Birdland

Ralph Reichert (l.) und Julian Jasper - zwei, die den Jazz in Hamburg wiederbelebt haben | Foto: Tim Wendrich für HANSEstyle

Jazz-Legenden kehren immer wieder zurück

Birdland wurde zum Mythos des Jazz – zuerst ab Dezember 1949 in Manhattan am Broadway zwischen der 52. und 53. Straße. Bis Mitte der 60er Jahre war dieser Jazz-Club die anerkannte „Jazz Corner of the World“, die Heimat von Charlie Parker, Count Basie, Art Blakey, John Coltrane, Dizzy Gillespie und vielen anderen. Von Charlie Yardbird Parker stammt der Name, von George Shearing die Club-Hymne „Lullaby of Birdland“. Dann, mit dem Aufkommen des Rock ’n’ Roll Mitte der 60er Jahre, war in New York zunächst Schluss.

1985 gründeten zwei deutsche Jazz-Enthusiasten das Hamburger Birdland, in der Gärtnerstraße 122: Heidi und Dieter Reichert. Da hatte Dennis-Swing-Club in der Papenhuder Straße den Zenit längst überschritten und Onkel Pö musste kurz darauf wegen unerfüllbarer Auflagen schließen, damals, als die beiden Reicherts ihren Keller-Club für die Modernisten des Jazz öffneten. Bei ihnen wurden Swing, Modern Jazz, Bebop, Hard Bop oder Cool gespielt – nicht aber Free Jazz, weil der zu oft zur Abstimmung mit Füßen geführt hatte. Der Architekt Reichert hatte in seinem schallisolierten Keller einen Clubraum mit viel Atmosphäre geschaffen, mit Porträts bekannter Jazzer an Holz getäfelten Wänden, so wie einst im New Yorker Original. Die Reicherts boten zudem spannende Kontrastprogramme zum bei den Hamburgern ach so beliebten Dixieland.

Das Birdland – Hamburgs Jazz-Club mit Atmosphäre Foto: Tim Wendrich für HANSEstyle

Ein Jahr später, 1986, war auch das New Yorker Birdland wieder auferstanden.

Ein Jahr später, 1986, war auch das New Yorker Birdland wieder auferstanden, erneut auf dem Broadway, allerdings nun Uptown Ecke 105. Straße. Und wurde sofort wieder zur Heimstatt für viele Jazzgrößen, die nun von den beiden Reicherts manchmal auch ins Hamburger Birdland gelockt werden konnten: Herb Geller spielte hier zur Eröffnung; es folgten u. a. Chet Baker, Art Blakey, Ray Brown, Tommy Flanagan oder die Brüder Marsalis. An Donnerstagabenden veranstaltete man regelmäßig Jam-Sessions mit hiesigen Jazzern, mit Studenten des Jazzstudiengangs der Hamburger Musikhochschule und deren Lehrern sowie mit vielen etablierten oder neu formierten Jazz-Combos aus ganz Europa. Das waren bis 2013 knapp 5.000 Jazz Nights im Hamburger Birdland – doch dann, nach 28 Jahren aufreibender Selbstausbeutung, war Schluss. Die Reicherts wollten ihren Ruhestand nun etwas entspannter angehen. Der Jazz-Keller wurde geschlossen – blieb allerdings intakt so wie er war. Den benutzten ihre beiden Söhne und deren Jazzkumpel nun als Probenraum oder für private Feten.

„Jazz ist, warum dieses Jahrhundert anders klingt als andere.“ – Dizzy Gillespie

So war es ein gutes Jahr später darum keinesfalls ein Wiederaufstieg des Phönix aus der Asche in den alten Jazzhimmel von Hoheluft: Man musste die Türe lediglich wieder aufschließen und mit einem zeitgemäßen Konzept antreten.
Die beiden Reichert-Brüder, die Musiker Ralph (Tenorsax) und Wolff (Schlagzeug), hatten sich mit den Betreibern der Szene-Bar Freundlich & Kompetent, Julius Horn und Julian Jasper, zusammengetan und gemeinsam die Wiedereröffnung des Birdland beschlossen. Die früher enge Verbindung zur Hamburger Jazz Federation wurde nicht erneuert. Das war bei ihren Eltern anders, da waren die guten Plätze stets für die Mitglieder der Federation reserviert, weil deren Mitgliedsbeiträge den Club mit finanzierten. „Heute heißt es, wer zuerst kommt mahlt zuerst“, fügt Julian Jasper hinzu, „freie Platzwahl.“
Auch das Programmangebot wurde erweitert. Mittwochs auch mal Experimente: Vocal Sessions oder neue Spielarten auch mit Grenzüberschreitungen, etwa Richtung Brasilien. Jeden Donnerstag bei freiem Eintritt die traditionellen Jam-Sessions. Freitags ein innovativ kunterbuntes Programm, manchmal auch mit Soul, Latin, Funk oder Rap. Und man lässt Experimente zu, etwa HipHop, oder macht das Birdland gelegentlich zum Dancefloor. Nicht zu vergessen die Konzertreihe Kellerhertz, wo sich neue Bands auf im Club produzierten Videos präsentieren können. Sonnabends der „Saturday Night Live Jazz“ mit Gästen aus aller Welt. Und sonntags dürfen auch mal Schüler das Birdland bespielen. „Es soll allen Besuchern Spaß machen – so kommen auch neue, jüngere Gäste“, wirft Ralph Reichert ein, „denn nach wie vor ist es ja nicht leicht, finanziell über die Runden zu kommen, in einem Club mit rund 150 Plätzen, wenn man Qualität bieten will … und muss.“ Aber das neue Betreiberquartett ist ja nicht allein auf Einnahmen aus dem Club angewiesen, nur draufzahlen möchte man auch nicht.

Und die musikalische Qualität scheint auf Anhieb zu stimmen: Kaum ein Jahr nach der Wiedereröffnung erhielt das Birdland vom Clubkombinat Hamburg e.V., dem Interessenverband der Clubbetreiber, Veranstalter, Booker und Agenturen in unserer Metropolregion, den Award für das Konzert des Jahres: am 10. April 2015 mit Larry Goldings, Peter Bernstein und Bill Stewart.

1996 zog der New Yorker The Birdland Jazz Club wieder zurück nach Midtown, in die 44. Straße West, zwischen 8. und 9. Avenue. Und mutierte dabei zu einer Art Dinner-Club mit Jazz-Musik.

Julian Jasper, Ralph Reichert und Heinz H. Behrens – drei Jazz-Fans beim Fachsimpeln | Foto: Tim Wendrich für HANSEstyle

Unser Birdland gibt sich da puristischer: keine Speisen mehr außer Salzstangen und Nüsse, nur Getränke. Die neuen Gastronomen aber verwöhnen ihre Gäste nicht nur mit Bier, Whisky oder alkoholfreien Drinks, sondern auch mit süffigen Cocktails. Bleibt noch anzumerken: Der Jazz-Keller ist auch zu mieten, für Events in Eigenregie oder geschlossene Gesellschaften. Auch das sind neue Ideen, damit unser

Birdland die Hamburger „Jazz Corner of the World“ bleibt!

Das Gespräch führte: Heinz H. Behrens