Blick nach vorn: Edina Müller im Interview

Edina Müller in ihrem Rennkajak während einer Trainingseinheit auf der Alster | Foto: Brian Bojsen für HANSEstyle

2012 holte Sie mit der Nationalmannschaft im Rollstuhlbasketball paralympisches Gold. Zweimal Europameisterin wurde sie in dieser Sportart ebenfalls. Derzeit bereitet sich Edina Müller ( 32) in ihrer neuen Disziplin, dem Kanu-Rennsport, auf  die Paralympischen Spiele im Sommer 2016 vor. Im Gespräch mit HANSEstyle berichtet das in Hamburg lebende Multitalent von wunderbaren Momenten auf der Alster, von ihren Zielen bei den Paralympics und darüber, wie sie es geschafft hat, mit ihrer plötzlich aufgetretenen Querschnittlähmung fertig zu werden.

Wir lernen Edina Müller im großen Festsaal des Hamburger Rathauses kennen. Vor 600 Vertretern aus Politik und Wirtschaft kommt sie für ein Interview auf die Bühne. Die Situation meistert sie souverän, intelligent und charmant. Je besser wir sie kennenlernen, desto mehr festigt sich genau dieser erste Eindruck: Wir haben es mit einer beeindruckenden Frau zu tun, die zudem noch zu den erfolgreichsten deutschen Sportlerinnen gehört.

Trainieren Sie auch an kalten Tagen auf der Alster?
Ja, selbst im Winter. Manchmal wird es zwar wirklich kalt, aber wenn man erst einmal fährt, ist es schnell okay, außerdem: Es ist so wunderschön draußen – wenn die Alster ganz glatt ist und sich die Lichter der Stadt auf dem Wasser spiegeln. Da frage ich mich immer, warum an solchen Tagen außer uns niemand da ist.

Vom Leistungssport zu Leistungssport: Der Karriere im Rollstuhlbasketball folgte der Kanu-Rennsport | Foto: Brian Bojsen für HANSEstyle
Vom Leistungssport zu Leistungssport: Der Karriere im Rollstuhlbasketball folgte der Kanu-Rennsport | Foto: Brian Bojsen für HANSEstyle

Sie sind mit der Nationalmannschaft im Rollstuhlbasketball Europameisterin und Olympiasiegerin geworden. Warum haben Sie aufgehört?
Mit dem Basketball habe ich 2014 aus persönlichen Gründen aufgehört: Es hat mit der Mannschaft einfach nicht mehr einhundertprozentig gepasst. Der Wechsel in ein anderes Team hätte zudem einen Umzug bedeutet, doch ich wollte in Hamburg bleiben – ich bin hier überdies durch meinen Partner und meine Arbeit als Diplom-Sporttherapeutin verwurzelt.

Im Anschluss an diese erste Karriere haben Sie die Sportart gewechselt hin zum Kanu-Rennsport. Darin sind Sie so gut, dass Sie sich jetzt auf die Paralympischen Spiele in Rio vorbereiten. Sie müssen ein Multitalent sein. Wie sonst wäre das möglich?
Kanu fahre ich in meiner Freizeit bereits seit einer Weile – denn ich bin schon immer gern auf dem Wasser gewesen. So sollte es nach 2014 auch weitergehen, ich wollte eigentlich nicht übergangslos in einen neuen Leistungssport einsteigen. Dann habe ich das Rennkajak ausprobiert und es hat einfach richtig gut geklappt. Ich habe mir selbst keinen Druck gemacht. Dann hatte ich die Möglichkeit, die Qualifikation für die Nationalmannschaft mitzufahren: Die dort vorgegebene Zeit habe ich um mehrere Sekunden unterschritten – in persönlicher Bestzeit. Das war für mich selbst ein bisschen unerwartet. Wenn es auf einmal im Bereich des Möglichen liegt mit nach Rio fahren zu können, da brennt das Feuer plötzlich wieder so richtig.

Welches Ziel haben Sie sich für Rio gesetzt?
Na, ja. Mein Ziel ist natürlich, eine Medaille zu holen (lächelt). Das ist auch im Bereich des Möglichen. Allerdings ist es bis dahin auch noch ein großes Stück Arbeit.

In welchen Entfernungen treten Sie an?
Nur in 200-Meter-Sprint. Parakanu ist 2016 erstmals paralympisch. Daher gibt es in allen Klassen erstmal nur eine Strecke.

Ein so erfolgreicher Wechsel der Sportarten ist umso erstaunlicher, da Sie mit 32 Jahren jung, doch für eine Leistungssportlerin schon ein gewisses Alter haben …
… eine echte Nachwuchssportlerin kann man mich wohl nicht mehr nennen (lacht).

Fehlt Ihnen der Mannschaftssport?
Irgendwie überhaupt nicht. Wahrscheinlich auch, weil der Trainingsalltag mir gar nicht das Gefühl vermittelt, Einzelsportlerin zu sein. Wir sind immer im Team; sind mit den Leuten vom Verein draußen. Wir trainieren zusammen, haben einen gemeinsamen Trainingsalltag – nur an der Startlinie ist man allein.

Zwei Jahre lang, von 2006 bis 2008, haben Sie in Illinois, USA, gelebt. Dort haben Sie studiert und mit Ihrer Universitätsmannschaft im Rollstuhlbasketball in beiden Jahren die National Championships gewonnen. Hat Sie dieser Schritt, in ein anderes Land zu gehen, viel Überwindung gekostet?
Natürlich war das schon ein Schritt. Doch so bin ich auch erzogen worden. Ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen, die mir immer ein starkes Sicherheitsgefühl vermittelt hat. In meiner Kindheit hatte ich nie Angst, sondern immer die Einstellung: Das wird schon irgendwie gehen. Das ist meine Grundeinstellung. Ich probiere gern Neues aus, sammle neue Eindrücke und versuche, Herausforderungen positiv anstatt beängstigend wahrzunehmen.


„Ich versuche, Herausforderungen positiv anstatt beängstigend wahrzunehmen.“ – Edina Müller


Gleich geht's los: Edina Müller bereitet sich auf ihr Training vor | Foto: Brian Bojsen für HANSEstyle
Gleich geht’s los: Edina Müller bereitet sich auf ihr Training vor | Foto: Brian Bojsen für HANSEstyle

Wie wichtig sind dabei Ihre sportlichen Erfolge?
Jeder Sportler steckt viel Arbeit und Herzblut in seine Sache. Wenn man erfolgreich war, bestätigt es einen – es zeigt, dass man was richtig gemacht hat. Und das festigt einen natürlich auch für die Zukunft.

Ihre Querschnittlähmung kam ganz plötzlich, Sie waren 16 Jahre alt. Doch Sie haben nicht lange mit Ihrem Schicksal gehadert, sondern sofort wieder Sport gemacht. Was hat Sie angetrieben?
Ich wollte so schnell wie möglich selbständig werden. Diesen Krankenhausalltag fand ich ganz furchtbar! Man musste warten, bis jemand kommt und einen aus dem Bett holt, einen anzieht oder, ganz schlimm, auf die Toilette setzt. Ich glaube, dass ich deswegen gleich am Anfang alles ganz schnell gelernt und mit meinem Leben weitergemacht habe. Außerdem wollte ich wieder zu meinen Mitschülern. Ich war damals in der 10. Klasse und wurde im Krankenhaus extra von einem Lehrer unterrichtet. Später konnte ich zurück aufs Gymnasium.

Haben Sie die Zeit ganz ohne Tief überstanden?
Das kam nach etwa drei Jahren. Ich glaube, dass so ein Tief auch notwendig ist. Es ist einem ja wirklich was passiert im Leben: etwas ist verloren gegangen. Für jeden, dem so etwas passiert, ist es eine tragische Geschichte – wenn es auch für jeden irgendwie anders ist. Das muss ja verarbeitet werden. Ohne einen Trauerprozess geht das gar nicht, und der war bei mir eben nach drei Jahren, als ich mein Abitur fertig hatte. Das Tief war erst wieder weg, als ich meinen neuen Weg gefunden hatte – also nicht mehr versucht habe, im alten Leben zu verweilen. Mir ging es wieder gut, als ich den Blick nach vorn gerichtet habe. Dann bin ich ausgezogen, habe in Köln studiert und das Stipendium für die USA bekommen.

Seit 2011 leben Sie in Hamburg. Wie kam es dazu?
Das war damals auch so ein Schnittpunkt. Meine damalige, langjährige Beziehung war zu Ende gegangen und mein Diplomstudium hatte ich abgeschlossen. Es war ein Jahr vor den Paralympics und ich wollte etwas Neues: In Hamburg war der Nationaltrainer der Rollstuhlbasketballer und ich konnte mit den Teamkameraden, die dann auch in der Nationalmannschaft waren, trainieren. So konnte ich mich die neun Monate voll auf London konzentrieren.

Aus den 9 Monaten sind schon über vier Jahre geworden. Können Sie sich eigentlich als Rollstuhlfahrerin in der Stadt gut bewegen – wie barrierefrei ist Hamburg?
Barrierefrei kann man das im Moment nicht nennen. Wenn ich jetzt daran denke, dass ich mit der Bahn irgendwohin fahren müsste. Es ist so umständlich. Deswegen mache ich das auch sehr selten. Doch Hamburg ist auf dem richtigen Weg. Und Olympia hätte uns wirklich weitergebracht: In zehn Jahren hätte es einen Sprung gegeben, der nun Jahrzehnte dauern wird.

Wie bewegen Sie sich dann fort?
Ich fahre eigentlich immer Auto.

Als wir uns kennenlernten überlegte ich kurz: Soll ich mich setzen, hinunterbeugen oder hinhocken. Wie macht man es richtig?
Mir ist wichtig, dass Begegnungen ganz natürlich ablaufen. Darum machen Sie es so, dass es für Sie komfortabel ist. Es wäre ja schließlich auch für mich komisch, wenn sich ein Gesprächspartner hinhockt und ich merke, dass es für ihn total unbequem ist – die Knie vielleicht wehtun. Aber klar, ein Gespräch auf Augenhöhe ist immer am besten. Das hat auch etwas mit der Akustik zu tun: Gerade wenn mehrere Menschen im Raum sind ist es schwierig, von unten nach oben zu gucken und alles gut zu verstehen.

Brian Bojsen, prominenter Gastronom und dazu Fotograf, Verleger Christian Bauer und Edina Müller | Foto: Brian Bojsen für HANSEstyle
Brian Bojsen, prominenter Gastronom und dazu Fotograf, Verleger Christian Bauer und Edina Müller | Foto: Brian Bojsen für HANSEstyle

Ist es für Sie unangenehm, wenn Menschen im Umgang mit Ihnen unsicher sind?
Warum manchmal Begegnungen – eines Rollstuhles wegen – etwas verkrampft werden, verstehe ich nicht. Wer Bedenken hat, sollte die ganz normal ansprechen. Ich weiß ja selbst nicht bei allem, wie es richtig ist. Es gibt auch kein Richtig oder Falsch. Wer Fragen hat, kann ganz normal fragen, sodass sich Barrieren möglichst erst gar nicht aufbauen.

Das Gespräch führte: Christian Bauer


Über Edina Müller:

Die Sportlerin wird 1983 im Rheinland geboren und macht dort 2003 ihr Abitur. Vor der Querschnittlähmung spielt sie Volleyball. Nach einem Spiel im Jahr 2000 hat sie Rückenprobleme – ein Arzt versuchte, den Wirbel wieder einzurenken. Wahrscheinlich ist es eine unglückliche Verkettung von in der Behandlung passierten Fehlern, die sie in den Rollstuhl zwingen. Ein Kunstfehler ist nicht bewiesen, die Eltern haben auch auf eine Klage verzichtet. Edina Müller lässt sich durch das Unglück nicht unterkriegen und startet sofort wieder sportlich durch. Über Sitzvolleyball und Rollstuhltennis kommt sie zum Rollstuhlbasketball. Ihre Liste an Erfolgen ist lang, unter anderem wurde sie mit der Nationalmannschaft im Rollstuhlbasketball 2007 und 2009 Europameister und gewann 2012 bei den Paralympics in London eine Goldmedaille. Sie erhielt das silberne Lorbeerblatt – die höchste verliehene sportliche Auszeichnung in Deutschland – und wurde 2013 zu Hamburgs Sportlerin des Jahres gekrönt. 2014 beendete sie ihre erste Sportkarriere und startete – eher zufällig als geplant – mit ihrer zweiten Sportkarriere durch: Ihre neue Disziplin ist der Kanu-Rennsport. Derzeit bereitet sich Edina Müller mit ihrem Rennkajak auf die Paralympics 2016 in Rio vor. Die Sportlerin hat Heil- und Rehabilitationspädagogik in Köln studiert und machte ihren Bachelor of Science in Kinesiology an der University of Illinois. Edina Müller ging damals für zwei Jahre allein in die USA und gewann in beiden Jahren mit ihrem Team im Rollstuhlbasketball die Nationale Meisterschaft. Seit 2011 lebt sie in Hamburg und ist mit der Stadt zum Beispiel durch ihren Partner und ihre Arbeit als Diplom-Sporttherapeutin am Hamburger BK Klinikum verwurzelt.