Ausgebrannt: Erschöpfung als Dauerzustand

„Oft findet eine Ent- fremdung von eigentlich wichtigen Lebensbereichen, wie beispielsweise von der Familie, statt.“ - Dr. Nadja Behling | Foto: HANSEstyle

Ob Druck bei der Arbeit oder familiäre Probleme – Stresssituationen begegnen uns überall. Doch was, wenn Stress unbemerkt zur Lebensgefahr wird? Im Fachzentrum für Stressmedizin Falkenried verhilft Dr. Nadja Behling Betroffenen zu neuem Wohlbefinden und mehr Bewusstsein für eine gesunde Psyche. Wo die Grenzen zwischen Stress, Burnout und Depression liegen, wer besonders gefährdet ist und wie Alltagsstress reduziert werden kann, erklärt die Fachärztin für psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Gespräch mit HANSEstyle.

FRAGEN AN DR. BEHLING

Was macht den Fachbereich der psychosomatischen Medizin und Psychotherapie für Sie so interessant?
Er vereint Aspekte aus der Medizin und der Psychologie und wird dem Menschen in seiner Komplexität am ehesten gerecht. Außerdem können Beschwerdebilder umfassend wahrgenommen und behandelt werden.

Oftmals wird das Thema psychische Erkrankung in der Gesellschaft noch tabuisiert, wie ist Ihre Erfahrung?
Ich denke, dass sich langsam mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Erkrankungen entwickelt. Das wird unter anderem daran deutlich, dass die Thematik häufig in den Medien aufgegriffen wird und vermehrt auch Personen des öffentlichen Lebens offen mit ihrer Erkrankung umgehen. Der Umgang der Patienten mit der eigenen Erkrankung ist sehr individuell, auch abhängig vom Lebens- und Berufskontext.

Stress, Depressionen und Burnout – wie eng sind diese Themen miteinander verbunden?
Stress entsteht durch ein Missverhältnis von Anforderungen und den zur Verfügung stehenden Ressourcen. Der Körper mobilisiert alle vorhandenen Kräfte, um eine besondere Leistungsfähigkeit herzustellen. Burnout ist definiert als ein Erschöpfungszustand, der länger als sechs Monate andauert und bei dem Regenerationsphasen, wie zum Beispiel Urlaub, keine Besserung bringen. Bei einer Depression stehen Symptome wie gedrückte Stimmung, Antriebslosigkeit und sogar lebensmüde Gedanken im Vordergrund.

Welche Symptome deuten auf zu viel Stress hin und wie können Betroffene den Alltagsstress reduzieren?
Zu viel Stress kann sich zum Beispiel durch ein Gefühl von Erschöpfung äußern, begleitet von innerer Unruhe. Auch Reizbarkeit, Schlafstörungen und körperliche Beschwerden wie zum Beispiel Ohrgeräusche sind möglich. Um Stress zu reduzieren, gilt es zunächst herauszufinden, wodurch er entsteht. Sind es äußere Faktoren, wie eine starke Arbeitsbelastung oder persönliche Faktoren, beispielsweise zu hohe Ansprüche an die eigene Leistung? Wichtig ist, einen Ausgleich zu schaffen, zum Beispiel Zeit mit der Familie verbringen oder Hobbies nachgehen.

Welche Anzeichen kann es für das Burnout geben? Welche Therapiemöglichkeiten bieten Sie im Fachzentrum?
Anzeichen für einen Burnout sind neben der Erschöpfung auch Leistungseinbußen und die Verminderung der Konzentration. Oft findet eine Entfremdung von eigentlich wichtigen Lebensbereichen, wie beispielsweise von der Familie, statt. Für den Patienten kann es hilfreich sein, Abstand zu der belastenden Situation herzustellen. Wir haben hier im Fachzentrum die Möglichkeit einer ambulanten Psychotherapie oder, bei schwereren Symptomen, die Option einer tagesklinischen Behandlung.

Gibt es aus Ihrer Sicht bestimmte Risikofaktoren oder -gruppen?
Ja. Menschen können durch persönliche Faktoren wie ein hohes Verantwortungsempfinden, Perfektionismus oder eine nach Harmonie strebende Haltung gefährdet sein. Äußere Faktoren wie Leistungsdruck, ein zu hohes Leistungspensum oder fehlende Wertschätzung durch Vorgesetzte können ebenfalls ein Risiko darstellen.

Welche Ratschläge geben Sie zur Prävention?
Es gilt zu bewerten, wo die Hauptbelastungsfaktoren liegen – in den äußeren Lebensumständen oder in der eigenen Persönlichkeit. Die Hinterfragung der eigenen Bewertung oder der emotionale Rückhalt von Vertrauten können eine Hilfe sein. Grundsätzlich sollte immer ein Ausgleich geschaffen werden, um die eigenen Akkus wieder aufzuladen.

Im Gespräch mit: Florian Schmidt


Dr. Nadja Behling:

Dr. Nadja Behling beendete 2002 ihr Medizinstudium, das sie in Hamburg und Sydney absolvierte. Tätig ist sie heute als Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und als Oberärztin im Fachzentrum Falkenried und dem Fachzentrum für Stressmedizin und Psychotherapie in Eppendorf. Neben Burnout und Erschöpfungs-symptomen ist sie unter anderem auf die Behandlung von Depressionen, Angst- und Panikstörungen sowie Essstörungen spezialisiert. Besonders die Wechselwirkungen von Arbeit und Gesundheit liegen in Dr. Behlings Interessensgebiet. Sie ist ausgebildet als psychodynamische Organisationsberaterin, Coach und Team-Supervisorin.