Das bleibt im Kopf – Johannes Oerding

Johannes Oerding beim HANSEstyle-Shooting. Der Hamburger Musiker kann dem Alltag den Tiefgang entlocken | Foto: Tim Wendrich für HANSEstyle

Johannes Oerding, 35, wird in die Liga der ganz großen Songschreiber aufsteigen – davon ist Autor Frehn Hawel nach seinem Treffen mit dem Hamburger Musiker im „Alten Mädchen“ in der Sternschanze umso mehr überzeugt …

Unsere erste Begegnung ist mir bis heute in bester Erinnerung: Vor ungefähr acht Jahren waren wir gemeinsam für eine Talkrunde beim Sender Tide TV eingeladen, als Johannes Oerding als musikalischer Gast am Ende der Runde seinen Song „Die Tage Werden Anders Sein“ vortrug, ein Blue Eyed Soul Song über die Unbeschwertheit, die man als Jugendlicher und junger Erwachsener empfindet: „Das, was heute wichtig ist, war früher scheißegal – und für das, was damals wichtig war, ist die Zeit heut’ nicht mehr da.“ Obwohl ich musikalisch ganz woanders zuhause bin, war mir sofort klar, dass hier ein junger Songwriter am Werk ist, der so eingängige Lieder schreibt, dass man deren Melodien nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Neben der Qualität eines Liedes erkenne ich ebenfalls, ob ich einem Protagonisten die Inhalte abkaufe, über die er singt – und das war hier definitiv der Fall. Denn anders als viele andere deutsche Songwriter, die nur noch wie Interpreten erfolgversprechenden Lied-Materials rüberkommen, wirkt Johannes Oerding immer echt, weil die textlichen Inhalte und die Musik in ihrer wiedererkennbaren Eindeutigkeit so nur von ihm stammen können.

Erste Schülerband mit zwölf
Um bei seinem damals gespielten Song zu bleiben, wurden die Tage für Johannes Oerding in der Tat bald anders, denn als er knapp ein Jahr später sein Debütalbum „Erste Wahl“ veröffentlichte, fand er sich plötzlich im Vorprogramm von Simply Red und Ich + Ich wieder, die damals große Arenen füllten – und stellte fest, dass es ihm gelingt, auch in größten Spielorten mit einem fremden Publikum genau die Sorte von Verbindung herzustellen, mit der er in seinen zahllosen Clubshows landauf landab unermüdlich seine Fanschar vergrößert. Woher kommt dieses Talent, fremde Menschen so unmittelbar von seiner Musik zu überzeugen? Früh übt sich, lautet die Antwort: „Schon als Sechsjähriger bin ich auf dem Flohmarkt aufgetreten – begleitet von einem Akkordeon. Etwa in dem Alter habe ich auch meine erste Konzertgitarre geschenkt bekommen. Meine erste Schülerband hatte ich mit zwölf oder dreizehn.“ Klar, dass sich aus diesen frühen Gehversuchen ein Erfahrungsschatz herausgebildet hat, auf den Oerding inzwischen jederzeit zurückgreifen kann. Seine Gabe, dem Alltag Poesie zu entlocken und jedem einzelnen Zuhörer das Gefühl zu geben, nur für ihn allein zu singen, verleiht seiner Musik heilende, aufbauende und tröstende Kraft. Zudem darf man behaupten, dass seine Gesangsstimme in Deutschland ihresgleichen sucht, was Ausdruck und Emotionalität betrifft. Diese Kombination wiederum sorgt für einen stetigen Anstieg seiner Bekanntheit, die mit den nachfolgenden Alben „Boxer“, „Für Immer Ab Jetzt“ und „Alles Brennt“ kontinuierlich zunimmt.

Johannes Oerding ist politischer geworden – und möchte das auch bleiben | Foto: Tim Wendrich für HANSEstyle

Das Wichtigste ist die Bühne
„Erste Wahl“ und „Für Immer Ab Jetzt“ wurden mit Gold, „Alles Brennt“ inzwischen mit Platin veredelt, er wurde 2015 für den Echo als bester Künstler Rock/Pop national neben Herbert Grönemeyer, Andreas Bourani, Mark Forster und Peter Maffay nominiert. Doch allen Ehrungen zum Trotz zählt für ihn am meisten unterwegs zu sein, auf der Bühne zu stehen und für seine Fans – und alle, die es werden wollen – zu spielen, was ihm 2013 nicht nur eine Einladung ins Vorprogramm der Deutschland Tour von Joe Cocker, sondern auch der Unplugged Konzerte der Scorpions einbrachte und nebenbei sehr deutlich macht, auf welch breiter Ebene sich die Masse bewegt, die er mit seiner Musik begeistert. Im selben Jahr trat er mit seinem Song „Nichts Geht Mehr“ beim Eurovision Song Contest für Hamburg an und belegte den zweiten Platz.

Was hat ihn zur deutschsprachigen Musik gebracht und noch dazu Hamburg-Fan werden lassen? Etwa die vielbemühte Hamburger Schule, die mit Protagonisten wie Tocotronic, Bernd Begemann, Blumfeld und vielen anderen Ende der 90er-Jahre ihren absoluten Höhepunkt in Sachen Popularität hatte? „Nicht ganz, dafür war ich noch zu jung – das hat eher mein älterer Bruder gehört. Ich bin über deutschen Hip-Hop zur deutschsprachigen Musik gekommen – später haben mich auch die großen Namen wie Rio Reiser, Grönemeyer und Lindenberg inspiriert, bei denen mich nicht nur die Musik, sondern auch deren Werdegang interessierte.“


„Schon als Sechsjähriger bin ich auf dem Flohmarkt aufgetreten …“- Johannes Oerding

Warum hat jemand, der aus Geldern Kapellen am Niederrhein stammt, eine so starke Verbindung zu Hamburg? „Ich habe mich mit 17, als ich mit meiner Schülerband das erste Mal für einen Studioaufenthalt nach Hamburg kam, sofort in die Stadt verliebt – der Blick, den man bei Dunkelheit von der Kennedybrücke aus hat, kriegt mich bis heute immer wieder. Natürlich hat mich auch die Musikszene der Hansestadt, die Konzertwelt in den Clubs um die Reeperbahn, besonders hervorzuheben dabei der Mojo Club und die Soullounge-Shows, damals noch mit einem unbekannten Roger Cicero am Mikrofon, derart fasziniert, dass ich während meines Studiums in Holland (erstaunlicherweise waren die Fächer hier nicht Musik und Komposition, sondern BWL und internationales Marketing, gewissermaßen als Beruhigung für die Eltern) jedes Auslandssemester in Hamburg verbracht habe und so immer weiter in die Musikszene der Stadt eingetaucht bin. Letztendlich war es nur logisch, dass ich einfach irgendwann hierher ziehen musste.“


„Ich stehe für Pluralismus und Humanität …“ – Johannes Oerding

Keine schlechte Entscheidung: Die Stadt meint es offenbar sehr gut mit ihm, denn er hat über das Knust, die Große Freiheit 36, den Stadtpark und die Alsterdorfer Sporthalle bisher nahezu alle legendären Spielorte der Hansestadt bespielt – und obendrein ausverkauft.

Das neue Album
Für Mai 2017 steht die Veröffentlichung seines neuen, fünften Albums „Kreise“ an, das ihn wieder auf eine ausgedehnte Konzertreise mit bisher 22 Terminen schicken wird. Der krönende Abschluss am 25. November findet diesmal in der Hamburger Barclaycard Arena statt, die nicht nur die größte Spielstätte der Hansestadt ist, sondern auch die größte Arena, die Johannes Oerding bisher auf eigene Rechnung bespielen wird.

Wenn man, wie er, ständig unterwegs ist und alle zwei Jahre ein Album veröffentlicht, woher bezieht man die Inspiration für neue Songs, ohne sich zu wiederholen? „Klar kommt man irgendwann an den Punkt, an dem man die Ebene verlassen muss, nur noch über eigene Erfahrungen singen zu wollen. Es wird irgendwann einfach schwierig etwas so zu erzählen, dass es nicht nach bereits Dagewesenem klingt. Oft brauche ich aber nur auf menschliche Beziehungen in meinem Umfeld zu schauen, um genügend Anregungen für eine Geschichte zu finden, die zwar nicht zwangsläufig mir direkt passiert sein muss, deren Grundemotion ich aber nachempfinden und in einem Text verarbeiten kann. Und was ich inzwischen auch gelernt habe: Wenn man mal nicht weiterkommt, sollte man die eigene Eitelkeit hinten anstellen und sich Hilfe holen – das hat mir meine Freundin beigebracht. Inzwischen macht es mir so wahnsinnig viel Spaß, mit den unterschiedlichsten Leuten Songs zu schreiben, dass ich es gar nicht mehr missen möchte – man gelangt auf diese Weise zu Ergebnissen, die einem so niemals eingefallen wären.“

So sieht es aus, wenn zwei leidenschaftliche Musiker aufeinandertreffen: Johannes Oerding mit Autor Frehn Hawel

Es wird politisch
Insgesamt wirkt das neue Album deutlich vielschichtiger als seine Vorgänger – es enthält neben den für Oerding typischen klugen Beobachtungen alles Zwischenmenschlichen auch zunehmend gesellschaftskritische Kommentare. „Obwohl ich auch mit diesem Album den Zwei-Jahres-Veröffentlichungszyklus einhalte, fühlte sich die Zeit dazwischen diesmal deutlich länger an. Es ist einfach so viel passiert, persönlich wie gesellschaftlich, dass ich nicht umhin konnte, das auch in die neuen Songs einfließen zu lassen. Ich finde, dass es an der Zeit war, sich deutlicher zu äußern, wo ich politisch stehe. Ich stehe für Pluralismus und Humanität, bin mittlerweile politischer und möchte das auch bleiben – allerdings ohne dabei jemals mit erhobenem Zeigefinger auf vermeintliche Lösungen hinzuweisen.“ Am deutlichsten wird dies in der auf den ersten Blick ungewöhnlichen Zusammenarbeit mit der Hamburger Hip-Hop-Ikone Samy Deluxe im Song „Weiße Tauben“ (schöner Beleg dafür, wie offen und interaktiv die Hamburger Musikszene sein kann). Das Lied stellt die Frage, wie unsere Gesellschaft von der Generation der friedensbewegten Atomkraftgegner, der es gelungen ist, den kalten Krieg fast zu beenden, in die heutige Situation geraten konnte.

Sein neues Album „Kreise“ wird Johannes Oerding verdientermaßen endgültig in die Liga der großen deutschen Songschreiber katapultieren.


Der Autor:

Wo er ist, spielt die Musik. Für die Konzertagentur Karsten Jahnke sorgt er mit dafür, dass die internationalen Stars nach Hamburg kommen und mit ihren Live-Shows die Fans begeistern. Frehn Hawel ist einer der Entscheider des Hamburger Reeperbahn Festivals und hat als leidenschaftlicher Garagenrocker selbst drei Platten aufgenommen.