 14 Uhr in einem Schiffsführungssimulator das Ruder eines 300 Meter langen Großcontainerschiffs übernehmen und verschiedene Häfen ansteuern. Erfahrene Kapitäne werden Ihnen dabei zur Seite stehen. Für eine Erholungspause danach bieten sich Restaurant, Café und Bar namens  Alte Liebe an.

Von hier aus noch ein Abstecher durch die Elbarkaden bis zum iF international forum design. Das iF prämiert die besten Designlösungen eines Jahres und versammelt sie hier in Hamburg zu einer der größten Designausstellungen weltweit. Computer, Schmuck und Uhren, Möbel, Spielzeug, Medizintechnik und vieles mehr. Eintritt frei!

Zurück zum Maritimen Museum und dann auf der kleinen Busan-Brücke über den Magdeburger Hafen hinweg hinüber zum Störtebeker Ufer. Dort soll der Seeräuber Clawes Störtebeker anno 1401 seinen Kopf verloren haben, zusammen mit 72 seiner Vitalienbrüder. Was aufgrund neuerer Forschung allerdings angezweifelt werden muss. Um die bekannte Piraten-Legende aber wach zu halten, haben die Hamburger ihm hier am Magdeburger Hafen ein Denkmal gesetzt, mit Kopf und einer kryptischen Inschrift: Claas Störtebeker – Gottes Freund, der Welt Feind.

Dort überquere ich die Osakaallee und betrete das Herzstück der neuen City, das sogenannte  Überseequartier. Mit dem Überseeboulevard als Fußgängerzone rund um den Marktplatz. Hier finden Sie zahlreiche Läden, Boutiquen, Cafés und Bistros. Im Alten Hafenamt hat gerade das Restaurant NENI eröffnet sowie Jörg Meyers zweite Boilerman Bar. Und im 25 Hours Hotel Altes Hafenamt gibt es ab sofort 49 wunderschöne Zimmer und Apartments.

Auf der Straßenseite gegenüber das imposante Sumatra-Kontor samt Übersee-Quartier,  entworfen vom niederländischen Architekten Erick van Egeraat. Mit Büros, Wohnungen und Ladenlokalen. Bemerkenswert die mehrfarbige Fassade, die sich wie bei mittelalterlichen Fachwerkhäusern von Stockwerk zu Stockwerk nach außen verbreitert; beim Büroturm allerdings nach innen verjüngt.

Weiter geht’s Richtung Tokiostraße bis zum Sandtorpark mit den Magellan-Terrassen davor. Hier wird deutlich, wie viel öffentlicher Raum in diesem neuen Stadtteil geschaffen wurde. Eine bewusst lichte Bebauung mit zahlreichen Boulevards und Kais, die zum Flanieren einladen. Dazwischen Plätze, Terrassen und Parks, die das Stadtbild der HafenCity auflockern und immer neue faszinierende Durchblicke bieten. Etwa von den Pontonanlagen vor den Magellan-Terrassen, im ehemaligen Sandtorhafen – heute ein Traditionsschiff-Hafen. Dort ankern historische Schiffe, Zwei- und Dreimastschoner, Fischkutter, Bugsierschlepper, Löschboote, Schuten oder Beischiffe. Von dort hat man einen Ausblick auf die alten Krananlagen, mit denen an dieser einst ältesten Hamburger Kaimauer die Schiffe entladen wurden. Und im Hintergrund das imposante Wahrzeichen der HafenCity, die Elbphilharmonie.
Vom Ende des Pontons ein kurzer Sprung hinüber in die Speicherstadt, ein paar Schritte entlang dem Sandtorkai und dann auf der verbreiterten Mahatma-Gandhi-Brücke zum Platz der Deutschen Einheit vor der Elbphilharmonie. Die soll am 17. Januar 2017 endgültig eröffnet werden.

Hier befindet sich das Restaurant und Bistro Carls, beide sehr empfehlenswert. Ich flaniere den Dalmannkai entlang bis zum Vasco-da-Gama-Platz. Den ich in Richtung der Straße Am Kaiserkai durchquere. Mein Ziel ist das Meßmer Momentum, für einen passionierten Teetrinker wie mich ein genussvoller Zwischenstopp. Nach einer Teepause geht es weiter zur Straße Großer Grasbrook. Dort, gegenüber den Marco-Polo-Terrassen, haben Kühne + Nagel Quartier gemacht. Und dort hat, direkt am Grasbrookpark, auch die Kühne Logistics University ihr Domizil gefunden.

Ob Stadtgeschichte oder Kulinarik: Autor Heinz H. Behrens weiß Spannendes zu berichten.

Jetzt habe ich das Ziel meines Rundgangs erreicht, die Marco-Polo-Terrassen am Ende des Grasbrookhafens. Hier warten noch zwei spektakuläre Bauten auf den Flaneur: Der 55 m hohe Marco-Polo-Tower, ein luxuriöser Wohnturm, geplant von den Behnisch Architekten aus Stuttgart. Mit 58 Wohnungen für Superreiche. Gleich daneben das ebenfalls von Behnisch entworfene neue Unilever-Haus am Strandkai.
Hamburgs HafenCity, ein noch im Werden begriffener Stadtteil. Nachhaltig und zukunftsorientiert angelegt. Mit mehreren architektonischen Leuchttürmen. Nun muss noch bis 2025/2030 die Osterweiterung gelingen. Dann – in 50, spätestens in 100, Jahren – könnte die HafenCity zu einem weiteren Weltkulturerbe in Hamburg werden, wie unlängst die Speicherstadt und das Kontorhaus-Viertel.

Text: Heinz H. Behrens
Fotos: Simone Rudloff für HANSEstyle


Kultur- und Restauranttipps in der HafenCity

Tipps und Empfehlungen wurden von Heinz H. Behrens entdeckt, probiert und für gut befunden.