„Bildung ist der größte Aufstiegsturbo!“

Stets ein Blick auf die Hamburger Schulen: Dr. Michael Voges.
Foto: Simone Rudloff für HANSEstyle

Dr. Michael Voges (63) ist Staatsrat der Behörde für Schule und Berufsbildung. Im Gespräch mit HANSEstyle unterstreicht er, welche Bedeutung das Erlernen der deutschen Sprache für die Integration hat, er beantwortet die Frage, ob das Abitur an Gymnasium und Stadtteilschule gleichwertig ist und er erzählt, wovon der Bildungserfolg bei Kindern wirklich abhängt.

HANSEstyle: Unter den von Hamburg aufgenommenen Flüchtlingen sind über 6.000 schulpflichtige Kinder. Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um?
Staatsrat Dr. Voges: Es gibt wohl kein Thema, das uns in den letzten Monaten so beschäftigt hat wie die Beschulung von Flüchtlingen. Wir alle wurden von der großen Anzahl an Menschen, die seit letztem Sommer zu uns gekommen sind, überrascht. Und es ist tatsächlich eine große Herausforderung. Im Vergleich zu anderen Ländern hat Deutschland jedoch früh reagiert und mit der Beschulung begonnen. Die Systeme mussten zwar sehr schnell wachsen – doch schon vor dem letztem Sommer hatten wir verschiedene Formen von Vorbereitungsklassen. Zum Beispiel gab es bereits sogenannte Basisklassen für diejenigen, die noch gar nicht alphabetisiert waren. Für die anderen Schülerinnen und Schüler haben wir im allgemein bildenden Bereich internationale Vorbereitungsklassen mit unterschiedlichen Jahrgangsstufen sowohl in der Grundschule als auch in der Sekundarstufe I angeboten (Anm.: Die Sekundarstufe 1 umfasst die Schulstufen der mittleren Bildung, in Deutschland zum Beispiel die Hauptschule oder das Gymnasium bis zur neunten Klasse). Dort werden die Kinder auf den Regelunterricht vorbereitet.

Wie wichtig ist Beschulung in den Erstaufnahmeeinrichtungen für die Integration?
Es gibt keinen wirksameren Weg zur Integration als Bildung und Ausbildung. Wo, wenn nicht dort, können junge Menschen besser auf das Leben in einer neuen Umgebung vorbereitet werden. Die Sprache ist das Wichtigste. Sie ist der Schlüssel zur weiteren Bildung; aber sie ist zum Beispiel auch wichtig, um Alltagssituationen kennenzulernen und um Orientierungswissen zu bekommen, sodass man sich in einer Stadt wie Hamburg, in einem Land wie Deutschland aufhalten und zurechtfinden kann.<


„Die Sprache ist das Wichtigste. Sie ist der Schlüssel zur weiteren Bildung.“ – Dr. Michael Voges


Plötzlich sind viel mehr Kinder schulpflichtig und müssen alphabetisiert werden. Wie ist das zu schaffen – auch im Hinblick auf Klassengrößen?
Da Flüchtlinge sich zum Teil drei bis sechs Monate in den Erstaufnahmeeinrichtungen aufhalten, können wir mit dem Unterricht nicht bis zur Unterbringung in einer Folgeeinrichtung warten. In Hamburg haben wir konsequent versucht, so früh wie möglich in den zentralen Erstaufnahmeeinrichtungen zu unterrichten. Das hat zwar nicht immer vom ersten Tag an geklappt, aber dieses Ziel hatten wir stets vor Augen. Wir haben zum Beispiel von Lehrern und Sozialpädagogen betreute Lerngruppen mit ca. 15 Schülerinnen und Schülern eingerichtet – zunächst jahrgangsübergreifend. Dafür haben wir Unterrichtsmaterial entwickelt, sodass von Beginn an möglichst viel Spracherwerb passiert. Wenn die Flüchtlingsfamilien im Anschluss an die Erstaufnahme in öffentlich-rechtliche Unterkünfte kommen, versuchen wir, die Beschulung in internationalen Vorbereitungsklassen oder, für diejenigen, die 16 oder älter sind, im berufsschulischen Bereich zu schaffen. Dies sind Klassen, die wir bei Bedarf einrichten, meist in einem gewissen Umkreis um die großen Unterkünfte herum. Denn sie müssen erreichbar sein, der Schulweg muss bewältigt werden können. In diesen Lerngruppen halten sich die Schülerinnen und Schüler im Durchschnitt ein Jahr lang auf. Erst dann erfolgt der Übergang in das Regelsystem. Wer zum Beispiel in der zweiten Jahreshälfte des letzten Jahres nach Hamburg gekommen ist, sollte in der zweiten Hälfte dieses Jahres in Regelklassen übergehen können.

Michael Voges
Foto: Simone Rudloff für HANSEstyle

Sie sind in der Kultusministerkonferenz aktiv. Gibt es eine für alle Bundesländer geltende Definition, was schulisches Bildungsziel ist? Oder definiert das jedes Bundesland immer noch für sich selbst?
Es gibt längst Standards. Nach der ersten deutschen Teilnahme an der PISA-Studie gab es bekanntlich einen Aufschrei. Im Nachgang hat die Kultusministerkonferenz etliches auf den Weg gebracht. So wurden für Grundschulen, den Mittleren Bildungsabschluss sowie die Allgemeine Hochschulreife Bildungsstandards definiert und verabschiedet. Diese bestimmen, was Schülerinnen und Schüler können müssen. Zudem ist festgelegt, dass Standards regelmäßig im Ländervergleich – in den Grundfächern – überprüft werden. Diskutiert wird auch die Überprüfung der Allgemeinen Hochschulreife. Weil das schwierig ist, hat die Kultusministerkonferenz entschieden, dass sich bei der Abiturprüfung alle Länder aus einem Aufgabenpool bedienen. Ab 2017 wird das zum ersten Mal praktiziert und alle Länder werden sich daran beteiligen – ein sehr bedeutender Schritt nach vorn.

Halten Sie das Abitur an einer Stadtteilschule für genauso gut wie das am Gymnasium?
Ja, es wird unter den gleichen Bedingungen geschrieben, die Vereinbarungen zur Durchführung der Prüfung sind die gleichen. Wir haben zentrale Aufgaben für das Abitur – an der Stadtteilschule wie auch am Gymnasium. Die Durchschnittsnote fällt mitunter an einer Stadtteilschule ein wenig schwächer aus als am Gymnasium. Es gibt Notenunterschiede, doch das heißt doch gerade nicht, dass die Maßstäbe fragwürdig seien. Die Schülerschaft an einer Stadtteilschule ist eine andere als an einem Gymnasium. In der Stadtteilschule gibt es weniger „gymnasial empfohlene“ Kinder. An manchen Stadtteilschulen sogar sehr wenige. Dennoch gelingt es den Stadtteilschulen mit etwas längerer Lernzeit und entsprechender pädagogischer Arbeit, viele Schülerinnen und Schüler in die Oberstufe zu führen und zum Abitur. Das ist eine erhebliche Leistung.

Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, dass Eltern zu viel Mitbestimmungsrechte bei der Schulwahl ihrer Kinder haben? Kinder zum Beispiel oft ohne schulische Empfehlung auf das Gymnasium gehen?
Ihre Frage hat zwei Dimensionen. Zum einen die der Bildungsbeteiligung – noch in den 70er-Jahren haben etwa 10 Prozent eines Jahrgangs Abitur gemacht. Mittlerweile haben wir in allen Bundesländern deutlich höhere Zahlen. Das ist ein Erfolg. Bildungserfolg bedeutet immer auch die Chance, besser teilzuhaben an Berufskarrieren, bessere Chancen darauf, ein sinnerfülltes Leben zu führen. Die zweite Dimension ist die der Bildungsqualität: Hamburg kümmert sich seit langem um Bildungsergebnisse, die wir über die Jahre verfolgt und verglichen haben. Obwohl wir mit G8 noch eine Verkürzung der Schulzeit haben, können wir nicht feststellen, dass die Ergebnisse schlechter geworden sind. Insofern habe ich keine Sorge, dass höhere Bildungsbeteiligung a priori zu schwächeren Abschlüssen führt.

Universitäten murren oftmals über Abiturienten und deren Wissensstand, während Handwerksbetriebe mangelnde Grundkenntnisse für zunehmend komplizierter werdende Berufsbilder kritisieren. Wie begegnen Sie solchen Beschwerden?
Kritisches Abwägen von Bildungsprozessen ist ganz wesentlich. Wir fragen uns oft, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Für gelungene Bildung gibt es viele Faktoren. In Hamburg steht das Qualitätsthema massiv im Mittelpunkt der bildungspolitischen Arbeit. Der Schulfrieden hat uns nun Luft zum Durchatmen beschert – da wir keine ernsthafte Diskussion mehr über die Strukturen im Hamburger Bildungswesen haben, können wir uns endlich Zeit nehmen und uns intensiv mit Themen zur Verbesserung der Bildungsqualität befassen. Wir erstreben Unterricht, der möglichst viele Schülerinnen und Schüler zu besten Lernergebnissen führt. Die Klagen von Hochschulen und Handwerksmeistern sind mir vertraut, sie werden von uns bedacht und ernst genommen.

Wie wichtig sind Lehrer für den Bildungserfolg?
Tatsächlich kommt es darauf an, Lehrer fachlich rundum qualifiziert auszubilden. Lehrer müssen imstande sein, für die mit unterschiedlichen Voraussetzungen in die Bildungslaufbahn eintretenden Schülerinnen und Schüler eine angemessene pädagogische Antwort zu finden. Lehrer sind die entscheidende Variable für die Qualität des Schulunterrichts. Auf die Lehrer kommt es an! Das ist unbestrittene und banale Erkenntnislage aufgrund der empirischen Bildungsforschung. Auch Bildungspläne oder Klassengrößen sind mögliche Erfolgskriterien für den Unterricht. Aber letztlich entscheidend für den Lernerfolg sind die Lehrer. Natürlich müssen Lehrer Unterricht organisieren, der fachlich in Ordnung ist. Doch besonders wichtig ist, dass der Unterricht die Kinder nicht langweilt, sondern sie fordert und geistig aktiviert. Lehrer müssen verstehen, was bei den Schülern passiert, die Rückmeldung und kluge Beschäftigung brauchen.


„Auf die Lehrer kommt es an!“ – Dr. Michael Voges


Im Hinblick auf den Bildungserfolg: Halten Sie das Elternhaus oder die Lehrer für entscheidender? Können Lehrer schwierige Elternhäuser ausgleichen?
Da sprechen Sie etwas sehr Schwieriges an. Wir haben in Deutschland tatsächlich noch eine enge Kopplung zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Wir haben überproportional viele Schüler, die aus sozial gehobenen Schichten kommen, weiterführende Schulen besuchen und höherwertige Bildungsabschlüsse erzielen. Die soziale Herkunft ist noch immer zu sehr für den Bildungserfolg verantwortlich. Allerdings haben wir es in Deutschland in den letzten 10 bis 15 Jahren geschafft, diese Kopplung abzuschwächen. Insbesondere, weil wir die schwächeren Schülerinnen und Schüler fördern. Allerdings haben wir diese Relationen noch nicht ganz überwinden können. Das ist eine bleibende Aufgabe, nicht zuletzt auch angesichts der Migration, wie wir sie zurzeit erleben. Durch die Ganztagsschulen wird mehr Zeit in der Schule verbracht – und diese Zeit werden wir nutzen. Wir versuchen, so weit zu kommen, dass soziale Herkunft nicht mehr den entscheidenden Einfluss hat.

Das Gesprächstrio: (v.l.) Polit-Kolumnist Klaus May, Staatsrat Dr. Michael Voges und Verleger Christian Bauer </br> Foto: Simone Rudloff für HANSEstyle
Das Gesprächstrio: (v.l.) Polit-Kolumnist Klaus May, Staatsrat Dr. Michael Voges und Verleger Christian Bauer | Foto: Simone Rudloff für HANSEstyle

Kinder aus reicheren Elternhäusern haben die Chancen, die aus ärmeren das Nachsehen?
Obwohl damit viel verbunden wird, hängt der Erfolg jedoch nicht immer nur vom häuslichen Geld ab. Tatsächlich sehen Bildungsforscher im Besitz und Lesen von Büchern ein ganz wesentliches Kriterium. In Haushalten ohne Bücher fällt der Bildungserfolg oft magerer aus. Wohlhabende Familien, die häufig über höhere Bildungsabschlüsse verfügen, halten höhere Bildungsabschlüsse bei ihren Kindern öfter für selbstverständlich. Bei Zuwanderern, wo eventuell noch gar kein richtiges Bildungssystem erfahren wurde, müssen die Ansprüche der Eltern, muss deren Motivation erst einmal geweckt werden. Zum Beispiel ist unser Mentorenprojekt ein ständiger Versuch, Eltern an sozialen Brennpunkten zu qualifizieren, damit sie Einfluss nehmen und Bildungsambitionen ihrer Kinder besser fördern können. Dieses mit guten Ergebnissen: Gerade Zugewanderte haben einen hohen Bildungsehrgeiz. Wir wollen Teilhabechancen ermöglichen. Das zeichnet unsere Bildungspolitik aus. Bildung ist der größte Aufstiegsturbo, den wir in dieser Gesellschaft haben.

Im Gespräch mit: Christian Bauer